Einblick in die Hochschullandschaft Deutschlands

Lukas Rohr, Departementsleiter der Berner Fachhochschule Technik und Informatik hat gemeinsam mit einigen Schweizer Kollegen eine HEM-Studienreise absolviert. Der Verein „Higher Education Management der Schweizer Fachhochschulen“ bietet Weiterbildungsmöglichkeiten für Leitungspersonen an Fachhochschulen an, organisiert Konferenzen und Tagungen und dokumentiert den Kompetenzaufbau im Bereich Führung und Entwicklung von Hochschulen. Die Studienreise führte nach Berlin und den neuen Bundesländern, bei der einige Hochschulen besucht wurden.

Lukas Rohr, Sie haben im Oktober an der Studienreise in Deutschland teilgenommen. Was hat Sie dazu bewogen?
Es ist wichtig, zwischendurch eine Aussensicht auf die Dinge zu bekommen. Generell fokussieren wir viel zu oft auf unsere Innensicht. Ausserdem wollte ich wissen, wie Deutschland mit dem dritten Zyklus umgeht.

Können Sie uns etwas über das Hochschulsystem berichten? Welche grossen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Schweizer System sind Ihnen aufgefallen?
In Deutschland ist das duale Bildungssystem lange nicht so angesehen und ausgeprägt wie in der Schweiz. Aus diesem Grund absolviert die Mehrheit der Jugendlichen ein Abitur, um danach zu studieren. Die Fachhochschulen verzeichnen eine Abiturientenquote von 70%. Die Profilierung der verschiedenen Typen Hochschulen ist damit viel weniger ausgeprägt. Es lässt sich auch eine grosse Heterogenität der Studierenden feststellen, je nach Abitur, welches und wo sie abgeschlossen haben.
Die Fachhochschulen haben einen starken Drang die Universitäten zu kopieren. Eine typologische Profilierung ist nicht in starkem Masse erkennbar. Bei den Besuchen der Fachhochschulen war ich ausserdem erstaunt über den zum Teil grossen Qualitätsunterschied der verschieden Schulen und Studiengänge. Insbesondere die Forschungsaktivitäten sind sehr unterschiedlich ausgeprägt und generell sehr schlecht finanziert. Oft fehlt auch eine starke regionale Industriebasis.  Beeindruckend sind immer wieder die Begeisterung und das Engagement, die von vielen Hochschulangehörigen ausgeht.

Wie wird in Deutschland der Begriff „Weiterbildung“ definiert?
Alles was berufsbegleitend studiert wird, gilt als Weiterbildung. Unser Verständnis für Weiterbildung hat eine andere Bedeutung und orientiert sich viel mehr am life long learning. In Deutschland wird nicht zwischen konsekutiv und Weiterbildungsmaster unterschieden. Hier lohnt es sich sicher, wenn wir uns überlegen wie wir uns weiterentwickeln wollen.

Welche Hochschulen haben Sie besucht und was war Ihr Eindruck? Ist eine Zusammenarbeit mit den besuchten Institutionen möglich?
Wir haben während der Studienreise folgende Hochschulen besucht: Beuth Hochschule für Technik, Deutsche Universität für Weiterbildung Berlin, Fachhochschule Brandenburg/Hochschulverbund Distance Learning HDL, Hochschule Neubrandenburg, Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, Freie Universität Berlin, Zentrum für Lehrerbildung Berlin. Grundsätzlich sind die Fachhochschulen finanziell schlechter ausgestattet als die Berner Fachhochschule.
Insbesondere die Beuth Hochschule für Technik und die Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, glaube ich, haben ein ähnliches Niveau wie unseres, mit denen kann ich mir eine Zusammenarbeit gut vorstellen.
Ich hatte den Eindruck, dass in Deutschland mehr an Angeboten zu flexiblem Lernen gearbeitet wird. Da haben wir an der Berner Fachhochschule sicherlich Nachholbedarf.

Welches sind in Deutschland die dominanten Themen in der Internationalisierung?
Verschiedene deutsche Fachhochschulen versuchen gezielt mit ausländischen Studierenden ihr Wachstum zu verstärken und damit auch ihre Finanzierung zu verbessern. Beispielsweise die Fachhochschule Brandenburg hat einen speziellen Fokus auf brasilianische Studierende und pflegt hier intensive Kooperationen.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit nach Hause?
Wir haben ein ausgezeichnetes System und müssen unsere starke Profilierung behalten respektive weiter fokussieren. Das duale Bildungssystem geniesst in der Schweiz einen hohen Stellenwert, dazu sollten wir Sorge tragen! Trotzdem haben auch wir noch viel Verbesserungspotential und sollten Veränderungen anpacken und unser System für die Zukunft weiterentwickeln.

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Interview

Lukas Rohr, Departementsleiter der Berner Fachhochschule Technik und Informatik, im Interview

Autorin

Jolanda Kieliger
Projektmitarbeiterin IRO
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