Praktikum als Hebamme in Rom

Romana Naef hat am Fachbereich Gesundheit BSc Hebamme studiert. Im Frühling 2016 hat sie ein Erasmus/SEMP-Praktikum an der Università Cattolica del sacro cuore Roma absolviert und dort sehr viele Erfahrungen gesammelt, die sie uns packend in einem Bericht schildert. 

 

Nach dem OSCE am Freitag 19.02.2016 packte ich meine letzten Sachen und putzte meine Wohnung in Bern, so dass meine Untermieter sich wohl fühlen. Zeit für Vorfreude blieb nicht, denn aufgrund der OSCE-Vorbereitung und der schrecklichen Diagnose unserer liebsten Mitstudentin konzentrierte man sich auf den Moment. Am Samstag verabschiedete ich meine Familie. Sonntagnachmittags ging es dann los nach Basel Flughafen. Um ca. 21:00 landete ich in Rom. 

Nun war ich also mit meiner Koffer und Neugierde in Italien angekommen. Da ich in der Nähe des Gemelli Hospitals etwas ausserhalb des Zentrums wohnte, musste ich das Taxi nehmen um nicht all zu spät anzukommen. Der Taxichauffeur fand mein Italienisch ganz nett und wollte mir die Stadt zeigen. Doch nein, ich bin zum Arbeiten hier, was ich dann auch klar kommunizierte. Die Hebamme Marisa, machte mir die Türe auf. Ich war ziemlich erschöpft, aber froh, gesund angekommen zu sein. Sie fragte mich dann sofort ob ich was gegessen hätte und bot mir Spaghetti al aglio an. „Ramona senti, ti piace la pasta bene cotta o al dente ?" Nun wusste ich einmal mehr, ich bin in Italien angekommen. Pasta al dente, wunderbar! Darauf sah ich mein Zimmer, ganz in meinen Farben romantisch eingerichtet, jedoch kalt, da hier kaum geheizt wurde. „Signora“ meinte etwas vorwurfsvoll, dass ich zu wenige warme Kleider mitgenommen hätte. In der Schweiz ist es wirklich so, dass die Räume sehr warm geheizt sind. Am Morgen kamen dann aber auch Ende Februar sofort die ersten Sonnenstrahlen und ich war glücklich. 

 

Am Montag ging ich also ins Ufficio Internationale. Ich habe mir vorgestellt, dann sofort mit Arbeiten zu beginnen. Doch zuerst führten wir ein Gespräch und dann ging es los ins Labor. Ich musste Urin und Blut abgeben, denn nur wenn ich aktuell wirklich gesund bin, kann ich hier arbeiten. Ebenso musste ich den Mantouxtest machen. Dafür musste ich in die Polyklinik und war dort nicht ganz alleine. Wurde dann mal vor ein Zimmer geschickt und habe dann Stunden gewartet, wie viele Patienten/innen eben auch. Von ihnen lernte ich, dass ich mich bemerkbar machen und nachfragen müsse, denn sonst passiere in Italien nichts und ich würde bis morgen warten. „Meno male“, das hat dann auch genützt. Die Ergebnisse brauchten 2 Tage. Ich hatte auch einen ärztlichen Untersuch vornehmen müssen und wohl noch nie im Leben wurde ich so genau abgecheckt und bekam mehrseitige Laborresultate. Ein gesundheitlicher Risikofaktor: Die Schichtarbeit. Doch zu meiner Dankbarkeit und Erwartung bin ich gesund. Ich konnte nun also mit dem Praktikum starten. Hatte dann ein Gespräch mit der Ausbildungsverantwortlichen Signora Barbara Burlon. Eine herzliche, präzise Frau aus dem Trentino, welche mir erstmal einen Caffé offerierte und mir die grosse Klinik zeigte. Es ist sehr verwinkelt, neu und alt und man verläuft sich sehr schnell. Die ersten Tage waren eine Herausforderung. Die erste Woche arbeitete ich auf dem Pronto Soccorso/geburtshilflichen Notfall. Das kennen wir in der Schweiz nicht und diese Erfahrung war für mich sehr spannend. Wie wird triagiert? Welche Frauen kommen? Welche Fragen werden gestellt? Welches sind die Prioritäten? Bei Dienstanfang wurden jeweils die Geräte getestet und auf Funktionsfähigkeit überprüft. Da Monatsanfang war, wurde auch der Notfall und Reawagen kontrolliert und die abgelaufenen Medikamente ausgewechselt. Ich nahm jeweils die Vitalwerte und nahm teil an den Aufnahmegesprächen. Die Frage ist stets, welche Patientin ist dringend anzuschauen. Welches sind die Konsequenzen, was können wir anbieten, abhängig vom Schwangerschaftsalter (letzte Menstruation). Mögliche Fragen:  „Per quale motivo lei viene?" „Cosa é successo e quando?“ Gravidität? Parität? Aborte? Ging alles gut in der Schwangerschaft? Wurde eine Therapie gemacht?

 

Jede Frau bekommt ein Armband mit den Personalien und einer Nummer und so werden die Frauen aufgerufen. Nicht immer handelt es sich um dringliche Notfälle. Die Frauen wissen teils sehr wenig über die Physiologie der Schwangerschaft und kommen aus Unsicherheit in die Klinik. Vielleicht kommen sie auch eher früher, weil sie die Kosten nicht selber zu tragen haben sondern das Gesundheitssystem durch den Staat finanziert wird. Da es Italien ökonomisch nicht gut geht, scheint mir dies problematisch. Es gibt hier wenig Kontinuität und ambulante Hebammenbetreuung und auch die Informationsabende für Gebärende werden nur durch die Ärzte vermittelt. Die Frauen teilen oft auch mit, dass sie unwissend sind und unsicher. Weil hier alles sehr schnell gehen muss, ist kein wirklicher Beziehungsaufbau zu den Frauen möglich und kaum realistisch. Die Frauen kommen auch hier her mit Kontraktionen, Fruchtwasserabgang etc. und werden dann direkt in den Gebärsaal verlegt. Ein Vorteil, denn so können Frauen in der Latenzphase auch beraten werden und allenfalls nochmals nach Hause gehen. Prozedere heisst meist Monitoring, Vaginaluntersuch, ärztliches Gespräch und oft ein Elektrokardiogramm. Von 7:30 bis 14:00 wird mehrheitlich durchgearbeitet. Der Frühdienst geht ungefähr 7 Stunden, Spätdienst 8 Stunden und der Nachtdienst bis 12h. 

 

In der zweiten Woche arbeite ich im geburtshilflichen Ambulatorium, dort werden ca. 15 bis 20 Schwangerschaftskontrollen gemacht pro Dienst. Es sind stets zwei Ärzte (1 Assistenzarzt) und eine Hebamme sowie eine Student/in anwesend. Ich nahm die Vitalwerte und wir beide Hebammen machten stets den Vaginaluntersuch. Dieser erfolgt mit zwei Finger. Es waren hauptsächlich sakrale Befunde. Der Arzt hat mich dabei aufmerksam gemacht, während des VU‘s stets mit der anderen Hand/ drei Finger den Fundus zu tasten und Ballotement zu machen. Die Kontrollen verlaufen sehr pathologisch orientiert. Die Anamnese wird mehrheitlich medizinisch erfasst und weniger ganzheitlich. Risikofaktoren, Laborwerte, PID, Anomalien, Familienerkrankungen, Vitalzeichen sowie Gewicht und Ernährung sind im Hauptfokus. Eine glykämische Kurve muss einmal gemacht werden. So werde ich gefragt über die Glucosetoleranz (in der SS kleiner 92, ausserhalb SS 65 bis 110). Es wird auch ein Ernährungs-informationsblatt abgegeben. So ist Protein sehr wichtig für das kindliche Wachstum (Fleisch, Fisch), weil dies sonst vom Plasma gebraucht wird. Eisen tiefer 7,5 bedeutet Therapie in der Klinik. Drei Faktoren sind dabei zu beachten: Gravidät, Zwillinge und Anämie. In der Schwangerschaft sind die ECs tiefer und die Leukozyten höher bis ca. 150‘000. Eine Schwangere hatte die Arteria carotida sinistra operiert, wodurch das Thrombosenrisiko erhöht wird. Wenn der BD sinkt in der 21 bis 24 Woche ist dies ein gutes Zeichen für eine ausreichend starke Plazentadurchblutung. In Italien kann bis zur 23 SSW eine Abtreibung vollzogen werden. Die Laborwerte tragen die Frauen stets bei sich (zu Hause), sie sollten nach Datum geordnet werden. Je nach Typ klappt das besser oder weniger. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Hebammen ist freundschaftlich und es wird auch viel gesprochen/gelacht. Die Hierarchie ist jedoch klar und die Hebammen arbeiten wenig autonom haben aber technische/geburtsmedizinische Kompetenzen wie Ultraschall (jedoch nur Teilkompetenzen). Einer der langjährigen Professoren fragte mich: „Ihnen gefällt also die Pathologie?“ Ich meinte: „Interessant, doch die Physiologie gefällt mir besser und empfinde ich als sehr wichtig“. Ehrlich gesagt, war mir wenig bewusst, dass ich in einem der grössten Zentrumsspitäler Europas mit viel Pathologie gelandet bin. Er meinte dann sofort: „Ja, aber sie wissen schon es gibt eine hohe kindliche und mütterliche Mortalität?“ Ich schweigsam, nonverbal kommunizierend „jein“- er darauf: „ ja sie haben schon Recht, die Physiologie ist auch schön“. Ambivalenz - es war für beide wohl etwas suspekt und immer schmunzelten wir, als wir uns im Gebärsaal begegneten. Adipositas ist in Italien auch verbreitet und nun wird eine Studie gemacht über das mütterliche Gewicht und Einfluss auf Geburtskomplikationen. Ziel sollte es sein, ein optimales Gewicht vor der Geburt anzustreben. Mir ist aufgefallen, dass Frauen hier sehr viele Aborte haben und viel Angst herrscht. Ich durfte auch p.p Kontrollen machen. Wie ist der Uterus rückgebildet? Kontrolle der Narben nach Sectio und VU (Portio). Jedoch ist auch hier die Zeit beschränkt und oftmals hätten die Frauen noch mehr Fragen wie z.B. betr. Stillen. Es ist auffällig, dass die Frauen grösstenteils ein reiferes Alter haben bei der ersten Geburt. Oft zwischen 35 und 40. Ich habe auch 50/60 jährige Schwangere angetroffen. Zum einen Teil wohl auch aufgrund der ökonomischen Situation. Ich habe stets ein Tagebuch geführt und auch die Kontrollen/Geburten schriftlich festgehalten. Das wurde als sehr „deutsch“ und „strukturiert“ angesehen und bestaunt bis belächelt. Man lernt im Ausland auch sein Ding durchzuziehen und das Beobachten und nonverbale Kommunizieren war sehr entscheidend. Ich konnte mich sehr gut verständigen, doch natürlich ist es nicht wie in der Muttersprache. Ich hatte jedoch niemals Probleme deswegen und die Frauen hatten oftmals auch Freude wenn ich mitteilte, dass ich Erasmusstudentin bin. Die Menschen hier sind sehr offen und flexibel. Wenn ich Augenkontakt aufgenommen hatte, ist das auch ein Signal der Präsenz. Das Wesentliche wahrnehmen, Auffälligkeiten sehen und die Frauen fühlen sich sofort ernst genommen. In der Geburtshilfe geht es ja sehr viel um beobachten. Die Kinder kommen überall, sofern man die Natur mehr lassen würde - gleich zur Welt. Die Italiener/innen sprechen mässig Fremdsprachen und sind nicht traurig, wenn man auch Gespräche in Englisch übernehmen kann. So hatte ich auch solche Situationen (obwohl mein Italienisch besser ist), denn hier gibt es auch viele ausländische Frauen. Sie sind sehr auf Kommunikation angewiesen, da sie das italienische System teils mässig kennen. Ich habe auch einen Englischnachmittag (Lektionen) besucht mit den Studierenden des letzten Jahres, weil ich in den ersten Wochen oftmals nur bis 14:00 in der Klinik war. Weitere Lektionen besuchte ich in Pädagogik/Kommunikation, Organisation und Statistik. Ich lernte weiteres über das Schreien, aktive/authentische Kommunikation, italienisches Gesundheitssystem etc. Etwas hat mich speziell zum Nachdenken angeregt: Im Jahr 2050 wird nach neuen Untersuchungen kein Land in Europa genügend Ressourcen haben im Gesundheitssystem. Ich frage mich, weil ich einmal mehr sah, wie viel Geld in die Geburtsmedizin investiert wird. Mit Hebammenarbeit könnten Milliarden eingespart werden. Es war ein sehr denkreiches, vielschichtiges Praktikum….Vieles im Unterricht habe ich bereits einmal gehört und konnte vertieft werden. So konnte ich mich auch optimal ans Italienisch anpassen und wurde auch aktiv in den Unterricht einbezogen zum Sprechen. Das Italienisch wurde immer mehr zur Selbstverständlichkeit und es gab für mich in Italien keine Gelegenheit Deutsch zu sprechen. Auch Marisa sprach zu Hause nur Italienisch. Zurecht sind die Italiener/innen stolz auf ihre Sprache. Weiter besuchte ich einen Vortrag eines Professors über die Plazenta und deren Wichtigkeit/Einfluss auf unser späteres Leben. Der Lebensstil beider Eltern ist entscheidend weil 50% Anteil von Mama aber auch 50% von Papa stammt. Die Studierenden animierten mich ebenfalls am Theologieunterricht teilzunehmen. Das gab spannende Inputs wie: „Wer hat entschieden, dass die Werte (Valori) Werte sind?“ „Besser versuchen, als immobil zu sein“ etc. Teils ging es mir dann jedoch etwas zu weit mit den „heiligen“ Worten eines „Vorsprechers“ dem alle stillschweigend zuhörten. Doch ich bin hier eben an der Universita „cattolica del sacro cuore“ und so fehlen hier dann auch Kreuze nicht und der römisch katholische Glauben. Die dritte Woche verbrachte ich im gynäkologischen Ambulatorium. Hier kommen auch Frauen in der Menopause zwischen 45 und 55 Jahren (Median in Europa: 51 Jahre). Es werden vor allem Papp Test/Spekulum-einstellungen gemacht. Es geht hauptsächlich um Prävention. Der Papilloma-virus verläuft zu 99% mit tiefem Risiko und zu einem Prozent gibt es onkologische Ereignisse. Bei positivem Papp Test wird eine Koloskopie gemacht, so dass man das Gewebe/Läsionen sehen kann und gegebenenfalls eine Biopsie angezeigt ist. Nach onkologischen Ereignissen werden Follow Ups gemacht. In schweren Fällen müssen Uterus und Gebärmutterhals entfernt werden. Die Ärzte/innen waren stets sehr offen und freundlich und erklärten gerne wenn ich Fragen stellte. Als ich dann endlich in den Gebärsaal gehen konnte, freute ich mich sehr. Am Rapport sind ca. 10 bis 15 Hebammen anwesend. Der erste Tag war eine Überforderung, weil alles neu war und sehr viel lief und ich noch keine Ahnung von der Struktur hatte. Am dritten Tag fühlte ich mich bereits schon sehr wohl und mehr und mehr konnte ich in den nachfolgenden Wochen übernehmen. Natürlich gibt es Interventionen wie Blutentnahmen, Vitalzeichenkontrollen, CTG wo hier etwa gleich gemacht werden wie in der Schweiz. Doch vieles war dann eben doch ein wenig anders. So gab es täglich Geburten, wenn dann mal „nur eine Geburt“ stattgefunden hat, war das gespenstig ruhig. Da die Frauen manchmal sehr wenig über den Geburtsmechanismus wissen, können Schmerzen wahrscheinlich noch weniger gut akzeptiert werden. Es gibt viele Frauen, die den Sinn der Kontraktionen nicht zu verstehen scheinen und teils nur mässig mit dem Kind in Verbindung sind. Ich konnte mit meinen einfachen Worten manchmal sensibilisieren. Mir war es wichtig die Frauen zu motivieren, bestärken und Ihnen erklären warum was passiert. Es ist mir noch bewusster geworden, wie wichtig eine 1:1 Betreuung ist. Denn diese ist hier oft nicht gegeben. Ich hatte das Privileg als Erasmusstudentin etwas mehr Zeit zu haben. Habe auch sehr viele Massagen gemacht und Ausstreichungen und die Frauen haben das enorm geschätzt. Hier sind oft alle 6 Gebärsäle besetzt und die Hebammen arbeiten sehr streng. Es gibt oft keine Zeit zum Essen und viele Hebammen haben auch selber Kinder. Es ist eine grosse Leistung was sie tun. Leider wird hier manchmal auch etwas zu viel gemacht und es ist eine sehr aktive Geburtshilfe. Am Anfang bin ich sehr erschrocken und finde es noch immer total übertrieben, dass bei allen Geburten unglaublich viele Menschen anwesend sind. Oft erinnert es an eine ganze Fussballmannschaft. Ich sehe die Intimsphäre der Frau als sehr gestört und die Frauen haben oft das Gefühl, dass sie es alleine nicht geschafft hätten. Meiner Meinung nach ist dies Unsinn. Die Frau ist die, die echt was leistet und gebärt und nicht wir. Ich finde es problematisch wenn sich Geburtshelfer und Hebammen zu wichtig nehmen. Habe auch viele Vakuumgeburten und Episiotomien gesehen und habe mich oft gefragt, warum das wirklich nötig war. Zudem sind die Frauen auch hier immer am CTG, eine Intervention welche keine evidenzbasieren Beweise bringt für einen gesundheitlichen Nutzen für Mutter und Kind. Nicht selten scheinen sie gar zu schaden. Es kam auch zu Sectios, wo mir teils fragwürdig schienen. Hier sind die Studierenden/also auch ich immer einer bestimmten dipl. Hebamme untergeordnet. Meine Hebamme war menschlich eine liebenswerte Frau und Arbeitskollegin. Geburtsmedizin schien ihr näher als Hebammenkunst. So machte sie auch viele Epis, findet PDA wunderbar und würde am liebsten Sectios machen. Sie sieht die Geburtshilfe als gefährlich, vor allem hier, weil es ein Zentrumsspital ist und viele Pathologien gebe. Es gibt Pathologien. Wie ich beobachtete, werden jedoch teils auch viele Pathologien provoziert. Ich war dankbar, als ich in der letzten Woche aufgrund organisatorischen Gründen noch einer anderen Hebamme zugeteilt wurde. So konnte ich eine weitere Welt kennenlernen - die Hebammenkunst. 

 

Diese Hebamme war jung und offen. Sie schaute nicht, dass ihr die Position angenehm ist (Bett um Dammschutz zu machen), sondern nahm Rücksicht auf die Frauen und passte sich Ihnen an. So haben wir sehr viele alternative Positionen gewählt, Musik abgespielt und Hands off gearbeitet. Es hat mich sehr berührt, weil ich gesehen habe, dass es viel weniger Verletzungen gab. Die Ärzte waren ruhiger und kamen später dazu und es gab kaum zu nähen. Die Kinder adaptierten viel ruhiger. Ich konnte enorm viel lernen und bin der Überzeugung, dass wir zukünftige Hebammen mehr die Natur respektieren sollten. Wir sind da um zu unterstützen, doch müssen uns auch nicht zu wichtig nehmen. Der Dammschutz scheint oft sein Ziel zu verfehlen und mehr zu schaden als nützen. Wie ich hier beobachten konnte, gab es selten Schulbuchmässige Geburten. Einmal kam die vordere Schulter, einmal die hintere zuerst (öfters bei Hands off) und ich sehe nicht ein, dass ich durch Manipulation noch Verletzungen vergrössere. Etwas mehr Passivität scheint nicht zu schaden wenn es die physiologische Situation zulässt. Ich habe erlebt, dass sehr viele Frauen Angst haben. Wir hätten da eine wichtige Aufgabe die Frauen in den Parasymphatikus zu holen und sie für ihre Fähigkeiten zu bekräftigen. Sie können die Geburt aus eigener Kraft schaffen und die Kontraktionen haben seinen Sinn. Hier wurde auch sehr viel PDA gemacht. Ziel soll es sein, keine „Schmerzen“ zu haben. An das Kind wird da weniger gedacht. Ich habe sehr grossen Wert auf Beziehungsaufbau zum Kind gelegt und das hat meistens auch sehr gut geklappt. Auch mal musste ich Grenzen aufzeigen und die Frau wieder an das Wesentliche heranführen - die Geburt. Man hört hier oft „non ce la faccio più“. Das kann in der Erschöpfung verständlich sein. Doch wenn man nicht herauskommt und zu viel Energie verliert in unmotivierende, herunterziehende Worte, denke ich, dass die Hebamme auch mal Stellung nehmen kann dazu und einen anderen Weg aufgleisen versucht. Manchmal ist es auch schon viel wert die PDA heraus zu zögern und nicht zu früh zu beginnen. Das musste der Frau auch erklärt werden. Denn nicht selten gibt es weniger Kontraktionen, braucht Syntocinon, die Geburt wird länger und endet öfters auch mit Episiotomie und Vakuum. Die Anästhesisten/innen arbeiten hier sehr nahe mit den Hebammen zusammen und dieses Team von Anästhesisten, arbeitet nur im Gebärsaal. Oftmals werden mehrere Dosen gemacht. Ich fand es positiv, dass die Frau hier trotz der PDA mobil geblieben sind und sich meistens normal bewegen konnten. Es gab auch Geburten am Boden mit PDA. Einmal erlebte ich, dass ein Kind eine Atemdepression machte. Es wurde davon ausgegangen, dass die PDA dies verursachte. Die Frau bekam in der AP sowie bereits zuvor mehrere Dosen. Ein weiteres Mal erlebte ich, wie das Kind kompensierte mit anhaltender Tachykardie und dann eine Notfallsectio vorgenommen wurde. Es wäre wünschenswert, auch das Outcome auf das Kind zu hinterfragen. Bei den PDAs assistierte ich mehrmals. Es war für die Frauen sehr wichtig sie zu unterstützen und erklären, dass sie auch während den Kontraktionen ruhig bleiben müssen. Vakuum habe ich öfters gesehen. Die Zange wird hier nicht angewendet. Es geht oft „zack zack“ und sehr funktionell. Eher Funktionspflege welche bestens funktioniert, denn jeder hat seine Aufgabe und seine Spezialisierung. Die ganzheitlichen Aspekte lassen meiner Meinung nach zu wünschen übrig. Syntocinon wurde bei jeder Geburt verabreicht, 10 IE in Nacl 0,9% mit Beginn 6ml/h und dann stets um 6ml/h steigernd. Kinästhetik scheint hier ein Fremdwort zu sein und man misst die Kinder Kopf nach unten hängend wie einen Schinken. Etwas das ich nicht tun wollte und ich habe mich wann möglich davor gedrückt. Es gibt ein Griff wie man das Kind hochnehmen soll und der gilt für alle. Jedes Ding hat mehrere Seiten und ich erachte es als Vor- und Nachteil zugleich. Schlussendlich sollte es dem Kind wohl sein und es soll sicher gehalten sein. Ob es dazu nur ein Griff gibt stelle ich in Frage. 

Das Säuglingsbad habe ich gerne übernommen, sofern man es einigermassen ruhig hatte im Gebärsaal und auch den Vater einbeziehen konnte. Das ist mir persönlich wichtig, denn es ist nicht mein Kind. Hier fragen die Eltern manchmal ob sie das Kind halten, fotografieren können etc. Es ist ihr Kind und eigentlich weiss man, dass die ersten Momente prägend sind. Das Anziehen erfolgt auch zackig durch die Hebamme, da darf das schöne „Camicia della fortuna“/Glückshemd nicht fehlen. Zweifellos sah ich unglaublich viele schöne Kinder mit vielen dunklen Haaren und bereits bekleidet für ein Casting; In Italien sind die Kleider eben ein „Must“ und zweifellos von Stil. Ob es für die Säuglinge wichtig ist, kann man sich selbst fragen. So muss dann hier auch jedes Kind gebadet werden. Ich weigerte mich jeweils Seife zu benutzen (habe auch mal einen Ausschlag gesehen) und die Vernix hatte ich belassen. Hier hat man eher die Tendenz von „Reinheit“ möglichst ohne Spuren der Geburt. Jedes Kind wird dann auch abgesaugt. Begründung: Eine Ösophagusatresie auszuschliessen und den Kindern das Atmen zu erleichtern. Ein Pädiater/in war bei jeder Geburt anwesend sowie meist auch Anästhesisten/in. Nach der Geburt wurde die Frau vaginal stets kontrolliert und wenn nötig bestens versorgt mit Nähten. Die Membrane (Fehlende Eihäute) wurden immer mit einer grossen Tamponade herausgeholt. Das war für die Frauen oft sehr schmerzhaft. Auch das Vaginalgewölbe/Fernice wird nach der Geburt stets kontrolliert. In dieser Zeit ist das Kind nicht bei Mami und das Bonding ist oftmals kurz. Danach werden die Frauen auf den Korridor verlegt und dann kommt dann erstmals sehr viel Besuch. Die Familien warten oft Stunden zahlreich vor der Tür des Gebärsaals um die neuen Erdenbürger willkommen zu heissen. Mir hat es nachher jeweils fast das Herz gebrochen, als ich die Kinder von ihren Mamis wegnehmen musste und auf die Station bringen für die ersten Kontrollen. Erst nach Stunden, wenn dann auch ein Zimmer frei war, waren Mama und „bambino“ wieder zusammen. Zwei Stunden blieben die Frauen im Gebärsaal für die p.p. Nachkontrolle. Im Spätdienst oft über die ganze Nacht. 

 

Mehr und mehr konnte ich auch den Campo/„das Geburtsfeld“ vorbereiten. Jedes Instrument hatte seinen Platz und man begann erst damit, als der Kopf gut sichtbar war. Das heisst es musste sehr schnell gehen. Und das auch stets in steriler Bekleidung. Für jede Geburt war man mit Haube und Schürze (sterile Handschuhe selbstverständlich) bekleidet, es muss steril gearbeitet werden. Warum weiss keiner genau. Bei einer Episiotomie könnten Bakterien eindringen. Manchmal ist es zweifellos auch praktisch, denn bei einer Geburt sind nun mal viele Flüssigkeiten im Spiel. Doch oftmals scheint es auch übertrieben und macht das Ambiente nicht gerade vertrauensvoller für die Frau. 

 

Die Zusammenarbeit unter den Hebammen ist sehr gut, man hilft einander und die Zusammenarbeit macht Spass. Es sind alle fleissig und es wird auch viel gelacht. Einen „Zickenkrieg“ habe ich nie erlebt, denn die Frauen mögen sich. Ich war von Anfang an willkommen im Team und sehr gut integriert. Ich durfte jederzeit fragen und ging jeden Tag sehr gerne zur Arbeit. Ich wusste immer, es wird intensiv. Es gibt kaum Tage ohne Geburt sondern eher Tage mit vielen Geburten. Der Gymnastikball wird hier oft angewendet und ich konnte viele Inputs mitnehmen. Eine Badewanne gibt es zwar, jedoch habe ich die niemals benutzt gesehen. Man meinte: „Ramona spezialisiere dich auf Wassergeburten und komm zurück zu uns um dies zu implementieren“. Man hat hier die Angst, dass die Geburt nicht sauber genug sei und vielleicht dann doch auch für die Mediziner und gewisse Hebammen etwas unpraktisch? Man kommt weniger gut an den Damm heran… Hier assistieren die Hebammen stets beim Nähen/ Nachkontrollen und auch bei der Sectio sind sie es, welche die Instrumente geben. Geburtsmedizin funktioniert hier in naher Zusammenarbeit von Hebammen und Ärzten. Die Vaginaluntersuche werden stets von den Hebammen gemacht (meist zweimal, weil auch die Studierende untersucht). Die Frauen hinterfragen das kaum und scheinen sich an das viele, häufige Untersuchen gewohnt. Die Hebammen evaluieren dann auch die Position (anteriore/posteriore - destra/sinistra) und nicht selten wird das durch Ärzte überprüft mittels Ultraschall. Für Lagerungen evtl. hilfreich, oftmals auch unnötig, da keiner das Outcome für das Kind kennt und Konsequenzen manchmal fehlten. Häufige Risikofaktoren waren Hypertonie und Gestationsdiabetes. Jedoch kann die Geburt deswegen trotzdem physiologisch verlaufen und teils herrscht eher zu viel Angst. Viele Frauen wurden eingeleitet mit Mysoprostol, wobei es bei sechs Zyklen oft zu validen Kontraktionen kam. Für die Frauen jedoch meistens sehr schmerzhaft. Öfters wurde dann PDA gemacht und die Frauen waren häufig sehr erschöpft. Weiter fiel mir auf, dass hier sehr viele posteriore Kindslagen zu diagnostizieren waren. Mit Positionswechsel konnte viel bewirkt werden. Nicht alle Frauen waren jedoch dazu bereit und die Geburten verliefen teils kompliziert. Prävention wäre hier sicher sinnvoller und das Anstreben von aufrechteren Haltungen in der Schwangerschaft anzustreben.

 

Hier lernte ich die Funktionspflege bestens kennen. Bezugspflege hingegen scheint hier weniger realistisch zu sein. Ich arbeitete gerne mit den Studierenden zusammen, es war interessant ihre Realität kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Es ist physisch und emotional recht herausfordernd, da man gleichzeitig viele Frauen betreut und nicht selten alle sechs Gebärsäle belegt sind sowie Wöchnerinnen im Korridor. Wenn ich die Frauen/Familien länger begleitete und es die Zeit zugelassen hatte, schaute ich auf der Wöchnerinnenstation vorbei. Manchmal wurde man auch darum gebeten und das wurde jeweils sehr geschätzt. Aufgrund des Kontinuums ist es sicherlich auch sinnvoll. Hier machte ich oft 2 Morgen, 2 Nachmittage und 1 Nacht. Es wird darauf geachtet, dass die Dienste für alle so geplant werden.

 

Persönlich habe ich hier intensiven Gesangsunterricht genommen und mein Fokus der Atmung und die Bewusstheit deren Wichtigkeit konnte sich hier noch verstärken. Mir persönlich hilft dies auch sehr bei der Arbeit mit den Frauen. Atmung ist allgegenwärtig und hilft Kontraktionen zu ertragen.

 

Gestern am 5.Mai 2016 am internationalen Tag der Hebamme, habe ich am Hebammenkongress in Rom teilgenommen. Es ging darum, wie man das Perineum der Frau schonen kann und welche Problematiken bei Verletzungen entstehen und häufig sind. Themen waren vor allem die Episiotomie, Inkontinenz, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Pflege der Frau, Respekt für die Physiologie, Fisteln/dritte Welt etc. Themen welche  auch bei uns sehr verbreitet und wichtig sind. Am Schluss kam es zu heftigen Diskussionen zwischen Ärzten und Hebammen (Fokus Episiotomie). Fazit: Es sind mindestens 4 Hände und Augen welche klar sehen und zusammen entscheiden sowie konstruktiv zusammen arbeiten müssen. Durch die Geschichte diskutieren Hebammen und Ärzten heute über ihre Kompetenzen und wir scheinen hier einen Weg finden zu müssen.

 

Meine Erfahrungen in Rom wären um einiges zu erweitern und es sprengt den Rahmen, den Bericht zu verlängern. Ich habe den Eindruck, sehr viel gelernt zu haben und weiter gereift zu sein. Bin unglaublich dankbar für diese Möglichkeit welche mir geboten wurde und danke den Menschen welche mich unterstützten. Über Rom und deren Geschichte könnte man ein Buch schreiben. Für mich müsste es aufgrund der Schönheit und Antike das Reichste Land der Welt sein. In Ostia Antica fühle ich mich wie im alten Rom. Wenn dann der PC nicht wäre, welchen ich eben brauchte, um diesen Bericht hier zum Abschluss zu bringen. 

 

Mehr zu Erasmus/SEMP-Praktika finden Sie im hier

Seite drucken
efqm
efqm