Digitale Erfolgsgeschichten statt Brett vor dem Kopf

04.07.2019 Rund 120 Teilnehmende aus der Wald- und Holzbranche bewegten an der Konferenz Holz 4.0 die Fragen: Was wollen Kunden und wie begegnen wir ihren durch den digitalen Wandel veränderten Bedürfnissen?

Hintergrundinfos, Marketingtipps und digitale Erfolgsprojekte aus der Branche lieferten Ansätze, wie die Digitalisierung fürs eigene Unternehmen genutzt werden kann.

Autoren: Charles von Büren, Sonja Kobelt

 

«Stolz auf Holz», so beendete Moderator Kilian Ziegler, Poetry Slam Schweizermeister 2018, seine wort(spiel)reiche Begrüssung zur Konferenz Holz 4.0 am 27. Juni 2019 in Biel. Stolz auf Holz, ja, aber können wir auch stolz darauf sein, wo die Branche hinsichtlich Digitalisierung steht? Mit Inputs, Ansätzen und Beispielen von digitalen Erfolgsprojekten wollte die Konferenz Holz 4.0 ihre rund 120 Teilnehmenden motivieren, die digitale Zukunft an- und auf ihre Kunden zuzugehen.

Die Digitalisierung geht nicht weg

Das Internet und seine mobile Version, das Smartphone, sind unsere ständigen Begleiter und Helfer für alles geworden. Technologiekonzerne wie Apple, Google, Facebook oder Amazon dominieren die Wirtschaft. Online-Buchungsplattformen haben das Kundenverhalten nachhaltig verändert. Und wo steht nun die Holzbranche? «Wir sind das Schlusslicht», sagt Rolf Baumann, Leiter Institut für digitale Bau- und Holzwirtschaft der Berner Fachhochschule (BFH) und Mitorganisator der Konferenz Holz 4.0. «Das heisst aber nicht, dass wir von der Digitalisierung verschont werden – sie kommt auf jeden Fall». Um das bewältigen zu können, benötige es mehr Vernetzung und weniger «Jeder für sich» in der Wald- und Holzbranche. Er stellte eine immer noch spürbare Skepsis gegenüber den laufenden Veränderungen der Informationstechnologie fest und warnte; «Wer vor der Veränderung zittert, zittert zu Recht.» Das veränderte Kundenverhalten ist der entscheidende Treiber. Wer sich damit nicht intensiv auseinandersetzt, fährt auf der Verliererspur. Hier soll auch die «Initiative Wald & Holz 4.0» Abhilfe schaffen. Rolf Baumann gewährte Einblick in den aktuellen Stand, so beginnt in Kürze ein dritter Workshop. Diese Arbeiten werden am 24. Juni 2020 mit der nächsten Konferenz Holz 4.0 abgeschlossen. Die daraus resultierenden Instrumente und Ansätze können und sollen Unternehmen zur Umsetzung im eigenen Betrieb nutzen.

Wer online nicht anbietet, existiert nicht

Noch mehr Hintergrund zum Umfeld, indem sich heutige Kundinnen und Kunden bewegen, lieferten die Inputreferate von Jürg Willi und Stefan Breit. Rund zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer informieren sich digital, so Unternehmensberater Jürg Willi. «Früher wählten Kunden zuerst den Händler, anschliessend das Produkt. Heute ist das umgekehrt». Ein entscheidender Unterschied. Ein Anbieter, der online nicht präsent ist, ist für den Kunden schlicht nicht vorhanden. Die fortschreitende Technisierung und Digitalisierung verändern unsere tägliche Wahrnehmung – und schliesslich unser Verhalten. Und zwar in einem nie gekannten Tempo. Wie sich das auswirkt, ist schwierig vorauszusagen. Es sei wichtig zu beachten, dass, wenn wir über die Zukunft sprechen, wir auch immer über Technologie sprechen, so Stefan Breit, Wissenschafter am Gottlieb Duttweiler Institut. Er zeigte in seinem Referat, wie wir in Zukunft unsere Sinne mittels technologischer Komponenten erweitern könnten. Der Nachmittag der Konferenz Holz 4.0 wurde getrennt bestritten: In Teilsessionen konnten sich die Fachleute aus der Holz- und Waldwirtschaft vertieft mit ihren spezifischen Interessensgebieten befassen und erhielten Einblick in digitale Erfolgsgeschichten.

Erweiterte Realität und Möbel nach Mass

In der Teilsession Holz stellte Marcel Schaniel, Digitalverantwortlicher bei Möbel Pfister fest, dass zuerst einmal die eigenen Mitarbeitenden motiviert werden müssten. Und die eigene Website reiche nicht aus, es brauche einen «product feed» zu Google und anderen Plattformen. In Zukunft würden die Kunden per Augmented Reality ihre Wohnung einrichten. Ein gut funktionierender Webshop mit Mehrwert für die Kunden sei wichtig, dieser berühre aber auch die hausinternen Prozesse, betonte Andreas Manger, Unternehmensleiter der Roser AG. Ein Webshop erweitere die Produktpalette und beeinflusse die Lagerhaltung, sei damit sowohl Herausforderung als auch Mehrwert für das Unternehmen. Ihr Produkt «Furnier Express» ist aus veränderten Bedürfnissen und Rückmeldungen von Kunden entstanden. Möbel nach Mass, online bestellt und geliefert innert fünf Tagen, das ist das Geschäftsmodell des Projekts ecoleo.ch der Schreinerei Fust AG. Das Kernstück bildet ein Konfigurator, mit dem die Kunden ihre Möbel selber gestalten. Gemäss Projektleiter Serge Eggler ist so keine Arbeitsvorbereitung nötig, weil die Daten direkt an die Maschine geschickt werden. Bereits jetzt generiere die Online-Plattform Folgeaufträge für das Unternehmen.

Waldportal 4.0

Andreas Meggendorfer, Senior Manager Logistics & Shared Services, UPM CEWS, Augsburg, eröffnete die Teilsession Wald mit der Feststellung, dass ökonomische und Klimainteressen durchaus Hand in Hand gehen können – bei der Nutzung erneuerbarer Energieträger wie Holz. Er erläuterte, wie die 4.0-Technologie die Herausforderungen der derzeit fragmentierten Wertschöpfungskette Holz überwinden und, gemäss ihren Erfahrungen, die Kosten bis zu 20 Prozent optimieren könnte. Michiel Fehr, Fachbereichsleiter Waldnutzung, Kanton Luzern stellte das Projekt «Waldportal 4.0» vor, das die Prozesse und Schnittstellen vom Wald bis zum Forstdienst digitalisiert und darüber hinaus Potential bietet, in weitere Bereiche der Wald- und Holzwirtschaft erweitert zu werden. Es wird momentan in den Kantonen Luzern, Baselland und St. Gallen genutzt. Prof. Dr. Christian Rosset, Dozent für Waldbau und forstliche Planung an der BFH, stellte ein Projekt der BFH mit der Burgergemeinde Bern vor, dass sich mit dem Thema «Smart Forest» befasst und dank digitalen Messungen die Bewirtschaftung ihres Waldes für die Burgergemeine einfacher und vernetzter macht.

Online-Profil und Webauftritt müssen Kunden ansprechen

Den Abschluss der diesjährigen Konferenz Holz 4.0 bestritten die Marketingspezialisten. Was funktioniert online? Wie gehe ich vor, um eine optimale Online-Präsenz für mein Unternehmen und meine Produkte zu schaffen? Sieben Schritte führen zu einem starken Online-Profil, so Marie-Christine Schindler, mcschindler.com gmbh: Eigene Identität festlegen, Ziele setzen, Inhalte formulieren, Kanäle aussuchen, die Community ansprechen, ein Monitoring pflegen und nicht zuletzt: Planen! Wie ein Webauftritt die Kunden zu begeistern vermag und auch gefunden wird, skizzierte Christoph Erni (internezzo ag). Aktuelle Studien sprechen von 18'000 KMU-Webseiten in der Schweiz. Aber 90 Prozent dieser Webseiten erfüllen grundlegende Kriterien zur Suchmaschinenoptimierung nicht. Gefunden werden ist aber das A und O im Internet. Daher das Fazit: Gestalten Sie Ihre Website attraktiv für Suchmaschinen, halten Sie die Navigation einfach, reduzieren Sie Inhalte aufs Wesentliche, vereinfachen Sie mit Grafiken und nutzen Sie die Emotionalität von Bildern und Videos.

Wer will schon ein Brett vor dem Kopf?

Gewohnt pointierte Wortspiele wählte Wortakrobat und Moderator Kilian Ziegler auch zum Schluss und rüttelte die versammelte Wald- und Holzbranche noch einmal auf: Wer sich der Digitalisierung entzieht, hat ein Brett vor dem Kopf. Oder: Holz ohne Digitalisierung ist wie ein Kind, das draussen schläft. «Äs liet nid dinnä».

Die nächste Konferenz Holz 4.0 findet am 24. Juni 2020 statt.
ahb.bfh.ch/holz40

Gut zu wissen

Initiative Wald & Holz

Die digitale Transformation hat tiefgreifende Änderungen ausgelöst und wird unaufhaltsam fortschreiten. Das stellt auch die Unternehmen der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft vor grosse Herausforderungen, gleichzeitig bieten sich aber auch neue Chancen. Wie können Unternehmen im Umfeld dieser Veränderungen agieren, um den Wandel erfolgreich zu gestalten und gestärkt aus ihm hervorzugehen? Die Initiative Wald & Holz 4.0 bearbeitet solche Fragestellungen gemeinsam mit allen Akteuren des Wertschöpfungsnetzwerkes Holz, vom Endkunden zurück über alle Verarbeitungsstufen. Die Aktivitäten werden von den Branchenverbänden unterstützt.
www.wh40.ch

Seminar Digitalisierungsstrategie

Für Geschäftsführerinnen und Kadermitarbeitende, die sich konkret mit der Digitalisierung ihres Unternehmens auseinandersetzen wollen, bietet die Berner Fachhochschule ein Seminar an. Coaches unterstützen Sie darin, in vier Tagen die Eckwerte für die Digitalisierungsstrategie in Ihrem Unternehmen zu erarbeiten – konkret und abgestimmt auf Ihre spezifischen Bedürfnisse.
www.ahb.bfh.ch/ds

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