Technik kann Tote verhindern

20.05.2019 Die Basler Versicherungen fordern, dass sogenannte Notbremssysteme in Lastwagen eingeschaltet bleiben müssen. Damit liessen sich Menschenleben retten.

Ein Seilzug beschleunigt einen zehn Tonnen schweren Lastwagen auf 80 Kilometer pro Stunde. Dann fährt dieser ungebremst auf fünf stehende Autos auf. Vom ersten Auto, in das der Lastwagen gerak ist, bleibt nurmehr ein Kubus aus Stahl und Blech übrig. Die Überlebenschancen für die Insassen dürften gleich null sein.
Das zweite Auto ist aufgebockt. Dessen Insassen dürften möglicherweise verletzt überlebt haben. Die Situation ist simuliert und spielt auf der Strecke des Dynamic Test Center in Vauffelin, in einem kleinen Ort in einem Seitental oberhalb von Biel.
«Es ist ziemlich eindrücklich, so einen Crash zu sehen», sagt Ignaz Henggeler. Er ist seit 36 Jahren Lastwagenchauffeur und ist auf der Strasse täglich Situationen ausgesetzt, bei denen es zu solchen Unfällen kommen könnte: stehende Kolonnen, auf die er mit seinem Lastwagen bei Unachtsamkeit aufzufahren droht.

Sensoren und Radar

Um solche Situationen vermeiden zu helfen, gibt es seit Jahren sogenannte Notbremsassistenten. Diese technischen Mittel funktionieren mit Sensoren und Radar und sollen stehende Kolonnen frühzeitig erkennen. Je nach Lastwagenmodell leiten sie selbstständig eine Vollbremsung ein, warten bis der Fahrer bremst oder warnen den Chauffeur mit einem Ton.
Henggeler ist mit solchen Notbremsassistenten in seinem Camion vertraut. «Mir hat er schon mehrmals den Buckel gerettet», sagt er. Einmal sei er in Frankreich einen Berg hinuntergefahren, auf zwei stehende Autos vor einer roten Ampel zu. Er habe sie übersehen. «Ich war irgendwie in Gedanken versunken, aber bis ich reagierte, hatte der Bremsassistent meines Autos bereits eingegriffen und gebremst.»

Aufprallenergie halbiert

Wie derartige Notbremsassistenten funktionieren, zeigte ein zweiter Versuch auf. Wiederum zog ein Seilzug den Lastwagen atf 80 Kilometer pro Stunde an. Viederum fuhr der Zehntönner alf fünf stehende Autos auf, desmal bremste das Notbremssstem den Lastwagen aber auf 61 Kilometer pro Stunde hertuten Die Verformung des ersten Autos, in das der Camion prallte, ist nicht mehr so gross wie beim Versuch mit 80 Kilome-. tern pro Stunde. Der vordere Teil der Fahrgastzelle blieb ganz, der hintere Teil jedoch war ziemlich zerquetscht.
«20 Kilometer pro Stunde weniger tönt nach nicht viel, ist es aber doch, weil praktisch die halbe Energie vor dem Aufprall verloren geht», sagt Raphael Murri, Bereichsleiter passive Sicherheit im Test Center: Gut erkennbar sei dies an den Schäden der Fahrzeuge und daran, wie sich die Autos ineinandergeschoben hätten.
Ein Diskussionspunkt an dem von den Basler Versicherungen mit Mercedes-Trucks organisierten und vom Lastwagengewerbe gut besuchten Anlass war die Möglichkeit der Chauffeure, den Bremsassistenten manuell auszuschalten. Dies, weil die Systeme nicht immer fehlerfrei funktionieren. Gemäss Daniel Junker, Leiter Fahrzeugexperten bei den Basler Versicherungen, reagieren Bremsassistenten in Einzelfällen auf grosse und reflektierende Tafeln und lösen eine Vollbremsung aus. Ebenso bei schnell wechselnden Lichtverhältnissen wie von starkem Sonnenschein in einen dunklen Tunnel. Chauffeur Henggeler habe schon vor 20 Jahren solche Systeme ausprobiert. «In einer Rechtskurve mit einem entgegenkommenden Auto konnte es dann aber sein, dass das System eine Vollbremsung auslöste. Dabei bestand die Gefahr, dass der Lastwagen kippt.»
Die Systeme seien aber besser geworden.Allerdings funktionieren sie laut Henggeler bei starkem Regen oder Schneefall auch heute noch nicht immer zuverlässig und melden über einen Piepston, dass der Chauffeur sie ausschalten solle. Für Murri liegt die Zukunft darin, dass die Chauffeure diese Systeme gar nicht mehr manuell abschalten dürfen. «Damit könnte man Unfälle verhindern. Die Technik hat sich entwickelt. Man ist auf dem richtigen Weg.»

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Fachgebiet: Ingenieurwesen + Technik