Creating the Neapolitan Canon Musik und Musiktheorie zwischen Paris und Neapel im frühen 19. Jahrhundert

Die einflussreichste Tradition in der weltlichen und geistlichen Musik sowie in der musikalischen Ausbildung des 18. Jahrhunderts war in den Augen der Zeitgenossen und weit ins 19. Jahrhundert die neapolitanische Schule eines Francesco Durante, Giovanni Battista Pergolesi oder Nicola Porpora. Die Musikgeschichte und die Musiktheorie seit Mitte des 19. Jahrhunderts privilegierten hingegen die österreichisch-deutsche Tradition von Bach, Haydn und Mozart. Aus diesem Grund ist der Einfluss der neapolitanischen Musiktheorie und die Rezeption der neapolitanischen Komponisten im frühen 19. Jahrhundert kaum erforscht. Dieses Projekt versucht, die französische Rezeption der neapolitanischen Musik und Musiktheorie zu rekonstruieren, ausgehend von der heute mehrheitlich in Neapel aufbewahrten Sammlung neapolitanischer Musik von Giuseppe Sigismondo (1739–1826) und dessen Kontakten mit den Pariser Musikschulen.

Steckbrief

  • Departement Hochschule der Künste Bern
  • Forschungsschwerpunkt Interpretation
  • Forschungsfeld Musiktheorie
  • Förderorganisation Schweizerischer Nationalfonds SNF
  • Laufzeit 01.12.2015 - 30.11.2018
  • Projektverantwortung Claudio Bacciagaluppi
  • Projektleitung Claudio Bacciagaluppi
  • Projektmitarbeitende Lydia Carlisi
    Giulia Giovani
    Ludwig Holtmeier
    Michael Lehner
    Giorgio Sanguinetti
    Martin Skamletz
    Stephan Zirwes
  • Mitwirkende Projektpartner Forschungsinstitutionen inkl. BFH Hochschule für Musik Freiburg i. Br
    Università degli Studi di Roma – Tor Vergata

Einführung

Giuseppe Sigismondo propagierte die neapolitanischen Lehrmethoden und die neapolitanische Musik mit seinen Schriften bis in die 1820er-Jahre. Die Lehrmethoden der neapolitanischen Konservatorien wurden um 1800 Vorbilder für das Conservatoire in Paris, im Gegenzug wurden französische Methoden in Neapel erworben. Eine grosse Anzahl von Partituren migrierte ebenfalls von Neapel nach Paris. Wie erreichten diese Werke einen kanonischen Status? Warum wurden bestimmte Werke als Kompositionsmodelle ausgewählt oder speziell gelobt? Welchen Einfluss hatten die Musiktheorie und die Trainingsmethoden aus Neapel auf die Lehrpläne der Pariser Musikschulen? Die Musikausbildung der neapolitanischen Konservatorien, im Wesentlichen von den Übungen in Harmonielehre und Komposition namens «partimenti» und «solfeggi» geprägt, wurde zum Modell für die Pariser Musikschulen, die wiederum die Modelle für Musikausbildungsinstitutionen in der ganzen Welt waren. Das Projekt wird einerseits die Pariser Musikschulen aus dieser neapolitanischen Perspektive betrachten, andererseits die Musiktheorie in Paris und Neapel sowie das Repertoire in den jeweiligen Bibliotheken vergleichen. Ziel ist es zu untersuchen, wie sich Neapel und Paris wechselseitig in Musiktheorie und Musikunterricht beeinflussten.

Methoden

In einem historischen Teil wendet das Projekt eine Methode aus der Kunstgeschichte an, die nur selten in der Musikwissenschaft verwendet wurde, nämlich Geschichte und Aufbau einer ganzen Sammlung (und nicht einzelner Werke) zu erforschen. In einem musiktheoretischen Teil werden vor allem theoretische Quellen untersucht, um die französische Rezeption der neapolitanischen Partimento-Tradition zu verfolgen, die vor 1800 begann und durch das ganze 19. Jahrhundert weiterwirkte. Die Ergebnisse der Forschung werden schliesslich im Druck und in Open-Access-Online-Ausgaben von Archivdokumenten dargestellt. Für diese Online-Publikationen sind innovative Lösungen im Digital Publishing umzusetzen.

Ergebnisse

Zum ersten Mal wird in dieser Tiefe untersucht, wie das auf den berühmten neapolitanischen Konservatorien basierende pädagogische Modell im Frankreich des 19. Jahrhunderts rezipiert wurde. Ebenso war auch die Verbreitung der Werke eines Kanons der neapolitanischen Musik bislang noch nicht Gegenstand eingehender Untersuchungen. Die Dozierenden der Musiktheorie an der HKB versuchen zudem, die neapolitanischen Unterrichtsmethoden in der heutigen Lehrtätigkeit an einer Musikhochschule anzuwenden. Das Crossover zwischen der traditionellen französischen Musiktheorie des 18. Jahrhunderts (am bekanntesten vertreten durch J.-Ph. Rameau) und den neapolitanischen Methoden («partimenti» und «solfeggi») wird den Unterricht der Musiktheorie und die Geschichte dieses Faches bereichern. Die «Apoteosi della musica nel Regno di Napoli» (ca. 1820) von Giuseppe Sigismondo hat den Mythos der «Neapolitanischen Schule» wesentlich geprägt. Die Erstausgabe, mit vollständiger englischer Übersetzung (vgl. http://www.sedm.it), erfolgte 2016 innerhalb dieses Projektes.