«Die Idee des Componisten ins Leben zu rufen»

Instruktive Notenausgaben als Basis für historisch orientierte Interpretationsforschung im Repertoire des 19. Jahrhunderts

Steckbrief

  • Departement Hochschule der Künste Bern
  • Forschungsschwerpunkt Interpretation
  • Forschungsfeld Angewandte Interpretationsforschung
  • Förderorganisation Schweizerischer Nationalfonds SNF
  • Laufzeit 01.08.2011 - 31.01.2016
  • Projektverantwortung Kai Köpp
  • Projektleitung Kai Köpp
  • Projektmitarbeitende Anselm Gerhard, Universität Bern
    Sebastian Bausch
    Johannes Gebauer
    Kamilla Köhnken Shapiro

Einführung

Zur Interpretation klassischer Musikstücke schreibt Louis Spohr 1833, es komme nicht darauf an, «seine Virtuosität zu zeigen, sondern die Idee des Componisten ins Leben zu rufen.» Zwar können wir uns die Naivität, von der «Intention eines Autors» zu sprechen, heute nicht mehr leisten, aber immerhin legen instruktive Ausgaben offen, was Interpret*innen des 19. Jahrhunderts für die «Idee des Komponisten» hielten und welche unterschiedlichen Mittel sie dazu wählten, diese «ins Leben zu rufen». Instruktive Notenausgaben des 19. Jahrhunderts, deren Untersuchung im Zentrum dieser vierjährigen Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds steht, zeigen gewissermassen das schriftlich fixierte Idealbild einer Interpretation.

Methoden

Bisher stützte sich die Forschung zur Interpretationspraxis des 19. Jahrhunderts auf zwei Quellengattungen, die nur schwer miteinander in Beziehung zu setzen sind: zeitgenössische Abhandlungen über den «musikalischen Vortrag» und historische Tonträgerdokumente. Während Textquellen oft sehr allgemein gehalten sind, dokumentieren frühe Tonaufzeichnungen sehr individuelle Interpretationsentscheidungen. Instruktive Ausgaben überbrücken diese Kluft, denn sie versprachlichen musikalische Entscheidungen an einem konkreten Notentext. Dennoch sind diese Ausgaben wegen ihrer praktischen Orientierung und stilistischen Verjährung kaum mehr in öffentlichen Bibliotheken zu finden, so dass sie als Quellen häufig neu erschlossen werden müssen. Durch die Auswertung von instruktiven Ausgaben kann die bereits im 19. Jahrhundert existierende Vielfalt der Interpretationsansätze wissenschaftlich exakt beschrieben werden. Konkrete Merkmale einer Interpretation lassen sich durch einen Abgleich von schriftlichen Interpretationsanweisungen mit zeitgenössischen Vortragslehren historisch angemessen benennen. Dies trägt auch zur Ausbildung von Kriterien für die empirische Tonträgerforschung bei, indem Interpretationsmerkmale eines frühen Tonträgerdokuments im Einzelfall als intentional, unreflektiert, zufällig oder sogar missglückt klassifiziert werden könnten. Die schriftlichen Instruktionen werden unter Laborbedingungen klanglich wiederbelebt («Embodiment»). Daneben werden historische Tondokumente so genau wie möglich nachgespielt («Reenactment»), um so die historischen Ausdrucksmittel und Interpretationsentscheidungen aus der professionellen Innensicht zu analysieren.

Ergebnisse

Mit dem Forschungsvorhaben wird erstmals die Möglichkeit geschaffen, unterschiedliche Interpretationsstile und -modi für die Musik des 19. Jahrhunderts zu benennen und für eine heutige, historisch informierte Interpretation bewusst auszuwählen. An der Schnittstelle von textorientierter Musikwissenschaft und klangorientierter Interpretationspraxis wird damit eine neuartige Forschungsrichtung namens «Angewandte Interpretationsforschung» etabliert, die sich mit den anglo-amerikanischen Performance Studies überschneidet, dabei aber eine dezidiert historische Perspektive vertritt.