From Field to Fiddle - Neue Musiksaiten aus Schafsdarm: mit Hightech-Verfahren zum Originalklang des 19. Jahrhunderts

Musik für Streich- und Zupfinstrumente erklang bis weit ins 20. Jahrhundert auf Saiten aus zusammengedrehtem Schafsdarm. Obwohl diese Saiten über Jahrhunderte als unübertroffen galten, werden Darmsaiten heute aus rundgeschliffenem Rinderdarm hergestellt, der jedoch merklich andere physikalische Eigenschaften besitzt als das historische Material.

Steckbrief

  • Departement Hochschule der Künste Bern
  • Forschungsschwerpunkt Interpretation
  • Forschungsfeld Historische Aufführungspraxis
  • Förderorganisation Innosuisse - Schweizerische Agentur für Innovationsförderung
  • Laufzeit (geplant) 01.09.2017 - 31.08.2019
  • Projektverantwortung Kai Köpp
  • Projektleitung Kai Köpp
  • Projektmitarbeitende Jane Achtman
    Johannes Gebauer
    Bernhard Kainzbauer
  • Mitwirkende Projektpartner Wirtschaft Geigenbauatelier Stephan Schürch
  • Mitwirkende Projektpartner Organisationen Camerata Bern

Einführung

Rohmaterial und Herstellungsweise von Darmsaiten haben grosse Auswirkung auf Klangqualität und Spieleigenschaften einer Saite. Heutige Saiten unterscheiden sich grundlegend von ihren historischen Vorgängerinnen – nicht nur bei synthetischen Fasern, sondern gerade auch bei industriell hergestellten Darmsaiten, die als Verschleissmaterial beispielsweise im Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis, bei Harfen, aber auch bei herkömmlichen Saiten als Kern eingesetzt werden. Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen hat Rinderdarm seit den 1960er-Jahren den ursprünglichen Schafsdarm als Rohmaterial verdrängt. Die Veränderung von Elastizität, Obertonstruktur und Modulationsfähigkeit wurde von Musikern zwar als Qualitätsverlust beschrieben, aber in Ermangelung von Alternativen hingenommen, zumal Veränderungen in der Herstellung den Kunden damals nicht ausdrücklich mitgeteilt wurden.

Methoden

Um Saiten aus Schafsdarm für den anspruchsvollen Klassik-Musikmarkt wieder verfügbar zu machen, werden die spezifischen Herstellungsverfahren anhand expliziter Quellen aus dem 19. Jahrhundert erforscht. Die handwerklichen Arbeitsschritte, die durch wenige betagte Wissensträger überliefert sind, werden im Projekt dokumentiert, mit schriftlichen Quellen in Beziehung gesetzt und möglichst originalgetreu maschinell nachgebildet. Als Rohmaterial dient qualitativ hochwertiger Schweizer Schafsdarm, der bislang entsorgt wurde und nun erstmals in der Schweiz für dieses Projekt aufbereitet und weiterverwertet wird. Entwicklungsziel ist ein durch modernste Sensorik überwachter, maschinell stark unterstützter Prozess, mit dem sich Darmsaiten sowohl wirtschaftlich als auch mit bisher unerreichter Qualität produzieren lassen. Ein Doppelblindtest mit professionellen MusikerInnen soll die Überlegenheit dieser Saiten anhand eines Kriterienkatalogs nachweisen.

Ergebnisse

Die Quellenforschung zu Rohmaterial und Herstellungsverfahren von Schafsdarm-Saiten wird anhand einer Publikation dokumentiert. Die Ergebnisse werden im Hinblick auf die Zielsetzungen des Projekts gewichtet. Sie bilden die Grundlage für die Erprobung von Konservierungstechniken und die Entwicklung einer Prozess-Strasse, welche die historischen Herstellungsverfahren teilweise automatisiert und mit computergestützter Sensorik kontrolliert. Die experimentellen Saiten werden der HKB-Forschung zur Verfügung gestellt und in einem Konzert der Camerata Bern der Öffentlichkeit präsentiert.

Herstellung von Darmsaiten
Aufhängen der gedrehten Saiten auf Spannrahmen (Markneukirchen ca. 1918, Archiv Dr. W. Geipel, Markneukirchen)