Integrative Listening Eine historische Perspektive der Gehörbildung

Ziel des Projekts ist es, der Gehörbildung, wie sie heute in Musikkonservatorien im deutschsprachigen Raum als Teildisziplin der Musiktheorie unterrichtet wird, eine historisch informierte theoretische Grundlage zu geben. Ein neuer Bezugsrahmen für dieses Fach, das mit anderen Aspekten der musikalischen Ausbildung wesentlich stärker verknüpft wäre, wird allgemein als notwendig betrachtet und eine historisch informierte Perspektive wurde in den vergangenen Jahren in anderen Teilgebieten der Musiktheorie bereits erfolgreich angewendet.

Steckbrief

  • Departement Hochschule der Künste Bern
  • Forschungsschwerpunkt Interpretation
  • Forschungsfeld Musiktheorie
  • Förderorganisation Schweizerischer Nationalfonds SNF
  • Laufzeit (geplant) 01.08.2017 - 31.07.2020
  • Projektverantwortung Claudio Bacciagaluppi
  • Projektleitung Claudio Bacciagaluppi
  • Projektmitarbeitende Felix Diergarten (Doktoratsbetreuer HfM)
    Michael Lehner
    Luis Ramos (Doktorand)
    Claire Roberts
    Martin Skamletz
    Stephan Zirwes
    Nathalie Meidhof
  • Mitwirkende Projektpartner Forschungsinstitutionen inkl. BFH HfM: Hochschule für Musik, Freiburg im Breisgau

Einführung

Inspiration für eine Erneuerung des Faches in den heutigen Konservatorien wird in der Zeit der Gehörbildung ‘avant la lettre’ gesucht, als die musikalische Ausbildung ganzheitlich war. Da jedoch die Gehörbildung zu den elementaren Grundlagen der Musikausbildung zählt und sie grösstenteils nicht-verbale Fähigkeiten vermittelt, entwickelte sie keinen ausgearbeiteten theoretischen Rahmen (im Gegensatz beispielsweise zur Harmonielehre). Aus diesem Grund gibt es keine historischen Abhandlungen über Gehörbildung. Ausgewählte historische Quellen werden deshalb auf der Suche nach einer ‘versteckten Theorie’ oder, genauer gesagt, nach ‘impliziten Anweisungen’ in Gehörbildung ausgewertet.

Methoden

Auf der Suche nach einer ‘impliziten Gehörbildung’ werden einerseits Gesangslehren und Generalbass-Methoden aus der deutschsprachigen Tradition herbeigezogen. Andererseits werden handschriftliche oder gedruckte Quellen zur Musikausbildung im Zuge der neapolitanischen pädagogischen Tradition untersucht, welche im Wesentlichen aus ‘Solfeggi’ und ‘Partimenti’ bestehen. Im Zentrum steht hierbei das musikpädagogische Werk Niccolò Zingarellis (1752–1837). Schliesslich wird die Geschichte der Disziplin ‘Gehörbildung’ im deutschen Sprachraum vor ihrer Entstehung im Kontext der Gründung der öffentlichen Konservatorien im 19. Jahrhundert durchleuchtet. Der Vergleich mit der zeitgenössischen Entwicklung in Frankreich und Spanien stellt die Ergebnisse dabei in einen internationalen Zusammenhang.

Ergebnisse

Die andauernde Reorientierung auf dem Gebiet der Musiktheorie mit der Suche nach neuen Grundlagen wird in diesem Forschungsprojekt durch den Vorschlag einer historisch orientierten Gehörbildungslehre unterstützt. Die Relevanz dieses Ansatzes erstreckt sich über die Grenzen der Ausbildung für alte Musik hinaus: Solche Lehrmethoden könnten durch ihre integrativen Aspekte auch eine Basis für Musiker und Musikerinnen anderer historischer Stilrichtungen bieten. Die pädagogischen Implikationen werden die Entwicklung einer effektiveren Gehörbildungsmethode ermöglichen, die enger mit dem praktischen Musizieren zusammenhängt. Die direkte Implementierung der Forschungergebnisse in die pädagogische Praxis, zunächst primär an der HKB, ist selbstverständlich ebenfalls vorgesehen.