Schreiben im Zwiegespräch

Das literarische Mentorat als Autorinstanz

Steckbrief

  • Departement Hochschule der Künste Bern
  • Forschungsschwerpunkt Intermedialität
  • Forschungsfeld Künstlerische Selbstkonzeptionen
  • Förderorganisation Schweizerischer Nationalfonds, SNF
  • Laufzeit 01.03.2014 - 31.03.2017
  • Projektverantwortung Marie Caffari
  • Projektleitung Johanne Mohs
  • Projektmitarbeitende Katrin Zimmermann
    Clara Gudehus
  • Mitwirkende Projektpartner Forschungsinstitutionen inkl. BFH Stiftung Universität Hildesheim, Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft
    Université Paris 8
    University of East Anglia, Norwich

Das Forschungsprojekt untersucht begleitete Schreibprozesse und ihre Auswirkungen auf das AutorInnenselbstverständnis. Als kollaborative Schreibszene ist das Mentorat in der literarischen Praxis an Hochschulen und in Verlagen zwar längst etabliert. Dennoch geht mit ihm weiterhin eine genieästhetisch bedingte Tendenz zur Tabuisierung einher. Mit dem vorliegenden Projekt soll es nun in Autorschafts- und Schreibprozesstheorien einbezogen werden. Die gewonnenen Erkenntnisse über gemeinschaftliche Manuskriptarbeit und dialogische Schreibszenen in Romanen des 16. Jahrhunderts zeigen dabei auf, wie das Mentorat als eine von mehreren Autorinstanzen begriffen werden kann.

Ausgangslage

Literarische Arbeitsprozesse sind seit jeher auf unterschiedlichste Formen der Zusammenarbeit angewiesen. Dennoch wird die Moderne vom genieästhetischen Konzept singulärer Autorschaft dominiert. Die seit der Romantik währenden Originalitäts- und Einsamkeitstopoi um die Figur des Schriftstellers verlieren im aktuellen ästhetischen Diskurs allerdings allmählich an Gültigkeit. Mit der zunehmenden Professionalisierung literarischer Praxis werden auch erfahrungsbasierte Begleitprozesse im literarischen Mentorat und im Lektorat präsenter. Als kollaborative Schreibszenen sind diese Arbeitsprozesse bei der Genese von literarischen Texten allerdings weitgehend unerforscht. Sie wurden bislang weder von Autorschafts- noch von Schreibprozesstheorien berücksichtigt.

Vorgehen

Um die Rolle von MentorInnen in literarischen Schaffens- und Identitätsbildungsprozessen differenzierter betrachten zu können, werden im Forschungsprojekt die Vorgehensweisen und Selbstverständnisse bei der Entstehung des Textes im Austausch mit einem «unsichtbaren Zweiten» erforscht. Das Mentorat soll dabei als eine von mehreren Instanzen begriffen werden, die Autorschaft bedingen kann und gerade bei der Herausbildung des schriftstellerischen Selbstverständnisses eine wichtige Rolle spielt. Dieser Ausgangsthese wird sowohl in einer diachronen als auch in einer synchronen Perspektive nachgegangen: ersteres über eine literaturwissenschaftliche Studie zu Dialog und Einsamkeit in Autorschaftsmodellen des 16. Jahrhunderts und letzteres in einer empirischen Studie zur heutigen Praxis des Mentorats in Schreibausbildungen an Hochschulen und in Verlagen. Wie die gemeinschaftlichen Schreibprozesse sich auf das Verständnis von Autorschaft auswirken, wird zudem in einer kulturvergleichenden Dimension analysiert, da Institutionen und Literaturbeispiele aus dem deutsch-, dem englisch- und dem französischsprachigen Raum einbezogen werden.

 

Lösung

Mit der Verschränkung der historischen und der systematischen Untersuchungsfelder wird eine Anbindung der theoretischen Debatte um die «Rückkehr des Autors» an die literarische Praxis angestrebt. Zudem sollen die
Ergebnisse zur Beschreibbarkeit kollaborativer Schreibszenen beitragen und das Mentorat im Konzept einer pluralen Autorinstanz ansiedeln. Nicht zuletzt liefert das Forschungsprojekt auch Erkenntnisse für das Unterrichten
von kreativen Prozessen und fördert die Verständigung und die Vernetzung der universitären Ausbildungsgänge im literarischen Schrei­ben in Frankreich, England, der Schweiz und in Deutschland.