Wir sind im Winterschlaf

Eine künstlerische und sozialwissenschaftliche Untersuchung des Mensch-Tier-Verhältnisses im Zoo

Steckbrief

  • Departement Hochschule der Künste Bern
  • Forschungsschwerpunkt Intermedialität
  • Forschungsfeld Kunst als Forschung
  • Förderorganisation Schweizerischer Nationalfonds, SNF
  • Laufzeit 01.05.2012 - 30.04.2016
  • Projektverantwortung Priska Gisler
  • Projektleitung Priska Gisler
  • Projektmitarbeitende Luzia Hürzeler
    Julia Siegmundt

Zoologische Gärten bearbeiten zunehmend eine Ambivalenz, die zeitgenössische Gesellschaften prägt, nämlich das wachsende Bedürfnis der Menschen nach mehr Nähe zum Tier bei gleichzeitigem Verschwinden von Tieren aus (städtischen) Räumen. Das geplante Projekt nimmt den Zoo in den Fokus und fragt entsprechend danach, inwiefern das ambivalente Verhältnis zwischen Menschen und Tieren über die räumliche Ordnung im Zoo verhandelt wird und inwiefern dabei der Zoo als Akteur in den Veränderungen dieses Verhältnisses fungiert. Hintergrund der Untersuchung bildet die Beobachtung, dass sich Zoos seit einigen Jahren verstärkt nicht mehr nur der Repräsentation der Arten widmen, sondern auch deren Schutz und Erhaltung. Diesen Fragen wir in einer interdisziplinären Kombination künstlerisch-installaticer Mittel und sozialwissenschaftlicher Vorgehensweisen nachgegangen.

Ausgangslage

«Wir sind im Winterschlaf!» – Diese und ähnliche Hinweisschilder finden Zoobesuchende in vielen Zoos der Welt immer wieder vor. Weder schlafende noch wache Tiere können schreiben. Sie haben Fürsprecher gefunden, die sich einerseits für sie artikulieren, andererseits für den Zoo entschuldigen, denn das Publikum möchte die Tiere lieber sehen als im Schlafe wissen. Menschen, die selber die Erfahrung des Winterschlafes nicht machen können, übernehmen die Stimme des Tiers und weisen gleichzeitig Rollen und Räume zu – die Tiere sind für den Winterschlaf in den nicht zugänglichen Hinterräumen des Zoos platziert worden.

Vorgehen

Im Zentrum des Projekts steht die Erkundung dieses ambivalenten Mensch-Tier-Verhältnisses in der zoologischen Anlage. Seit einigen Jahren widmen sich verschiedene zoologische Gärten nicht mehr nur der enzyklopädischen Repräsentation der Artenvielfalt durch Lebendexemplare, sondern verstärkt auch ihrem Schutz und der Erhaltung. Dieser neuere Umgang mit Tieren zeichnet sich für die Zoos darin aus, dass sie die alten gefängnisartigen Gehege oder die etwas jüngeren illusionistischen Panoramen (Hagenbeck) vermehrt durch grosszügige Anlagen ersetzen. Dazu gehört, dass den Tieren mehr Freiraum verschafft wird und den BesucherInnen detaillierte Hintergrundinformationen über die Lebensräume und Herkunftsgebiete der Tiere zur Verfügung gestellt werden. In der räumlichen Anlage geht diese Konzeptualisierung mit sich teilweise widersprechenden Effekten einher: Auf der einen Seite sind die Tiere nicht mehr so einfach zu sehen, es stehen ihnen Felsspalten, Höhlen, Nebenräume zur Verfügung, die ihren Rückzug vor den Besucherströmen er­lauben. Auf der anderen Seite werden die Grenzen zwischen Mensch und Tier zunehmend verdeckt oder aufgehoben, BesucherInnen werden in die Tierräume miteingeladen (z. B. Masoalahalle, Zoo Zürich) oder aber die Tiere treten in die Besucherräume ein (z. B. Pinguinparade, Zoo Zürich).

Lösung

Das Projekt untersucht – in einer Kombination künstlerisch-installativer Mittel und sozialwissenschaftlicher Vorgehensweisen –, inwiefern das ambivalente Verhältnis zwischen
Menschen und Tieren in der gegenwärtigen Gesellschaft über die räumliche Ordnung im Zoo verhandelt wird, und inwiefern dabei der Zoo als Akteur in den Veränderungen dieses Verhältnisses fungiert. Theoretische Grundlage der Untersuchung bildet Foucaults Konzept der Heterotopie: Heterotopien sind räumlich abgrenzbare Orte, die eine Art Zusammenstellung entgegengesetzter Positionen oder eine Zusammenfassung bestimmter Aspekte der Welt umfassen können, wie sie etwa in Gärten oder Vergnügungsparks, aber auch in Zoos vorgefunden werden. Eine Heterotopie vermag Objekte und Lebewesen anders zu präsentieren als gewohnt; dadurch stellt sie sogenannte «reale» Anordnungen der Dinge auf überhöhende, verdichtende oder andere Weise in Frage.