Zurück zur Orgelbewegung Die Wiederentdeckung der romantischen Interpretationspraxis auf der Orgel anhand eines Repertoire- und Quellenkatalogs der Welte-Aufnahmen

Im Zuge der sogenannten Orgelbewegung wurde das romantische Orgelrepertoire ab ca. 1925 zugunsten barocker Meisterwerke zurückgestellt. Mit dem Umbau der Instrumente aus dem 19. Jahrhundert ging auch der zugehörige Interpretationsstil verloren, zumal es vor 1925 kaum möglich war, Tonaufnahmen in einer Kirchenakustik zu machen. Daher gehören die ab 1909 entstandenen Aufnahmen für die Welte-Philharmonie-Orgel zu den frühesten Aufzeichnungen künstlerischen Orgelspiels überhaupt. Nachdem die Glaubwürdigkeit dieser Aufzeichnungen im Vorgängerprojekt durch eine Untersuchung des Aufnahmeverfahrens geklärt werden konnte, wird nun ein wissenschaftlicher Katalog dieser historischen Interpretationsdokumente erstellt, der die Grundlage für künftige Forschungen bildet. Erste Auswertungen betreffen die frühen Orgel-Einspielungen von Eugène Gigout (1844–1925) und Marco Enrico Bossi (1861–1925).

Steckbrief

  • Departement Hochschule der Künste Bern
  • Forschungsschwerpunkt Interpretation
  • Forschungsfeld Angewandte Interpretationsforschung
  • Laufzeit 01.03.2014 - 28.02.2018
  • Projektverantwortung Martin Skamletz, Daniel Glaus
  • Projektleitung Kai Köpp
  • Projektmitarbeitende Sebastian Bausch
    Nicola Cittadin (Doktorand)
    Dominik Hennig
    David Rumsey
    Hans-W. Schmitz
    Federico del Sordo (PIMS, Doktoratsbetreuung)
  • Mitwirkende Projektpartner Forschungsinstitutionen inkl. BFH BFH-Zentrum Arts in Context
  • Mitwirkende Projektpartner Organisationen Museum für Musikautomaten Seewen SO
    Augustinermuseum Freiburg i.Br.
    Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung Karlsruhe
    Deutsches Musikautomaten Museum Bruchsal
    PIMS: Pontificio Istituto di Musica Sacra, Rom

Einführung

Das Klavierspiel des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist durch eine auffällige Freiheit im Umgang mit dem Notentext gekennzeichnet, die dank früher Tondokumente genau analysiert werden kann. Für das Orgelrepertoire fehlen jedoch solche Dokumente bis zur Einführung elektrischer Mikrofone ab ca. 1925. Zugleich vollzog die neo-barocke Orgelbewegung einen bewussten Umbruch in Orgelbau, Repertoire und Spielweise, so dass der Orgel-Interpretationsstil des 19. Jahrhunderts bislang nur durch Berichte von Zeitzeugen und Aufnahmen aus der Folgegeneration fassbar war. Konkret konnte daher kaum beurteilt werden, ob sich das Orgelspiel vor den Umbrüchen der Orgelbewegung durch ähnliche Stilmittel auszeichnete wie das Klavierspiel. Hier geben die Einspielungen für die Welte-Philharmonie-Orgel Aufschluss, deren Quellenwert erst im Vorgängerprojekt durch die Untersuchung von Aufnahmedokumenten sowie des zugehörigen Aufnahmeapparats geklärt werden konnte.

Methoden

Die Orgel-Interpretationen sind in Form von perforierten Papierrollen überliefert, die Informationen über Höhe, Dauer, Registrierung und Dynamik jedes Tons enthalten. Die Perforationen sind dabei auf digitale Art lesbar, so dass sämtliche künstlerischen Gestaltungselemente mit einfachen Mitteln abgemessen und sogar über ein Interface auf der Welte-Philharmonie-Orgel im Museum für Musikautomaten Seewen SO abgespielt werden können. Da die Firma Welte mehr als 2’000 Orgelinterpretationen berühmter italienischer, französischer, deutscher, britischer, amerikanischer und schweizerischer Künstler aufzeichnete, dient der Bestand als Ausgangspunkt für die detaillierte Erforschung romantischer Orgelpraxis in unterschiedlichen Repertoires und Schultraditionen. Hierfür werden Daten aus öffentlichen und privaten Sammlungen zusammengetragen. In bislang 1'094 Fällen konnten ausserdem die Aufnahmerollen des internen Firmenarchivs identifiziert werden, die es erlauben, nachträgliche Korrekturen von der ursprünglichen Einspielung zu unterscheiden und deren Motivation einzuschätzen (Verbesserung von Fehlern, Anpassung an die Wiedergabetechnologie usw.). Zum Vergleich werden Schrift- und Tondokumente desselben Interpreten herangezogen.

Ergebnisse

Ziel des Projektes ist es, diesen für die kritische Quellenforschung einmalig wichtigen Bestand in Form eines zweiteiligen Katalogs für die künftige Forschung aufzubereiten: Der Repertoireteil verzeichnet sämtliche Welte-Philharmonie-Einspielungen (Werk, Interpret, Aufnahmedatum), im Quellenteil werden die einzigartigen Aufnahmedokumente beschrieben (Editionsspuren, handschriftliche Vermerke, Erhaltungszustand). Zwei Einzelstudien untersuchen die Interpretationsdokumente der berühmten Organisten Gigout und Bossi, von denen keine akustischen Tondokumente existieren, und liefern erstmals konkrete Informationen (Registrierung, Schwellerbehandlung, repertoiretypische Freiheiten gegenüber dem Notentext) über das Orgelspiel vor der Epoche der Tonaufzeichnung.