Wenn Mediziner*innen von Hebammen lernen

18.05.2022 Seit 2019 werden an der Berner Fachhochschule jedes Jahr rund 50 Medizinstudierende der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) von angehenden Hebammen in physiologischer Geburtshilfe ausgebildet. Dies ist ein Novum in der Medizingeschichte, denn lange haben Ärzte Hebammen ausgebildet und nicht umgekehrt.

Lange Zeit war die Ausbildung von Hebammen den medizinischen Fachpersonen vorbehalten. Während im 18. Jahrhundert in der ärztlichen Hebammenausbildung Folgsamkeit und Ehrerbietung gelehrt wurde (siehe Kasten), möchte man heute die interprofessionelle Zusammenarbeit mit den medizinischen Fachpersonen verbessern und den gegenseitigen Respekt fördern. Hierfür entwickelte die Berner Fachhochschule 2019 gemeinsam mit der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft) und der ETHZ (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) ein interprofessionelles Skills-Training.

Novum in der Medizingeschichte

Dieses Skills-Training ist als Novum in der Medizingeschichte zu erachten. Denn anders als im 18. Jahrhundert lernen im Skills-Training jährlich 50 angehende Humanmediziner*innen von angehenden Hebammen. Diese geben ihr Fachwissen zur physiologischen Geburtshilfe weiter, sodass die Humanmedizinstudierenden die Sichtweise der Hebammen lernen. Die Hebammenstudierenden profitieren von ihrer Funktion als Peer-Tutor*innen ebenso, weil sie durch die intensive Auseinandersetzung mit Vorbereitung und Lehre doppelt lernen, ganz im Sinne von «to teach is to learn twice». Um sicherzustellen, dass sie in der Lage sind, korrektes Wissen zu vermitteln, findet das Skills-Training im zweiten Studienjahr statt. Dann wurden die Kompetenzen zur Physiologie bei den angehenden Hebammen bereits geprüft. Tutor*innen der BFH sind während der Trainigs als Moderator*innen anwesend und können zur Hilfestellung hinzugezogen werden.

Untersuchungen selbst erleben

Die Humanmedizinstudierenden haben vor dem Skills-Training bereits zwölf Stunden Theorieunterricht erhalten. Im Skills-Training liegt der Fokus dann auf der praktischen Ausbildung in den Themenbereichen Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Neugeborenes. Die interprofessionellen Gruppen besprechen Fallbeispiele pro Themenbereich und üben mithilfe von Schauspielerinnen sowie geburtshilflichen Modellen und Puppen ihre Skills in der physiologischen Geburtshilfe sowie ihre kommunikativen Fertigkeiten. Dabei lassen die Studierenden keine Situation aus: Von der Geburtsterminberechnung, Herzton-Auswertung und der vaginalen Untersuchung über die physiologische Geburt, die Beurteilung der Plazenta bis hin zum Stillen ist alles enthalten. «Die Medizinstudierenden können selbst erleben, wie es sich anfühlt, wenn jemand auf einem gynäkologischen Stuhl mögliche Untersuchungen an einem vornimmt und zudem kommuniziert werden soll», erklärt Martina Rüegg, wissenschaftliche Assistentin bei der BFH und Mitorganisatorin des Trainings. «Hier spüren sie schnell, dass Privatsphäre und Einfühlungsvermögen für die Patientinnen wichtig sind, auch wenn man bedenkt, dass das Training in Kleidung stattfindet und so bereits eine gewisse Privatsphäre gegeben ist», führt sie aus.

Positive Rückmeldungen der Studierenden

«Es macht Spass, zu sehen, wie motiviert die Hebammen sind und ihren Beruf mit viel Freude und Stolz vertreten», sagt Martina Rüegg. Auch bei den Medizinstudierenden stossen die Skills-Trainings auf Anklang, wie einige Statements aus der Evaluation zeigen. 

«Wirklich beeindruckende Motivation der Hebammen-Studierenden. Sie haben sich enorm Mühe gegeben, ihr Wissen zielgerichtet weiterzugeben. Erstmalig (!) im Medizinstudium habe ich einige Skills genügend oft geübt, dass ich mich ein bisschen sicher fühle.»

«Es ist ein extrem cooler Ansatz, dass die Hebammen uns Medizinstudierenden die Geburt theoretisch sowie an Modellen näher bringen. Diese Skills-Tage waren für mich ein Highlight im Studium.»

«Ich fand die zwei Tage super. Der interprofessionelle Austausch war sehr spannend, und wir durften von den Hebammen sehr viel lernen. Unsere Hebammen-Kolleginnen waren sehr bemüht, uns alles zu erklären, und motiviert, unsere Fragen zu beantworten.»

Mediziner*innen lernen von Hebammen
Beim Skills-Training vermitteln zukünftige Hebammen ihr Fachwissen an Medizinstudierende

Von «folgsamen und gewärtigen» Hebammen

Obwohl seit jeher bei Geburten Frauen anwesend waren, welche die Gebärende solidarisch in den Stunden der Niederkunft unterstützten, kam durch den Forschergeist der Renaissance die Geburt zunehmend in den Fokus der Ärzte. Durch die Erfindung des Buchdruckes wurde die Lehre von medizinischem Wissen zwar zugänglicher, viele Hebammen konnten damals aber nicht lesen. Folglich wurde die Hebammenausbildung den Ärzten übertragen. Die erste ärztlich geleitete Hebammenschule der Schweiz wurde 1771 in Basel eröffnet (Jenzer H. 1996). Im Staatsarchiv Basel findet sich die Hebammenordnung von 1769, in welcher beschrieben wird, dass Hebammen dem Stadtarzt und dem Hebammenmeister «folgsam und gewärtig» sein sollen und dem Hebammenmeister in allem, was er den Hebammen anriet, «geziemende Folge und bescheidene Ehrerbietung» leisten sollen. Bei Nichtbefolgung drohte Geldstrafe oder Berufsausschluss (Staatsarchiv, 1769).

Interview mit Medizinstudentin Sara Walder zum Skills-Training

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Fachgebiet: Gesundheit, Geburtshilfe