Advanced Practice in der Schweiz

Zurzeit entwickeln sich in der Schweiz neue Rollen im Gesundheitswesen. Sie sammeln sich unter dem Begriff der Advanced Practice. Nicht-ärztliche Gesundheitsfachpersonen in eben solchen Rollen pflegen, behandeln, therapieren, begleiten oder beraten Patient*innen mit erweiterten Kompetenzen. Sie haben viel Potenzial für ein tragfähiges Gesundheitssystem.

Bild Advance Practice Schweiz

Wandel im Gesundheitswesen

Hintergrund der verstärkten Auseinandersetzung mit Advanced Practice in der Schweiz ist der Wandel im Gesundheitswesen: Wir sind mit immer mehr älteren und pflegebedürftigen Menschen, aber auch mit chronischen Erkrankungen und Mehrfacherkrankungen konfrontiert. Die Gesundheitskosten steigen. Ebenso fordert ein Mangel an Hausärzt*innen, Pflegefachpersonen und anderen Gesundheitsfachpersonen das Gesundheitswesen heraus.

Akademisierung der Gesundheitsberufe

Um das Jahr 2000 setzte in der Schweiz ein Professionalisierungs- und Akademisierungsschub der Gesundheitsberufe ein. Seit 2006 wird hierzulande die Ausbildung einzelner Gesundheitsberufe an Fachhochschulen auf Bachelor-Stufe angeboten, seit 2010 auch auf Master-Stufe. Parallel dazu fördern vermehrte Forschungsaktivitäten die Akademisierung und Professionalisierung dieser Berufe.

Neue Master-Curricula: Unsere Antwort auf Herausforderungen im Gesundheitswesen

Als Hochschule nehmen wir den wichtigen Ausbildungsauftrag für Gesundheitsberufe wahr: In unseren vier praxisorientierten Master-Studiengängen befähigen wir unsere Studierenden, sich als zukünftige Leistungserbringer*innen zu positionieren sowie relevante Impulse in Praxis, Lehre und angewandte Forschung einzubringen.

Die gegenwärtigen Entwicklungen im schweizerischen Gesundheitswesen und insbesondere in der Gesundheitsversorgung chronisch kranker Menschen erfordern von Gesundheitsfachpersonen neue Denk- und Handlungsansätze und die Übernahme neuer Rollen in innovativen Versorgungsmodellen.

Mit Entwicklungen meinen wir

  • den ausgeprägten Fachkräftebedarf
  • die demografischen Veränderungen in der Bevölkerung, die zu einer Zunahme chronisch erkrankter und multimorbider Menschen in allen Altersgruppen führen
  • die rückläufige durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Schweizer Akutspitälern mit der Verlagerung von der Akutbetreuung in den ambulanten und Langzeitbereich
  • die Entwicklung medizinischer Erkenntnisse im Bereich der Personal Medicine sowie der Medizintechnologie und der Digitalisierung (E-Health).

Wir orientieren uns mit den Curricula unserer vier Master-Studiengänge an diesen Entwicklungen und befähigen unsere Studierenden, dass Sie in Zukunft eine den Herausforderungen angepasste Gesundheitsversorgung anbieten können.

Advanced-Practice-Rollen

Die Pflege ist bezüglich Advanced Practice am weitesten fortgeschritten. Pflegefachpersonen mit konsekutivem Master-Abschluss übernehmen in unterschiedlichen Settings komplexe Fälle, bilden ihre Berufskolleg*innen weiter oder wirken als Bindeglieder zwischen Patient*in, Angehörigen und Fachpersonen. Aber auch Gesundheitsfachpersonen anderer Professionen sind bereits heute in erweiterten Rollen tätig; sei dies eingebunden in interprofessionelle Teams in grösseren Kliniken, freipraktizierend und daher höchst eigenverantwortlich handelnd oder in der Forschung.

Interprofessionalität

Gesundheitsfachpersonen in Advanced-Practice-Rollen ebnen sich nicht nur den Weg für eine erfolgreiche Berufskarriere, sondern fördern auch die interprofessionelle Zusammenarbeit und das Vertrauen der Ärzt*innen. Gemeinsam erzielen die Beteiligten eine erhöhte Versorgunsqualität und generieren mehr Sicherheit für die Patient*innen und deren Angehörige. Die medizinische Versorgung wird mit Advanced Practice ausgebaut, ergänzt und bedarfsgerechter. Es zeigt sich insgesamt eine positive Entwicklung.

Nutzen von Advanced Practice

Advanced Practice lohnt sich für die für die Patient*innen, für die Gesellschaft und für die Gesundheitsfachpersonen selbst. Mit Advanced Practice, der verstärkten Interprofessionalität und neuen Versorgungsmodellen können die Versorgungsqualität verbessert und die Wirtschaftlichkeit gesteigert werden. Die Gesundheitsberufe werden attraktiver.

Inspiration aus dem Ausland

Advanced Practice ist ein in vielen Ländern etabliertes Konzept – vor allem in angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Von den Erfahrungen, die dort in den letzten Jahren gemacht wurden, können wir in der Schweiz profitieren.

Definition

Gesundheitsfachpersonen in Advanced-Practice-Rollen verfügen über vertiefte wissenschaftliche und fachliche Kompetenzen. Dank diesen können sie Aufgaben übernehmen, die über ihren klassischen Verantwortungsbereich hinausgehen. Sie treffen komplexe Entscheidungen und handeln «mit mehr Autonomie, klinischer Verantwortung und Rechenschaftspflicht» (BASS 2013, S. 5). Darüber hinaus sind sie in der Lage, ihre Profession durch Forschungsaktivitäten evidenzbasiert weiterzuentwickeln oder in der Lehre tätig zu sein.

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Stimmen aus dem Gesundheitswesen

Danny Heilbronn

Leiter Abteilung Gesundheitsberufe, Spitalamt, Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern

«Als Advanced Practitioners übernehmen Gesundheitsfachpersonen künftig eine wichtige Rolle in interdisziplinären Behandlungsprozessen. Hier bietet sich die Chance, die Aufgabenteilung zwischen den verschiedenen Fachpersonen zu optimieren und deren Rollen zu schärfen. Advanced Practice ermöglicht es zudem, Lücken innerhalb der verschiedenen Aufgabengebiete zu füllen – und neue Tätigkeitsfelder zu erschliessen. 
Advanced Practice ist anspruchsvoll: Damit Gesundheitsfachpersonen den Anforderungen als Advanced Practitioners gerecht werden, ist eine praxisbezogene Ausbildung zielführend. Diese soll die Studierenden sorgfältig auf ihre neue Rolle vorbereiten und sie befähigen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das Curriculum muss deshalb die zukünftigen Aufgabengebiete breit abdecken. Ergänzend dazu braucht es geeignete Praktikumsplätze. Sinnvoll wäre es zudem, die Richtlinien zur Advanced Practice auf nationaler Ebene einheitlich zu gestalten und diese Master-Studiengänge ins nationale Gesundheitsberufegesetz aufzunehmen.»

Prof. Dr. Urs Brügger

Direktor, BFH Departement Gesundheit

«Die wichtigsten Treiber im Gesundheitswesen sind: Alterung, Zunahme chronischer Krankheiten, Digitalisierung, Fachkräftemangel und Kostendruck. Alle diese Faktoren sprechen dafür, dass künftig (nicht-ärztliche) Gesundheitsfachpersonen neue erweiterte Rollen, eben Advanced-Practice-Rollen übernehmen. Das bedeutet eine selbstständige, eigenverantwortliche professionelle Tätigkeit mit zusätzlichen Kompetenzen. Voraussetzung ist eine adäquate Ausbildung – in der Regel ein Master-Studium – und entsprechende Praxiserfahrung. Zudem braucht es eine angepasste Regulierung und adäquate Finanzierung dieser Tätigkeiten. Im Ausland gibt es genügend erfolgreiche Beispiele, die als Vorbild dienen können. Advanced-Practice-Rollen stärken eine integrierte, patientenzentrierte Versorgung und die Interprofessionalität. Sie können und sollen einen Beitrag zu einem nachhaltigen Gesundheitssystem leisten, das sich an den drei Zielen Qualität, Zugangsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit orientiert.»

Kathrin Thormann, RN, MScN + Elisabeth Spichiger, PD, PhD, RN

Pflegeexpertin APN, Universitätsklinik für Dermatologie, Inselspital, Universitätsspital Bern + Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Bereich Fachentwicklung, Direktion Pflege/MTT, Insel Gruppe

«Mit Advanced-Practice-Rollen kann eine innovative Versorgung aufgebaut, das volle Potenzial von Fachpersonen mit Master of Science/Doktorat genutzt, die Attraktivität von Arbeitsplätzen gesteigert und damit aktuellen Herausforderungen im Gesundheitssystem begegnet werden. Erweiterte Rollen können einen System-Fokus haben (Clinical Nurse Specialist, CNS), auf spezifische Patientengruppen und Angehörige fokussieren (Nurse Practitioner, NP) oder auf einem Kontinuum dazwischen definiert werden. CNS gewährleisten eine evidenzbasierte Praxis, hohe Pflegequalität und bestmögliche Ergebnisse. NP stellen eine evidenzbasierte, kontinuierliche, individuelle, koordinierte Betreuung sicher, z. T.  inkl. Übernahme ärztlich delegierter Aufgaben. Diese Rollen können etabliert werden, wenn Evidenz für bessere Patientenergebnisse spricht und Unterstützung durch die Führung, ein schrittweiser Rollenaufbau nach klarem Konzept sowie genügend Ressourcen für eine nachhaltige Rollengestaltung gewährleistet sind.»

Prof. Dr. Sabine Hahn

Leiterin Fachbereich Pflege, BFH Departement Gesundheit

«Die demografische Alterung und die Zunahme chronischer Erkrankungen erhöhen den Pflege- und Therapiebedarf in der häuslichen Gesundheitsversorgung. Auch medizinische Fortschritte und die Multimorbidität steigern die Komplexität der Gesundheitsversorgung. Hinzu kommen die kürzere stationäre Aufenthaltsdauer und die Erwartungen an ein personenzentriertes und effektives Krankheitsmanagement. Advanced-Practice-Rollen werden diesen Anforderungen gerecht. So arbeiten Advanced Practice Nurses (APN) selbstständig, aber integriert in interprofessionelle Behandlungsteams. Sie unterstützen Patient*innen und deren Familien durch optimale Vorbereitung auf den Spitalaufenthalt, durch Nachbetreuung und präventive Besuche zu Hause. Sie können den Gesundheitszustand einschätzen, überprüfen und durch ihr vertieftes Fachwissen Hilfestellungen für den Alltag erarbeiten. In der Schweiz werden APN in Spitälern, aber noch kaum in Hausarztpraxen eingesetzt. Es fehlen rechtliche Grundlagen und adäquate Vergütungssysteme. Soll die Qualität der Gesundheitsversorgung der Schweiz verbessert werden, müssen wir diese Lücken schliessen.»

Simone Büchi, MScN

Fachbereichsleiterin Geburtshilfe, Hebammen und Pflege, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Inselspital, Universitätsspital Bern

«Dass Advanced Practice Nurses (APN) einen nachweislichen Beitrag zur Verbesserung in der Patientenversorgung leisten und leisten könnten, ist gemäss Literatur schon lange belegt. Auch in der Geburtshilfe der Frauenklinik ist das Potenzial der Advanced Practice Midwife (APM) und deren Angebote, z. B. für Patientinnen mit Gestationsdiabetes oder mit perinataler psychischer Erkrankung, erkannt und wird zunehmend als unverzichtbar beurteilt. Um die APM und die APM-Rollen zu etablieren, müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden: etwa indem die Teilnahme der APM an qualifizierten Weiterbildungsangeboten gefördert, das interdisziplinäre Arbeitssetting gestärkt oder APM-Kompetenzen mit entsprechender Leistungsabgeltung festgelegt werden. In meiner Führungsfunktion kann ich die Etablierung der APM und APN in der Geburtshilfe unterstützen und damit zur Verbesserung der Versorgung schwangerer Frauen, Wöchnerinnen und deren Kinder beitragen.»

Silvia Kurmann

Dozentin, Ernährung und Diätetik, BFH Departement Gesundheit

«Das Gesundheitswesen wird stetig teurer und der Fachkräftemangel ist ein Hindernis für die optimale Versorgung der Betroffenen. Advanced Practice Dietitians könnten in bestimmten Bereichen Verantwortung für die Verordnung der Ernährung tragen und somit die Arbeitslast der Ärzt*innen und der Pflegefachpersonen reduzieren. Angesichts des Fachkräftemangels sind flachere Hierarchien im Gesundheitswesen essenziell, weil dadurch Schnittstellen effizienter und somit ökonomischer gestaltet werden können. Damit die Verantwortung geteilt werden kann und die Ärzt*innen tatsächlich entlastet werden, braucht es mittelfristig eine Anpassung auf gesetzlicher Ebene. Für die Ausgestaltung der Advanced-Practice-Rollen im Bereich der Ernährung bedarf es Ernährungsberaterinnen und -berater, die bereit sind, neue Wege zu gehen und die Berufsentwicklung aktiv und wissenschaftlich basiert zu fördern.»