Höheres Sozialhilferisiko bereits ab 46 Jahren

22.10.2019 Seit zwanzig Jahren vergleichen Schweizer Städte ihre Kennzahlen der Sozialhilfe. Ziel war, vom «Besten zu lernen». Dies führte zur Früherkennung von Trends und zu Innovationen in den städtischen Sozialdiensten, zum Beispiel in der Fallaufnahme oder mit Programmen für spezifische Risikogruppen. In der Langzeitbetrachtung zeigt sich jetzt, dass das Sozialhilferisiko bereits für Personen ab 46 Jahren und für jene ohne Berufsabschluss deutlich zunimmt.

2018 wiesen die 14 am Kennzahlenbericht Sozialhilfe beteiligten Städte stabile oder sinkende Sozialhilfequoten aus. Das Sozialhilferisiko ist jedoch je nach Personengruppe sehr unterschiedlich. Stark betroffen sind Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern, Personen ohne berufliche Qualifikation und zunehmend bereits Personen über 46 Jahre.
Die Sozialhilfequote der 56−64-Jährigen stieg in den Vergleichsstädten in den letzten zehn Jahren massiv an – von 3.3 auf 4.8 Prozent. Die vom Bundesrat vorgeschlagene Überbrückungsleistung für ausgesteuerte Personen ab 60 Jahren wäre ein kleiner, aber wichtiger Schritt und könnte eine Lücke im Sozialsystem schliessen.

Im Langzeitvergleich zeigt sich, dass bereits bei den 46−55-Jährigen das Sozialhilferisiko im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen hat (von 4.9 auf 5.7 Prozent). In diesen Altersgruppen addieren sich verschiedene Problemlagen: Strukturwandel der Wirtschaft, erschwerter Arbeitsmarktzugang, mangelnde oder nicht mehr gefragte Berufsbildung sowie gesundheitliche Probleme.

Verlierer der Wissensgesellschaft

Von den erwachsenen Sozialhilfebeziehenden in den 14 Kennzahlenstädten haben über 54 Prozent keine Berufsausbildung. Die Wirtschaft verlangt vermehrt nach hoch qualifizierten Personen, während für niedrig qualifizierte Menschen existenzsichernde Arbeitsplätze wegfallen. Nötig sind bessere Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten auch für Personen in der Sozialhilfe. Eine Möglichkeit zeigt die Motion «Arbeit dank Bildung» von Kurt Fluri, Präsident des Schweizerischen Städteverbandes, auf: Für die Förderung von Grundkompetenzen und die berufliche Qualifizierung von Sozialhilfebeziehenden sollen vom Bund 40 Millionen Franken eingestellt werden.

Städte sind die wesentlichen Akteure der Sozialhilfe

Der Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe, erarbeitet von der Berner Fachhochschule und der Städteinitiative Sozialpolitik, dokumentiert aktuelle Entwicklungen von 14 Städten auf der Basis von Daten des Bundesamtes für Statistik BFS. In den untersuchten 14 Städten lebt rund ein Viertel aller Sozialhilfebeziehenden der Schweiz.

Blog-Beitrag

Sozialhilfe-Risiken in Zeiten der Digitalisierung

Arbeitsmarkt und Gesellschaft wandeln sich im Zuge der Digitalisierung. Nicht alle können von den neuen Möglichkeiten profitieren. Gefragt sind flexible und belastbare Arbeitnehmende. Wer die nötigen Qualifikationen nicht vorweisen kann, trägt ein erhöhtes Sozialhilferisiko.

SRF-Tagesgespräch

Mit Michelle Beyeler, BFH-Dozentin und Nicolas Galladé, Präsident der Städteinitiative Sozialpolitik

Sozialhilfe in den Städten 2018: Stabile Quoten

  • 14 Städte: Im aktuellen Kennzahlenbericht Sozialhilfe sind vertreten: Basel, Bern, Biel, Chur, Lausanne, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Schlieren, Uster, Wädenswil, Winterthur, Zug und Zürich.
  • Städte überdurchschnittlich betroffen: Die Sozialhilfequote – also das Verhältnis zwischen der Anzahl Sozialhilfebeziehenden und der Gesamtbevölkerung – ist in Städten und Agglomerationen höher als in ihrem ländlich geprägten Umland.
  • Stabile Quoten: Im Vergleich zum Vorjahr blieben die Sozialhilfequoten stabil (8 Städte) oder sanken (6 Städte).
  • Es kommen weniger, aber sie bleiben länger: Der Anteil neuer Sozialhilfebeziehenden sinkt in vielen Städten. Die durchschnittliche Bezugsdauer der laufenden Fälle steigt jedoch an und be-trägt 46 Monate.
  • Risiko alleinerziehend: Die Sozialhilfequote der Einelternhaushalte liegt in allen Städten über 10 Prozent.
  • Anstieg bereits ab 46 Jahren: Die Sozialhilfequote der 56-64-Jährigen stieg in den Vergleichs-städten in den letzten zehn Jahren massiv an – von 3.3 auf 4.8 Prozent. Bereits in der Alters-gruppe der 46 bis 55-Jährigen ist der Anstieg überaus deutlich: von 4.9 auf 5.7 Prozent.
  • Die Bildungsschere geht auf: Das durchschnittliche Bildungsniveau steigt, die Wirtschaft ver-langt vermehrt nach hoch qualifizierten Personen. Für Personen ohne Berufsabschluss wird es schwieriger, ein sicheres Einkommen zu erzielen. Das führt häufiger zu Sozialhilfebezug.

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Fachgebiet: Soziale Arbeit
Rubrik: Forschung, Soziale Arbeit