Offene Unterrichtszimmer für Bevölkerung, Fachpersonen und Klientel

21.09.2022 Ein Vorhaben, das sich für alle Beteiligten lohnt! So lässt sich die Öffnung von Hochschullehrangeboten nach «Aussen» in einem Satz umschreiben. Gleichzeitig machen die Ergebnisse eines Forschungsprojekts aber auch deutlich, dass es hierfür eines besonderen Efforts bedarf. Offenheit, Risikobereitschaft und viel Herzblut helfen dabei natürlich auch.

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Offene Unterrichtsräume bringen einen Mehrwert für Studierende, Lehrpersonen, die Hochschule, Fachpersonen und Klientel.

Immer mehr Hochschulen bemühen sich auch im Bereich der Hochschullehre, Fachpersonen, die Klientel des jeweiligen Berufsfeldes und generell die Bevölkerung verstärkt partizipativ einzubeziehen. Mit diesen Angeboten sollen die analogen und digitalen Unterrichtszimmer nach «Aussen» geöffnet werden. Dieser Einbezug der interessierten Personen soll dabei über ein «klassisches» Mitwirken als Lehrbeauftragte, Gastdozierende und Weiterbildungsteilnehmende hinausreichen. Ziel solcher Vorhaben ist es, gemeinsam zu lehren und zu lernen, Fragestellungen und Themen zusammen zu bearbeiten sowie sich über unterschiedliche Erfahrungswerte und Perspektiven auszutauschen.

Unser Forschungsprojekt (Studer, Korell, Burgener & Chiapparini, 2022) geht der Frage nach, wie sich eine derartige Öffnung von Hochschullehrangeboten auf das hochschulische Lehren und Lernen, sprich das Lehr-Lern-Verständnis, das didaktische Handeln und die Rollen der Hochschullehrenden und Studierenden auswirkt. Unter welchen Bedingungen gelingen solche Projekte und welche Herausforderungen gehen damit einher? Mit der Bearbeitung dieser Fragen greift das Projekt eine bislang bestehende Forschungslücke auf.

Die Studie dauerte von August 2020 bis November 2021. Unser vierköpfiges Forschungsteam analysierte in einem ersten Schritt bereits bestehende Studien und evaluierte Projekte, um dann in einem zweiten Schritt drei Lehrangebote des Departements Soziale Arbeit explorativ zu untersuchen. Ein Vergleich der Ergebnisse aus Schritt 1 und 2 stellt schliesslich die Grundlage dar, empirisch und theoretisch gestützte Empfehlungen zur lehrmethodischen Ausgestaltung nach «Aussen» geöffneter Hochschullehrangebote abzuleiten. 

Mehrwert für alle Beteiligten 

In Übereinstimmung mit bisherigen Studien (u.a. Chiapparini et al., 2020; Glass et al., 2019; McKenney, Nieveen & van den Akker, 2006; Miller et al., 2015; Plomp, 2010; Schnapp, 2017; Studer, 2019) zeigt sich, dass die Öffnung von Hochschullehrangeboten einen Mehrwert für alle Beteiligten bietet. Sie fördert die Teilhabe und die Partizipation, ermöglicht verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einen niederschwelligen Zugang zu an Hochschulen bearbeiteten Themen, verknüpft Theorie und Praxis und rückt die Hochschule näher an gesellschaŠliche Problemstellungen heran. Zusätzlich zeigt unsere Studie weitere Potenziale solcher Vorhaben.

Den Studierenden bietet sich die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln: Ihre Lernerfahrungen sind nachhaltiger und ihr Horizont wie auch ihre Kompetenzen werden erweitert. Die Studierenden erfahren direkt, inwiefern sich theoretische Ansätze und Konzeptionen im Alltag umsetzen lassen. Durch diese Erfahrungen steigt nicht zuletzt auch ihre Motivation. 

Auf der Ebene der unterrichtenden Lehrpersonen zeigt sich der Mehrwert geöffneter Hochschullehrangebote unter anderem in einer methodischen, praktischen und persönlichen Kompetenzerweiterung sowie der Möglichkeit, sich nach «Aussen» zu vernetzen.

Wenn die Hochschule ihre Lehrangebote für Interessierte öffnet, kann sie sich als praxisnahe, greifbare, innovative und dadurch interessante Ausbildungsstätte positionieren. Durch die Öffnung lassen sich zudem bestimmte Themen in der Öffentlichkeit platzieren. Ein weiteres Plus besteht darin, dass Praxis, Lehre und Forschung sich weiter annähern und sich in einzelnen Lehrangeboten effektiv verzahnen lassen.

Wenn interessierte Fachpersonen, die Klientel und generell die Bevölkerung partizipieren, gleicht die Beteiligung an geöffneten Hochschullehrangeboten einer Art persönlicher Weiterbildung, die Anregung für die eigene Arbeit mit sich bringt. Geöffnete Hochschullehrangebote bieten zudem Gelegenheit zur Öffentlichkeitsarbeit für die eigene Organisation, Profession oder Gruppe. Für Adressat*innen der Sozialen Arbeit kann die Möglichkeit, an einem Hochschullehrangebot teilzunehmen und das eigene Erfahrungswissen einzubringen, einem Empowerment gleichkommen. Zugleich erhalten sie die Gelegenheit, ihre Perspektive gegenüber den Studierenden, den Lehrpersonen und der Hochschule als Ausbildungsstätte für angehende Fachpersonen der Sozialen Arbeit zu vertreten. Schliesslich zeigt unsere Studie auf, dass die Öffnung von Hochschullehrangeboten grundsätzlich als Wertschätzung gegenüber der Praxis, den einzelnen Organisationen, der Profession und der Bevölkerung erlebt wird.

Erweitertes Lehr-Lern-Verständnis

Unsere Studie hat den Forschungsstand erweitert. Sie zeigt auf, dass die Öffnung von Hochschullehrangeboten nach «Aussen» zu einer Erweiterung des Lehr-Lern-Verständnisses führt beziehungsweise ein solches vielleicht sogar voraussetzt: Geöffnete Lehrangebote gehen demnach mit einem konstruktivistischen, partizipativen Lehr-Lern-Verständnis einher, das mit einem modernen und globalen Bildungsverständnis verbunden ist. Dabei zeigen sich auch Veränderungen im Rollenbild und -verständnis von Hochschullehrenden und Studierenden. Ihren Aussagen zufolge verändern sich durch die Öffnung ihre Rollen als «Unterrichtende und Studierende» beziehungsweise «Lehrende und Lernende» im Verlaufe der Zeit und fliessen ineinander. Eine solche Veränderung bringt für alle Beteiligten neue Herausforderungen mit sich, an denen sie wachsen können. Doch auch eine vorübergehende Rollendiffusion, eine Überforderung oder gar innere oder zwischenmenschliche Rollenkonflikte sind nicht auszuschliessen.

Besonderheiten auf mikrodidaktischer Ebene

Unsere Studie zeigt weiter auf, dass die Öffnung von Hochschullehrangeboten nicht in erster Linie neue oder andere methodisch-didaktische Kenntnisse erfordert, sofern sich die Lehrpersonen ohnehin unterschiedlicher didaktischer Methoden bedienen und von einer einseitigen Wissensvermittlung in Form von Frontalunterricht absehen. Gewisse methodisch-didaktische Elemente scheinen jedoch in geöffneten Lehrangeboten besonders hilfreich zu sein. Dazu gehört allem voran das Arbeiten in Kleingruppen. Eine gemeinsame Sprache die allen Adressat*innen gerecht wird, die Berücksichtigung aller Perspektiven, der Respekt voreinander sowie das Agieren und das Kommunizieren auf Augenhöhe sind weitere wichtige Bedingungen für eine gelingende Öffnung.

Erhöhter organisatorischer und administrativer Aufwand

Nicht zu unterschätzen ist der organisatorische und administrative Aufwand, der bei der Öffnung eines Hochschullehrangebots für die verantwortlichen und involvierten Lehrpersonen anfällt. Damit ein solches Angebot gelingen kann, ist es daher unerlässlich, dass die Verantwortlichen viel Motivation mitbringen oder die Bereitschaft haben, das erforderliche Engagement aufzubringen und einen gewissen Mehraufwand zu leisten. Auch bedarf es auf Seiten der verantwortlichen Personen einer gewissen Risikobereitschaft – oder mit anderen Worten der Bereitschaft, Altbekanntes neu zu denken, ohne genau zu wissen, wohin «die Reise» führt. 

Der Gedanke von Partizipation und Mitwirkung, der in der Sozialen Arbeit schon länger Fuss gefasst hat, findet durch die Öffnung von Hochschullehrangeboten verstärkt Eingang in die Hochschullehre. Die aus unserer Studie abgeleiteten Empfehlungen tragen dazu bei, solche Angebote erfolgreich auszugestalten und umzusetzen.

Literatur

  • Chiapparini, Emanuela, Schuwey, Claudia, Beyeler, Michelle, Reynaud, Caroliner, Guerry, Sophie, Blanchet, Nathalie & Lucas, Barbara. (2020). Modelle der Partizipation armutsbetroffener und -gefährdeter Personen in der Armutsbekämpfung und -prävention:
    Schlussbericht. Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV).
  • Glass, Kea, Golombek, Moritz & Schnapp, Kai-Uwe (2019). Erfahrungsbericht zum Lehrlabor-Projekt: In und mit der Hamburger Zivilgesellscha‰ sozialwissenscha‰lich forschen. Hamburg: Universität Hamburg.
  • McKenney, Susan, Nieveen, Nienke & van den Akker, Jan. (2006). Design research from a curriculum perspective. In Jan van den Akker, Koeno Gravemeijer, Susan McKenney, &  Nienke Nieveen (Eds.), Educational design research (pp. 67–90). London: Routledge.
  • Miller, Jörg, Ruda, Nadine & Stark, Wolfgang. (2015). Implementierung
    von Service Learning in Hochschulen. Schri‰enreihe Bildung durch Verantwortung. Essen: o. V.
  • Plomp, Tjeerd. (2010). Educational Design Research: An Introduction. In Tjeerd Plomp & Nienke Nieveen (Eds.), An Introduction to Educational Design Research. Proceedings of the seminar conducted at the East China Normal University, Shanghai (PR China), November 23–26, 2007 (3rd ed., pp. 9–36). Enschede: SLO.
  • Schnapp, Kai-Uwe. (2017). Das Hamburger «Projektbüro Angewandte Sozialforschung»: Eine Infrastruktur für Lehr-Forschung mit Gesellscha†sbezug. Zeitschrift fŠr Politikwissenschaft, 27(4), 529–547. doi.org/10.1007/s41358-018-0120-9
  • Studer, Judith. (2019). Gestaltung einer Lernumgebung zur Förderung der Entwicklung berufsrelevanter Selbst- und Sozialkompetenzen. Eine Design-Based Research Studie in der Hochschulausbildung fŠr Soziale Arbeit. Detmold: Eusl. 
  • Studer, Judith & Korell, Ilona. (2021). Studieren unter Einbezug von Bevölkerung, Fachpersonen und Klientel. impuls: Magazin des Departements Soziale Arbeit (2/2021), S. 8–10. arbor.bfh.ch/14798/

Dieser Artikel ist im September 2022 im Fachmagazins «impuls» erschienen.

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Fachgebiet: Soziale Arbeit
Rubrik: Studium, Forschung