Autos von Meisterhand

28.05.2019 Auf die Bitte, ob man ihn bei der Arbeit ablichten dürfe, zieht Andrew Mc Geachy einen Block hervor. Er müsste nur so tun, als ob er zeichne, aber das kann er nicht und bringt eine saubere Skizze zu Papier.

Mit wenigen Strichen entsteht die Dreiviertelansicht eines Autos, das sich nicht so recht zu den Szenen historischer Autorennen, Szenen von Strassen aus den 50er-Jahren oder zu einer Postkartenansicht eines Dampfschiffs auf dem Genfersee aus dem frühen 20. Jahrhundert passen will. Nein, das ist ein - zwar schneller, aber umso erstaunlicher - Entwurf eines zeitgenössischen Automobils. «Die Leute meinen immer, ich male so ein bisschen zum Vergnügen, als Hobby. Ja, einer meinte sogar einmal, wie erstaunlich es sei, dass ich auch ein Motorboot hinbekomme», erzählt Andrew Mc Geachy mit einem Lachen, während er an einem Tisch mitten in seinem grossen, lichtdurchfluteten Atelier sitzt. Jede freie Wand ist mit einem Gemälde belegt, auf Tischchen stehen alte Schuco-Autos, neuere von Bburago, und neben Teekocher und Ventilatoren stapeln sich zahllose Zeitschriften und Bücher.
Sammler, Künstler und Dozent Ein Fuchs tobt auf dem Feld hinter Mc Geachys Haus herum. Dahinter ist zwischen den Bäumen hindurch ein Weiher zu erkennen - eine wahre Idylle. Den Entwurf zu seinem Doppelhaus hat er selber angefertigt. Es vereint Wohnhaus auf der einen und auf der anderen Seite das Atelier unter dem grossen Dach, darunter befindet sich eine gut eingerichtete Werkstatt sowie eine kleine, aber feine Velosammlung. Dazwischen stehen unter einem Carport zwei Alfa Romeo, eine Giulietta Sprint und eine Giulia 1750 GTV Bertone. Und vor dem Haus wartet ein Peugeot 203 Break auf seine Restaurierung.
«Ich zeichne und male oft vor Publikum, so etwa an Veranstaltungen wie der Swiss Classic World», erklärt der gebürtige Schotte den Umstand, dass mancher Beobachter dem Trugschluss unterliegt, der Künstler gehe bloss einem Hobby nach. Nein, Mc Geachy ist ein ausgebildeter und gestandener Autodesigner, der etwa bei Volkswagen auch Industrieerfahrung sammelte. 1989 wechselte er als Dozent zum Art Center College of Design, das von 1986 bis 1996 in La Tour-de-Peilz VD oberhalb von Vevey unter der Federführung des ehemaligen Ford-Chefdesigners Uwe Bahnsen (u. a. P3, Knudsen-Taunus/Cortina, Fiesta, Escort FWD, Sierra, Scorpio) einen Schweizer Ableger betrieb. Nach dem Beschluss der US-Privatuni, den Ableger 1996 zu schliessen, blieb Mc Geachy in der Schweiz. Noch heute gibt er Kurse an der Berner Fachhochschule in Biel im Studiengang Automobiltechnik Heuer sollen die Studenten mit Mc Geachys Unterstützung einen Roboter bauen.

Historische Vorbilder

Andrew Mc Geachys Arbeiten decken die ganze Spannbreite zwischen Kunst und Kunsthandwerk ab. Vorbilder sind die grossen Illustratoren des 20. Jahrhunderts, die nicht nur kaum zu fotografierende Szenen des Motorsports mit Sachkenntnis und einem Schuss Imagination auf der Leinwand festzuhalten vermochten, sondern auch Plakate, Broschüren oder gar Benutzerhandbücher mit kleinen Kunstwerken bebildert haben. Aus der Gebrauchsgrafik ist heute längst Kunst geworden: Was spätestens mit der Einführung der farbechten Fotografie altmodisch geworden war, ist heute wieder gesucht und begehrt. Genau wie die historischen Vorbilder sind die Bilder Mc Geachys eine Mischung aus künstlerischem Werk und Auftragsarbeit. Etwa dann, wenn er in einer Strassenszene vor der Promenade des Anglais in Nizza (F) alle Fahrzeuge aus der Sammlung des Auftraggebers einbauen soll, aber auch wenn er das Poster zum Grand Prix Suisse Berne Memorial neu gestaltet.

Ein geschultes Auge

Mc Geachys Fundus an Skizzen und Zeichnungen scheint unerschöpflich. Ein Ordner mit alten Fotos dokumentiert dazu Arbeiten aus der Zeit bei VW Auch wenn Mc Geachy heute kein Teil der Industrie mehr ist, welche den Prozess, wie Autos entworfen und in 3D-Objekte umgesetzt werden, stark verändert hat, betrachtet er Autos noch immer mit einem kritischen Auge: «Ich will nicht als Miesepeter etwa durch den Autosalon spazieren und herumkritisieren, aber manchmal frage ich mich schon, wie dieser oder jener Entwurf es tatsächlich geschafft hat, vom Führungsgremium für die Serienproduktion gutgeheissen zu werden. Besonders pikant ist es, wenn man danach die alternativen Vorschläge zu Gesicht bekommt, die fast alle irgendwie mehr überzeugen.» Nein, herumzukritteln, das passt definitiv nicht zum stets zu einem Spass aufgelegten Schotten, der neben seiner Muttersprache sowohl Französisch wie Deutsch beherrscht. Und selbst das Kritzeln ist keine seiner Disziplinen. Denn die Skizze, die während unseres Gesprächs über Autos, Gott und die Welt entstanden ist, zeigt einen sauberen Strich. Heuer wird Andrew Mc Geachy wieder an der Swiss Classic World Luzern malen und ausstelle

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Fachgebiet: Ingenieurwesen + Technik