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Startup-Stress: Belastung als Chance für Gründer*innen?
23.02.2026 Gründer*innen wird eine grosse Belastbarkeit abverlangt. In ihrer Rolle erleben viele junge Unternehmer*innen belastende und stressige Phasen. Der erlebte Stress hat dabei unterschiedliche Ursachen. Stefan Raff-Heinen von der BFH erklärt im Interview unter welchen Umständen Stress die Resilienz stärken kann.
Stefan, deine Forschung bezieht sich oft auf die Frage, wie Startups erfolgreich sind. In einer neuen Studie in Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen habt ihr die Gründer*innen selbst in den Fokus gerückt und euch angeschaut, welchen Stressfaktoren sie ausgesetzt sind. Was habt ihr herausgefunden?
Gründer*innen arbeiten in der Regel in Umgebungen, die von intensiven Anforderungen geprägt sind. Zeitdruck, Verantwortung und Konflikte erzeugen eine starke Belastung. Deshalb spielt ihre Fähigkeit zur Erholung und Anpassung eine zentrale Rolle. In unserer Studie untersuchen wir, wie sich zwei typische Stressfaktoren, hohe Arbeitsbelastung und Konflikte mit Investor*innen, kurzfristig und langfristig auf die Resilienz auswirken. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine hohe Arbeitsbelastung im Moment anstrengend ist, sich über längere Zeit jedoch unter bestimmten Bedingungen auch positiv auf die Resilienz auswirken kann. Konflikte mit Investor*innen hingegen führen in eine Abwärtsspirale, sprich sie entziehen Energie und zeigen keine stärkende Wirkung.
Hohe Arbeitsbelastung kann sich im Moment stressig anfühlen, kann aber – vergleichbar mit einem Training – die Resilienz erhöhen. Warum ist dies bei Konflikten nicht der Fall?
In der psychologischen Forschung wird zwischen sogenannten Challenge Stressoren und Hindrance Stressoren unterschieden. Man unterscheidet also zwischen gutem Stress, der ein positives Momentum auslösen kann, und schlechtem Stress, der Fortschritt behindert. Hohe Arbeitsbelastung zählt häufig zur ersten Gruppe. Sie fordert zwar kurzfristig, kann aber längerfristig kognitive und emotionale Prozesse in Gang setzen, die Anpassung und Problemlösung fördern. Viele Gründer*innen gewinnen zum Beispiel neue Einsichten und erleben Fortschritte, die ihre Belastbarkeit stärken. Konflikte mit Investor*innen gehören zur zweiten Gruppe. Sie beeinträchtigen sowohl kurzfristig als auch langfristig die eigene Handlungsfähigkeit und reduzieren immer wieder von Neuem das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit. Sie führen zu anhaltenden negativen Emotionen, ohne eine positive Entwicklung anzustoßen.
Und was bedeuten diese Ergebnisse für Gründer*innen in der Praxis?
Die Ergebnisse zeigen zwei Bereiche auf, in denen Gründer*innen unmittelbar ansetzen können: Erstens spielt mentale Erholung, insbesondere in Phasen mit akutem Stress, eine wichtige Rolle. In der Startup-Welt herrscht oft eine Hustle-Culture-Ideologie, viele sind «Always On» und ständig im «Working Mode». Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass diejenigen, die es schaffen, sich auch mal bewusst von der Arbeit zu lösen, akuten Stress besser abfedern und insgesamt nachhaltiger arbeiten. In der Forschung wird dies als «Psychological Detachment» bezeichnet. Klare Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit sind zentral, und Instrumente wie Meditation oder Achtsamkeitsübungen können dieses Abschalten zusätzlich unterstützen. Zum Glück zeigt sich bereits heute an vielen Stellen, dass die Bedeutung des «Abschaltens» zunehmend verstanden wird und auch immer mehr Unterstützungsangebote in diesem Kontext entstehen. Diese Entwicklung gilt es weiter auszubauen.
Zweitens kann es Gründer*innen helfen, Phasen mit hoher Arbeitsbelastung als Chance zu sehen, an einer Aufgabe zu wachsen. Eine hohe Arbeitsbelastung kann sich so im Verlauf zu einer stärkenden Erfahrung entwickeln. Gründer*innen sollten frühzeitig versuchen, stressige Phasen für sich neu einzuordnen und nicht nur als Belastung, sondern auch als Chance zu sehen. Ein solches Reframing kann akuten Stress reduzieren und den Aufbau von Belastbarkeit fördern.
Vielen Dank für das Gespräch.
Den vollständigen Artikel mit allen Insights gibt es Open Access im Journal of Small Business Management zu lesen. An der Studie beteiligt waren Stefan Raff-Heinen von der BFH sowie die Kolleg*innen Annika Mara Aust, Sebastian Kruse, Pia Leyendecker und Malte Brettel von der RWTH Aachen.