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Stabil war gestern – wie Geopolitik unseren Alltag verteuert
11.06.2026 Energiepreise, neue Machtzentren und die Zukunft der Weltwirtschaft. Ein Interview mit Omar Serrano vom Institut Marketing und Global Management.
Warum werden Dinge wie Tanken, Heizen oder Lebensmittel teurer – und welche Rolle spielt Geopolitik dabei konkret?
Geopolitik wirkt heute direkt bis in unseren Alltag. Ein aktuelles Beispiel ist die Schliessung der Strasse von Hormus. Durch diese Meerenge fliesst normalerweise bis zu ein Drittel des weltweiten Ölhandels. Fällt dieser Korridor weg, verknappt sich das Angebot – und die Preise steigen. Das spüren wir nicht nur an der Tankstelle. Höhere Energiepreise verteuern Transport. Produktion und damit praktisch alles – von Kunststoffen bis zu Lebensmitteln.
Was viele unterschätzen, ist der Effekt auf die Landwirtschaft: Düngemittel werden unter anderem aus Erdgas sowie aus Vorprodukten wie Ammoniak, Harnstoff (Urea) und Schwefel hergestellt – Rohstoffe, die derzeit auch aufgrund der Blockade der Strasse von Hormus nur eingeschränkt verfügbar sind. Werden diese Lieferketten gestört, sinkt die Produktion spürbar. Gleichzeitig fallen wichtige Anbieter wie Russland (Sanktionen) und China (Exportbeschränkungen) teilweise aus. Das führt dazu, dass ein erheblicher Teil der globalen Düngemittelproduktion ins Stocken gerät.
Geopolitik treibt die Preise also nicht nur über Energie, sondern auch über die Lebensmittelproduktion. Und steigende Nahrungsmittelpreise können wiederum politische Instabilität verstärken – ein Mechanismus, den wir aus der Vergangenheit gut kennen.
Wie verletzlich ist die Schweiz wirklich, wenn globale Lieferketten unter Druck geraten?
Die Schweiz ist als sehr offene Volkswirtschaft besonders exponiert: Rund jeder dritte Franken wird im Ausland verdient. Wenn globale Lieferketten unter Druck geraten, trifft uns das unmittelbar. Im Moment zeigt sich das vor allem über die Nachfrage. Steigende Inflation in wichtigen Absatzmärkten dämpft den Konsum – und trifft damit die exportorientierte Schweizer Wirtschaft unmittelbar. Unsere wichtigsten Handelspartner sind nach wie vor die Nachbarländer in der EU, allen voran Deutschland, sowie die USA. Dass Europa und insbesondere Deutschland zuletzt nur schwach gewachsen sind, ist in der Schweizer Industrie deutlich spürbar. Die jüngste Halbierung der deutschen Wachstumsprognose auf 0,5 % unterstreicht das. Gleichzeitig zieht die Inflation in den USA wieder an – auch das trübt die Aussichten.
Das heisst: Das bisherige, stark europäisch geprägte Handelssystem trägt nicht mehr gleich gut wie früher für die Schweiz. Die Schweiz ist also verletzlich, aber nicht machtlos. Ihre Stärke liegt darin, sich flexibel auf neue Märkte auszurichten und so Risiken zu diversifizieren.
Spüren wir die Auswirkungen schon vollständig – oder kommt da noch mehr?
Wir sehen die Auswirkungen bereits sehr deutlich. Konkretes Beispiel ist Kerosin: Es ist knapper und teurer geworden. Fluggesellschaften streichen Verbindungen oder erhöhen die Preise spürbar. Ähnliche Effekte sehen wir in vielen anderen Bereichen.
Ob das Schlimmste bereits hinter uns liegt, hängt entscheidend von der geopolitischen Entwicklung ab. Entspannt sich die Lage, stabilisieren sich die Märkte schrittweise. Bleibt sie angespannt, drohen wiederkehrende Schocks.
Die globale Macht verschiebt sich. Wer gewinnt – und wer verliert?
Wir erleben derzeit eine historische Verschiebung. In den 1990er-Jahren dominierten die G7 die Weltwirtschaft. Heute haben die BRICS+ – ein Zusammenschluss grosser Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika sowie weiterer Partnerstaaten – diese Rolle zunehmend übernommen. Das verändert die Spielregeln der Weltwirtschaft. Wachstum, Nachfrage und Investitionen entstehen immer stärker ausserhalb der traditionellen Industrieländer, insbesondere in Asien.
Für Europa bedeutet das einen relativen Bedeutungsverlust. Schwaches Wachstum und strukturelle Herausforderungen verstärken diesen Trend zusätzlich. Für die Schweiz als exportorientierte Volkswirtschaft ist das zentral: Sie kann sich nicht mehr primär auf ihre klassischen Märkte in Europa und den USA verlassen. Gleichzeitig eröffnet diese Entwicklung Chancen. Neue Märkte gewinnen an Gewicht, neue Partnerschaften werden wichtiger. Für die Schweiz heisst das vor allem: wirtschaftliche Beziehungen breiter diversifizieren und sich strategisch stärker auf diese neuen Machtzentren ausrichten.
Warum gewinnt Indien gerade so stark an Bedeutung – wirtschaftlich und geopolitisch?
Weil Indien derzeit die dynamischste grosse Volkswirtschaft der Welt ist – mit Wachstumsraten von rund 6 bis 7 Prozent. Dieses Wachstum bedeutet wirtschaftliches Gewicht – und damit auch geopolitischen Einfluss. Indien wird zunehmend zu einem zentralen Akteur, sowohl als Absatzmarkt wie auch als politischer Partner.
Ein zusätzlicher wichtiger Faktor ist das neue Freihandelsabkommen «TEPA» zwischen der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und Indien, das seit letztem Herbst in Kraft ist. Dieses verschafft der Schweiz einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber vielen europäischen Ländern: Das EU-Indien-Abkommen ist zwar politisch vereinbart, muss aber noch ratifiziert werden und wird daher erst verzögert wirksam. Im Rahmen von TEPA hat sich die EFTA verpflichtet, in den nächsten 15 Jahren rund 100 Milliarden US-Dollar in Indien zu investieren. Das ist ein sehr bedeutendes Volumen. Zwar kann der Staat Unternehmen nicht zu Investitionen verpflichten, aber die strategische Stossrichtung ist klar.
Hinzu kommt: Indien investiert stark in Nachhaltigkeit und Infrastruktur. Genau dort sind Schweizer Unternehmen gut positioniert. Vor diesem Hintergrund engagieren wir uns als Business School gezielt in Indien. Wir bauen strategische Partnerschaften mit führenden indischen Hochschulen auf, um den Austausch von Studierenden und Dozierenden zu fördern. Gleichzeitig wollen wir insbesondere Schweizer KMU, die mit dem indischen Markt oft noch weniger vertraut sind, konkret unterstützen. Dazu haben wir gemeinsam mit der MDI – einer der führenden Business Schools Indiens im Business District von Neu-Delhi (Gurgaon) – ein Programm entwickelt («Deep Dive India»), das einen praxisnahen Zugang zum Markt ermöglicht.
Studienreise «Deep Dive India»
Die Studienwoche «Deep Dive India» in Delhi vermittelt praxisorientiertes Verständnis für Indien als Absatzmarkt und Beschaffungsdrehscheibe. Vor Ort nehmen die Teilnehmenden an Veranstaltungen am MDI – Management Development Institute (AACSB-akkreditiert) teil und besuchen schweizerische und indische Unternehmen.
Was wird in zehn Jahren ganz selbstverständlich sein, das heute noch viele unterschätzen?
Wir bewegen uns sehr wahrscheinlich in Richtung einer sogenannten «Elektroökonomie» – manche sprechen bereits von ersten «Elektrostaaten». Gemeint ist ein grundlegender Umbau des Energiesystems: weg von fossilen Brennstoffen hin zu Elektrizität als zentralem Energieträger. China treibt diese Entwicklung massiv voran, etwa mit Solarenergie, Batterien und grünem Wasserstoff. Letzterer ermöglicht es, besonders schwer zu elektrifizierende Sektoren wie die Schwerindustrie und die Luftfahrt zu dekarbonisieren. Länder wie Norwegen zeigen, wie weit Elektrifizierung bereits gehen kann – bis hin zu Fähren und Baumaschinen. Ein solcher «Elektrostaat» hat nicht nur ökologische, sondern auch geopolitische Vorteile. Wer einen grossen Teil seiner Energie im eigenen Land produziert, ist weniger abhängig von fossilen Importen – und damit auch weniger anfällig für geopolitische Krisen wie aktuell rund um die Strasse von Hormus. Voraussetzung ist allerdings, dass der Strom tatsächlich nachhaltig erzeugt wird – hier hat auch China noch Aufholbedarf.
Was heute noch nach Zukunftsmusik klingt, könnte also bald selbstverständlich sein: eine Welt, in der Energie primär elektrisch, zunehmend erneuerbar – und damit auch geopolitisch neu verteilt ist.