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«Ambulant» darf nicht heissen: sich selbst überlassen

18.09.2026 Wie kann Ambulantisierung für Menschen mit einer chronischen Erkrankung funktionieren? Chantal Britt, Präsidentin von Long Covid Schweiz, schreibt aus eigener Erfahrung und zeigt auf, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ambulante Versorgung entlastet statt überfordert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ambulante Versorgung entlastet Menschen mit chronischen Erkrankungen nur, wenn sie bedarfsgerecht unterstützt und nicht mit dem Selbstmanagement allein gelassen werden.

  • Dafür braucht es verbindliche Koordination, interprofessionelle Zusammenarbeit, feste Ansprechpersonen und eine bessere digitale Vernetzung.

  • Eine starke Primärversorgung soll Betroffene zu einer selbstbestimmten Mitgestaltung befähigen und zugleich Hausärzt*innen administrativ entlasten.

Mit einer chronischen Erkrankung zu leben bedeutet, dass Gesundheit und Wohlbefinden nicht mehr selbstverständlich sind. Komplexe Krankheiten wie Long Covid betreffen alle Organsysteme und medizinischen Disziplinen, während Evidenz zu Diagnose und Behandlung immer noch begrenzt ist. So müssen wir als Überlebende und Nicht-Genesene lernen, den Alltag unseres Lebens 2.0 zu bestreiten – und dies fast ausnahmslos «ambulant».

Chantal Britt
Chantal Britt ist Präsidentin von Long Covid Schweiz und BFH-Mitarbeiterin und weiss, wie ambulante Versorgung Menschen mit chronischen Erankungen entlasten kann.

Leben mit einer chronischen Erkrankung

Dazu gehören neben dem Durchforsten der neuesten Literatur und dem medizinischen Symptommanagement zahlreiche administrative Aufgaben. Man koordiniert Arzttermine, diskutiert Arbeitsfähigkeit, klärt Versicherungsansprüche und ficht IV-Entscheide an. Dieses Case Management begleitet uns über Jahrzehnte – neben Familie, Job, Sozialleben und dem Versuch, ein möglichst normales Leben zu führen. Wir sind bei Weitem keine Einzelfälle. Knapp 80 Prozent der Menschen ab 45 Jahren in einer Hausarztpraxis sind gemäss PaRIS Survey chronisch krank (OECD, 2025).

Komplexe Situationen erfordern eine gut funktionierende Versorgung. Die grössten Herausforderungen entstehen an Schnittstellen, bei Mehrfacherkrankungen, Polypharmazie, Notfällen, bei der Pflege zuhause, am Arbeitsplatz oder in der Ausbildung. Bei den Übergängen zwischen stationärer, ambulanter und gar keiner Versorgung wird sich zeigen, ob Ambulantisierung praktisch umsetzbar ist.

Selbstmanagement als Pflicht?

Seit Jahren fördern wir Ambulantisierung. Grundsätzlich möchten alle Menschen möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld bleiben oder nach einem Spitalaufenthalt rasch nach Hause zurückkehren. Zuhause bedeutet mehr Selbstbestimmung, bessere Lebensqualität und weniger Belastung als im Spital. Ambulantisierung ist jedoch nur dann ein Fortschritt, wenn sie die Bedürfnisse der Betroffenen und Angehörigen berücksichtigt, diese unterstützt, sodass sie sich selbstwirksam und ernstgenommen fühlen und sie z. B. gemäss «Martha’s Rule» das Recht auf eine dringende Zweitmeinung erhalten (King’s College Hospital NHS Foundation Trust).

Wir erleben, dass ambulante Versorgung vor allem dann gut funktioniert, wenn Betroffene über Gesundheits- und Systemwissen verfügen und sich in stabilen Lebensverhältnissen befinden. Schwieriger wird es bei komplexen Krankheitsbildern, Mehrfacherkrankungen, fehlender Hilfe, geringer Belastbarkeit oder mangelnder Gesundheitskompetenz – also gerade bei jenen Menschen, die besonders häufig auf Unterstützung angewiesen sind. Damit Ambulantisierung gelingt, müssen wir die Versorgung erhalten, die wir in unserer jeweiligen Situation benötigen, am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt. Wenn Aufgaben und Verantwortung nur auf uns abgewälzt werden, werden wir als Betroffene und Angehörige allein gelassen, und Selbstmanagement zur Pflicht.

«Grundsätzlich möchten alle Menschen möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld bleiben oder nach einem Spitalaufenthalt rasch nach Hause zurückkehren.»

  • Chantal Britt Präsidentin von Long Covid Schweiz und BFH-Mitarbeiterin

Zur Person: Chantal Britt

Zur Person: Chantal Britt

Chantal Britt gründete gemeinsam mit anderen Betroffenen die Patientenorganisation Long Covid Schweiz und engagiert sich für Betroffene von Long Covid und ME/CFS. Für ihre Arbeit wurde sie im Jahr 2024 als erste Patientin überhaupt mit dem renommierten Viktor Award als «herausragende Persönlichkeit» im Schweizer Gesundheitswesen ausgezeichnet und erhielt den Prix Courage des «Beobachters». An der BFH arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für kollaborative Gesundheitsversorgung und Leadership.

Flickenteppich einzelner Angebote

Eine der grössten Herausforderungen heutzutage ist die fehlende Koordination. Als Betroffene erleben wir das Gesundheitssystem als Flickenteppich einzelner Angebote. Die Abstimmung zwischen Praxen, Fachpersonen, Therapien, Versicherungen und Arbeitgebenden liegt häufig bei uns. Gerade für Menschen mit kognitiven Beschwerden ist dieser Aufwand eine Belastung. Weitere Schwachstellen sind die schleppende Digitalisierung, fehlende telemedizinische Angebote und verzögerte Einführung neuer Versorgungsmodelle wie Advanced Practice Nurses. Dadurch geht Ambulantisierung zurzeit zulasten von Betroffenen und Hausärzt*innen.

Wir benötigen Koordination und eine abgestimmte Begleitung mit klaren Zuständigkeiten und transdisziplinäre Zusammenarbeit bei Beteiligung verschiedener Fachpersonen. Fast ebenso wichtig ist Kontinuität. Feste Ansprechpersonen kennen Krankheitsgeschichten, erkennen Veränderungen und schaffen Vertrauen. Eigenverantwortung hat jedoch Grenzen. Die Verantwortung für Qualität, Sicherheit und Zugang zur Versorgung bleibt beim Gesundheitssystem.

Empowerment bedeutet nicht, Menschen mit ihren Problemen allein zu lassen, sondern sie mit den nötigen Informationen, Kompetenzen und Strukturen auszustatten. Für ein gutes Chronic Care Management müssen Ziele gemeinsam definiert und Betroffene befähigt werden, ihre Versorgung aktiv mitzugestalten. Wir entwickeln mit der Zeit ein hohes Fachwissen über unsere Erkrankungen und werden zu Expert*innen in eigener Sache. Wir können, wollen und müssen Verantwortung übernehmen.

«Empowerment bedeutet nicht, Menschen mit ihren Problemen allein zu lassen, sondern sie mit den nötigen Informationen, Kompetenzen und Strukturen auszustatten. »

  • Chantal Britt Präsidentin von Long Covid Schweiz und BFH-Mitarbeiterin

Stärkung der Primärversorgung

Ein Blick ins Ausland zeigt mögliche Wege. Die schwedische Reform «God och nära vård» fördert eine personzentrierte, wohnortnahe und koordinierte Versorgung über die Primärversorgung. Kontinuität, feste Ansprechpersonen, individuelle Prioritäten und Zusammenarbeit werden gezielt gefördert. Auch Australien hat mit den sogenannten «Primary Health Networks» Strukturen geschaffen, die die Versorgung koordinieren und insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen unterstützen.

Für die Schweiz bedeutet dies die Stärkung der Primärversorgung, verbindliche Koordinationsstrukturen, interprofessionelle Zusammenarbeit und feste Ansprechpersonen für Menschen mit komplexen Erkrankungen. Gleichzeitig braucht es eine Entlastung der Hausärzt*innen von administrativen Aufgaben, damit mehr Zeit für Patient*innen bleibt (siehe «Kampagne Papiertiger», Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin). Für uns bedeutet Ambulantisierung nicht einfach, dass Leistungen aus dem Spital nach Hause verlagert werden. Sie gelingt erst dann, wenn wir im Alltag so unterstützt und begleitet werden, dass wir möglichst selbstbestimmt mit unserer Erkrankung leben können.

Ambulante Versorgung

Ambulante Versorgung verändert das Gesundheitswesen. Immer mehr Leistungen werden dort erbracht, wo Patient*innen leben und ihren Alltag verbringen. Das eröffnet Möglichkeiten, stellt Fachpersonen und Institutionen aber auch vor Herausforderungen. In unserer Serie zeigen wir, wie sich die ambulante Versorgung entwickelt und was es braucht, damit sie wirksam, koordiniert und nachhaltig ist. Wir geben zudem Einblick in Modelle, welche die BFH gemeinsam mit Praxispartnerschaften und mit Hilfe des Swiss Center for Care@Home (SCC) pilotiert, implementiert und evaluiert.

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