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«Der Wissenstransfer hat System» – Einblick in eine strategische Partnerschaft
15.06.2026 Für das Departement Soziale Arbeit der BFH ist es strategisch wichtig, die Herausforderungen sozialer Organisationen zu kennen. Seit 2020 baut es gezielt Partnerschaften auf – auch mit der Berner Konferenz für Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenenschutz (BKSE). Das Interview zeigt die Erwartungen der Praxis und gemeinsame Resultate.
Das Wichtigste in Kürze
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Die Partnerschaft BFH – BKSE ermöglicht einen kontinuierlichen Austausch: Die Praxis bringt Input in Ausbildung, Forschung und Weiterbildung ein; umgekehrt gelangen wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in die Sozialdienste.
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Sozialarbeitende brauchen breites Systemwissen, interdisziplinäre Kompetenzen, Beratungsskills und eine reflektierte Persönlichkeit. Praxisnahe Ausbildung ist entscheidend, um komplexe Fälle zu bewältigen.
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Sozialdienste stehen unter Ressourcen- und Veränderungsdruck. Künftig werden Themen wie soziale Ungleichheit, Integration in den Arbeitsmarkt und neue Lösungsansätze zentral.
Daniel Frei und Thomas Michel, Sie beide vertreten den wichtigsten Fachverband im Sozialwesen der bernischen Sozialdienste, Gemeinden und Sozialbehörden. Sie sind für die BFH ein wichtiger Draht in ein Praxisfeld, für das wir forschen, lehren und unsere Expertise anbieten. Warum ist aus Ihrer Sicht diese Zusammenarbeit wichtig?
Daniel Frei: Es gibt verschiedene Gründe. Zum einen wollen wir nahe an der Wissenschaft sein. Es ist in unserem Interesse, die Fachlichkeit der Sozialen Arbeit weiterzubringen. Darum tauschen wir uns regelmässig über Forschungsprojekte aus, die an der BFH laufen. Zum anderen arbeiten wir in der Ausbildung mit. Dort bringen wir als Fachverband den Praxisinput direkt ein.
Wichtig ist dies unter anderem, damit die Studierenden den Schritt in die Arbeitswelt nach dem Studium schaffen. Nicht zuletzt tauschen wir uns über Weiterbildungen aus: Wir geben Rückmeldungen zu bestehenden Angeboten und denken gemeinsam über deren Anpassungen und neue Angebote nach. Dadurch erfolgt der Wissenstransfer aus der Praxis an die Hochschule.
Thomas Michel: Umgekehrt ist der Austausch für die BKSE auch interessant, weil wir die Erkenntnisse der Wissenschaft in der Praxis nutzen wollen. Nehmen wir die Forschungsprojekte der BFH: Da die BKSE die Belange für die Sozialdienste koordiniert und den Austausch aktiv pflegt, ist es nicht einfach dem Zufall überlassen, dass die Sozialdienste im Kanton erfahren, wenn ein Dienst etwas Interessantes macht. Sie erfahren durch uns regelmässig davon. Der Wissenstransfer hat somit System. Nicht zu vergessen: Die Hallerstrasse ist auch das Zuhause der BKSE. Wir halten in den Räumen des Departements unsere Sitzungen ab.
Berner Konferenz für Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenenschutz BKSE
Die Berner Konferenz für Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenenschutz BKSE ist der Fachverband der Berner Sozialdienste. Sie bezweckt die wirkungs- und zielgruppenorientierte Förderung der öffentlichen Sozialhilfe und des Kindes- und Erwachsenenschutzes im Kanton Bern.
Aufgaben sind: Förderung der fachlichen Kompetenz der Fachpersonen. Die BKSE organisiert Weiterbildungen, Informationsveranstaltungen und wirkt am Kurs für Sozialbehörden mit.
Prof. Dr. Simon Steger, Co-Leiter Forschung Departement Soziale Arbeit BFH, der das Interview führte, ist beratendes Vorstandsmitglied des Fachverbands und zuständig für die Vorbereitung und Teilnahme am strategischen Austausch mit dem Verband, der zweimal pro Jahr stattfindet.
Sprechen wir über die Abgänger*innen des Bachelor-Studiums. Was müssen sie mitbringen?
Frei: Sie brauchen Wissen über das soziale System in der Schweiz, zum Beispiel über die Sozialversicherungen. Dann müssen sie sich mit den Biografien Betroffener auskennen. Im Kanton Bern gibt es viele Sozialdienste, die polyvalent sind und sowohl für die Sozialhilfe wie auch für den Kindes- und Erwachsenenschutz zuständig sind. Die Klientel dieser Dienste befindet sich in sehr unterschiedlichen Lebensphasen und -welten.
Man sollte die Themen kennen, die vorgeburtlich, bei Kindern, bei Familien, bei Alleinstehenden und bis ins hohe Alter vorkommen. Die Problemlagen unserer Klientel werden immer komplexer. Man sollte daher auch Kenntnisse anderer Fachrichtungen mitbringen, etwa aus der Psychologie. Nur so kann eine Fachperson erkennen, wo in der Beratung anzusetzen ist. Sehr zentral ist auch, dass man Beratungskompetenzen mitbringt. Dabei sind sicher die Praktika hilfreich, die viele Sozialdienste anbieten.
Michel: Interessant sind für uns Persönlichkeiten, die eine eigene Geschichte und eigene Vorkenntnisse aus ihrem Leben mitbringen und diese auch reflektiert haben. Im Studium muss die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit Raum erhalten, denn in der Praxis ist sie neben der Fach- und Methodenkompetenz ein zentrales Arbeitsinstrument.
Die BKSE bekennt sich klar dazu, dass fachlich gut ausgebildetes Personal für die Dienste unerlässlich ist. Wir teilen mit der BFH dieses Professionsbewusstsein.
Die Arbeit auf dem Sozialdienst ist anspruchsvoll. Wie bringt sich die BKSE im Studium ein?
Frei: Wir von der BKSE wirken bei der Entwicklung des Studiums seit Längerem mit. So waren wir etwa an der Ausarbeitung des aktuellen Curriculums beteiligt. Wir sind zudem im Bachelor-Studium mitverantwortlich für Module zu unseren drei Fachgebieten Kindesschutz, Erwachsenenschutz und Sozialhilfe (Anm. d. Red.: Die BKSE gestaltet seit 2023 drei Spezialmodule in Zusammenarbeit mit der BFH). Zudem treffen wir uns mehrmals pro Jahr mit Verantwortlichen des Departements und können zurückspielen, was wir in der Praxis von der Hochschule brauchen und umgekehrt.
Im Bachelor-Studium sind für uns die Praktika sehr wichtig, damit die Studierenden ein realistisches Bild von der Arbeit der Sozialdienste erlangen. Wir können den Studierenden im Praktikum zeigen, wie die Sozialdienste, trotz ihrer beschränkten Ressourcen, eine effektive Unterstützung und eine gute Soziale Arbeit leisten.
Michel: Die BKSE bekennt sich klar dazu, dass fachlich gut ausgebildetes Personal für die Dienste unerlässlich ist. Wir teilen mit der BFH dieses Professionsbewusstsein. In diesem Sinne sieht sich die BKSE auch als Partnerin, die dafür sorgt, dass die Rahmenbedingungen für Fachpersonen in der Praxis stimmen.
Wie sieht aktuell die Arbeitssituation in den Sozialdiensten aus? Was beschäftigt Sie und Ihre Mitarbeitenden?
Frei: Das Berufsumfeld ist anspruchsvoll, ich habe es angetönt. Die Ressourcenfrage ist immer präsent: Wie bringt man alle Ansprüche an die Sozialdienste zusammen? Innerhalb der Dienste geht es um Fragen der Arbeitsteilung, der Arbeitsorganisation und natürlich immer wieder um die Frage, wie unsere Unterstützung wirkungsvoll ist. Wir verteilen nicht einfach Geld. Wir unterstützen die Klientel darin, ihr Leben wieder unabhängig vom Sozialdienst oder von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde zu führen.
Michel: Uns beschäftigt die Zusammensetzung der Dossiers. Die Gesellschaft verändert sich und damit auch die Hilfesuchenden, die bei uns beraten und begleitet werden – nicht nur in der Sozialhilfe, sondern auch in der Alimentenhilfe und im Kindes- oder Erwachsenenschutz. Der Anteil an Menschen, die nur kurz beim Sozialdienst sind, weil sie zum Beispiel vorübergehend Geldprobleme haben oder weil vielleicht ein Kind aufgefallen ist, ist kleiner geworden. Um solche Situationen zu lösen, gibt es heute vielfältige Anlaufstellen. Bei uns sind dann die Betroffenen, die mehr brauchen.
Innerhalb der Dienste geht es um Fragen der Arbeitsteilung, der Arbeitsorganisation und natürlich immer wieder um die Frage, wie unsere Unterstützung wirkungsvoll ist.
Gibt es weitere Themen, die Sie beschäftigen?
Michel: Uns beschäftigt zudem, dass die Regeln dauernd angepasst werden. Die Parlamente haben das Soziale heute stark auf dem Radar und ändern die Bedingungen jährlich. Nicht einmal erfahrene Berufsleute wissen heute noch einfach so, was aktuell gilt. Oder nehmen wir die Digitalisierung: Fachpersonen auf den Sozialdiensten müssen heute aus Kontrollgründen vieles dokumentieren. Die Berufseinsteiger*innen sind daran gewöhnt, KI zu nutzen, doch in unserer Arbeit ist dies wegen des Datenschutzes nur beschränkt möglich. So müssen sie dann plötzlich im Job selbst schreiben und haben darin nur wenig Übung.
Dazu kommt die hohe Fluktuation Mitarbeitender: Jedes Mal, wenn jemand den Sozialdienst verlässt, geht Wissen verloren, es kommt zu Dossierwechseln, Klient*innen werden hin und her geschoben. Damit müssen wir zurechtkommen.
Wie müssen Weiterbildungen gestaltet sein, damit sie aus Sicht der BKSE wertvoll sind?
Michel: Sie müssen auf Praxisfragen ausgerichtet sein. Sie sollten Interventionswissen vermitteln, nicht nur Hintergrundwissen. Das gilt aber auch für den Bachelor und den konsekutiven Master.
Frei: Ich finde es wichtig, dass es unterschiedliche Angebote gibt: kurze Kurse, längere Kurse und dann auch CAS, in denen man sich etwas mehr in eine Thematik vertieft. Die finanziellen Mittel und zeitlichen Ressourcen für Weiterbildungen sind auf den Sozialdiensten beschränkt.
Was sind aus Sicht der BKSE die wichtigsten Entwicklungen, die auf die Soziale Arbeit zukommen in den nächsten Jahren?
Frei: Ich erwarte, dass die Arbeit der Sozialdienste in den kommenden Jahren durch eine zunehmende Komplexität der Lebenslagen geprägt sein wird. Problemlagen dürften vielfältiger und anspruchsvoller werden, unter anderem wegen der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig rechne ich mit mehr politischem Druck und anhaltenden Sparmassnahmen. Unsere Herausforderung wird es sein, steigende Anforderungen mit begrenzten Mitteln zu bewältigen.
Besonders unsicher ist, wie sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird. Wegen der Technologien wird es voraussichtlich immer weniger einfache Tätigkeiten geben, die einen schnellen Berufseinstieg ermöglichen. Es droht mehr Exklusion: Ein Teil der unterstützten Personen hat es künftig schwerer, in den ersten Arbeitsmarkt integriert zu werden. Sozialdienste stehen damit vor der grundlegenden Frage, wie gesellschaftliche Teilhabe gewährleistet werden kann, wenn Erwerbsarbeit für mehr Menschen unerreichbar wird. Hierfür müssen neue Antworten und Konzepte entwickelt werden.
Was sehen Sie sonst noch auf die Sozialdienste zukommen?
Michel: Eine Schwierigkeit sehe ich im Umgang mit Verpflichtung und Verlässlichkeit – sowohl bei der Klientel wie auch bei den Mitarbeitenden. Sozialdienste müssen Wege finden, wie trotz nur punktueller Kontakte eine tragfähige Unterstützung gewährleistet werden kann – besonders wenn der Bedarf über das hinausgeht, was wir anbieten können. Dann sehe ich strukturelle Risikofaktoren, die stärker in den Fokus rücken dürften: Bildung, Gesundheit und Verschuldung. Fehlen hier Grundlagen, fehlen Betroffenen wichtige Handlungsmöglichkeiten im Alltag. Sozialdienste und Institutionen müssen daher neue Lösungsansätze entwickeln.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit. Politische Entwicklungen führen verstärkt zu unterschiedlichen Behandlungssystemen und damit zu Mehrklassengesellschaften.
Was heisst das für die Fachkräfte?
Michel: Sozialarbeitende müssen mit den Folgen dieser Ungleichheiten arbeiten und gleichzeitig einen professionellen Umgang mit ihrem eigenen Gerechtigkeitsempfinden finden. Das wird insbesondere junge Fachkräfte vor grosse emotionale Herausforderungen stellen. Aber was bleibt, ist die Sinnhaftigkeit unseres Berufs. Soziale Arbeit bleibt gesellschaftlich relevant, trotz der Belastungen.