- Story
F&E-Vouchers: schnelle und unbürokratische Hilfe für KMU
12.02.2026 Ein Investitionsprogramm des Kantons Bern ermöglichte es Unternehmen, in Zusammenarbeit mit Forschungsinstitutionen wie der BFH innovative Lösungen für ihre Alltagsprobleme zu finden. Das Programm kam bei den Beteiligten gut an.
Wer sich für Eishockey interessiert, kennt Peter Jakob. Er ist Verwaltungsratspräsident der SCL Tigers und einer der Hauptverantwortlichen, dass der Dorfklub aus dem Emmental seit Jahren unter den besten Teams des Landes mitspielt. In erster Linie führt der 69-Jährige aber in dritter Generation das Familienunternehmen Jakob Rope Systems in Trubschachen. Die Gruppe stellt Architekturseile für Baukonstruktionen und Seilnetze her, die zum Beispiel Fassadenbegrünungen oder netzüberspannte, nahezu transparente Tiergehege ermöglichen. Neben dem Hauptsitz im Emmental betreibt Jakob Rope Systems einen Fertigungsstandort in Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam) und Verkaufsgesellschaften in Deutschland, Frankreich, Österreich und den USA. Mit rund 700 Angestellten erwirtschaftet das Unternehmen einen Jahresumsatz von gut 50 Millionen Franken.
Flexibel und unbürokratisch
Die Nähe zur Wirtschaft gehört zu den Grundpfeilern der BFH-TI. Sie ist gewährleistet durch die praxisorientierte Ausbildung, die Einbindung von Dozierenden aus der Industrie und vor allem auch durch die enge Zusammenarbeit mit Unternehmen.
Angesichts einer zusehends angespannten wirtschaftlichen Lage lancierte der Kanton Bern letztes Jahr ein Investitionsprogramm. Unternehmen konnten mit Fördergutscheinen für Export (Export-Voucher) oder für Forschung und Entwicklung (F&E-Voucher) Unterstützung in Anspruch nehmen. Zusammen mit verschiedenen Forschungsinstitutionen wurden so rasch realisierbare Projekte durchgeführt. Die Nachfrage war gross: Allein an der BFH-TI wurden schnell und unbürokratisch 14 solcher Projekte in Angriff genommen (Text ab Seite 6). Sie bringen zusätzlichen Schwung in unsere Zusammenarbeit mit Unternehmen.
Flexibilität bewies die BFH-TI nicht nur bei den F&E-Vouchers, sondern auch bei der Kooperation mit der Haute Ecole Arc Ingénierie (HE-Arc). Studierende unseres Bachelor-Studiengangs Mechatronik und Systemtechnik können künftig die Vertiefung Uhren- und Mikrotechnik im Bachelor Microtechnique der HE-Arc besuchen. Gleichzeitig steht Studierenden des Bachelors in Microtechnique der HE-Arc die Vertiefung Robotik an der BFH-TI offen (Text auf Seite 4). Diese bildungspolitisch wegweisende Kooperation eröffnet in vielen Bereichen neue Perspektiven.
Prof. Dr. Roger Filliger
Interimistischer Direktor der BFH-TI
KI-Training dank der BFH-TI
Mitte des vergangenen Jahres wandte sich das Unternehmen mit einer Bitte an die BFH-TI. Die Zusammenarbeit entstand im Rahmen eines Investitionsprogramms des Kantons Bern: Mit Gutscheinen (F&E-Vouchers) konnten Berner Unternehmen zusammen mit anwendungs-orientierten Technologieinstitutionen wie der BFH Forschungs- oder Entwicklungsprojekte durchführen (siehe Box). Jakob Rope Systems will sein Anfrage- und Offerten-System teilweise automatisieren und damit effizienter gestalten. «Uns erreichen viele Anfragen von Architekt*innen, Planer*innen oder Haubesitzer*innen, die uns mit Bildern oder Skizzen zeigen, wie sie sich zum Beispiel eine Fassadenbegrünung vorstellen», sagt Matthias Feierabend, Leiter Finanzen, Personal und Marketing bei Jakob Rope Systems. «Für unsere Kundenberater*innen ist es sehr aufwändig, anhand der Bilder aus unseren rund 8000 Produkten die für die Anfrage nötigen Teile zu identifizieren.» Ziel ist es nun, dass die nötigen Bauteile automatisch erkannt werden und anhand schon erstellter Projekte eine entsprechende Schätzung der Kosten generiert wird. «Sind die Kund*innen dann immer noch interessiert, können sie mit unseren Kundenberater*innen den konkreten Auftrag besprechen.»
«Nach verhaltenem Start wuchs das Interesse an den Vouchers rasch.»
Mit einem Budget von 30 000 Franken machte sich ein Team der BFH-TI unter der Leitung von Informatik-Dozent Peter von Niederhäusern an die Arbeit. Im F&E-Voucher-Projekt ging es darum, einen KI-Algorithmus so zu trainieren, dass er die für den Auftrag nötigen Produkte auf den Anwendungsbildern der Kund*innen zuverlässig erkennt und zuordnet. «Die F&E-Voucher haben uns den Anstoss gegeben, das schon länger angedachte Automatisierungsprojekt konkret umzusetzen», hält Matthias Feierabend fest. «Die Zusammenarbeit mit dem Kanton und der BFH-TI war gut: direkt, klar strukturiert und unbürokratisch.»
Insgesamt 14 solcher Projekte von Berner Unternehmen mit der BFH-TI kamen durch die F&E-Voucher zustande. «Der Kanton hat schnell auf die Krise reagiert und das Förderprogramm niederschwellig umgesetzt», sagt Peter Brunner, Leiter Forschung und Dienstleistung an der BFH-TI. «So haben sich für die BFH-TI neue Projekte ergeben, in denen vor allem Lösungen für
Alltagsprobleme – insbesondere für KMU – gesucht wurden. Wir hoffen natürlich, dass sich daraus längerfristige Partnerschaften ergeben.»
Neuer Schweissroboter
Mit der Thuner Febatec hatte die BFH bereits vor 20 Jahren zusammengearbeitet. Der Familienbetrieb mit rund 40 Mitarbeitenden und einer Zweigniederlassung in Visp (VS) ist im Metall- und Glasbau tätig. Zu seinen Produkten gehören Geländer und andere Absturzsicherungen, Treppenhäuser, Wintergärten oder Balkon- und Sitzplatzverglasungen. Der von der BFH vor 20 Jahren entwickelte Schweissroboter sei inzwischen «ein bisschen in die Jahre gekommen», wie Co-Geschäftsleiter Florian Grossniklaus sagt. Deshalb wandte sich das Unternehmen im Rahmen des Berner Investitionsprogramms an die BFH-TI. Das längerfristige Ziel des Unternehmens ist die Entwicklung eines neuen Schweissroboters. Dieser soll die im Konstruktionsprozess entstehenden 3D-Daten direkt nutzen können und vor dem Schweissen einen zweidimensionalen Plan projizieren, damit die zu verschweissenden Teile richtig platziert werden können. Zudem soll der Roboter vor dem Schweissen kontrollieren, ob auch die räumliche Anordnung der Teile passt.
Unter der Leitung von Gabriel Gruener vom Labor für Robotik erstellte die BFH-TI im Rahmen des Voucher-Programms eine Machbarkeitsstudie. Mit einem Budget von 25 000 Franken wurde darin abgeklärt, welche kommerziellen Robotersysteme es bereits gibt und welche Innovationen nötig sind, um die Anforderungen von Febatec zu erfüllen. Auch Florian Grossniklaus lobt das Förderprogramm und die «unbürokratische Zusammenarbeit» mit dem Kanton und der BFH-TI. Und Gabriel Gruener betont: «Das kantonale Programm hat neuen Schwung in die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Unternehmen gebracht.»
Berner Investitionen
Die wirtschaftliche Lage vieler exportorientierter Unternehmen aus der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) verschärfte sich im vergangenen Jahr. Der Kanton Bern lancierte deshalb im zweiten Halbjahr ein Förderprogramm zur Unterstützung von Industrieunternehmen in den Bereichen Export (Export-Voucher) und Forschung und Entwicklung (F&E-Voucher). So wurden mit Fördergutscheinen schnell realisierbare Projekte zur Modernisierung von Maschinen oder zur Automatisierung, Robotisierung oder Digitalisierung von Prozessen durchgeführt. Die Vouchers konnten für die Zusammenarbeit mit anwendungsorientierten Berner Technologieinstitutionen wie der BFH genutzt werden. «Nach verhaltenem Start wuchs das Interesse an den Vouchers rasch», sagt Simon Enderli, Leiter der Standortförderung des Kantons Bern. Das Gesamtbudget von einer Million Franken wurde mit rund 80 unterstützten Projekten ausgeschöpft. «Wir haben das Programm als Impuls verstanden, der weitergehende Aktivitäten in den Bereichen Export und Forschung und Entwicklung auslösen soll.»