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Gesprächsführung mit Virtual Reality: Wie KI-Avatare das Training verändern

17.09.2026 Seit 2017 trainieren Studierende der Sozialen Arbeit Beratungsgespräche in Virtual Reality – zunächst mit voraufgezeichneten Dialogen. Heute antworten die Avatare spontan: Künstliche Intelligenz (KI) macht offene, dynamische Gespräche möglich und erweitert die didaktischen Möglichkeiten deutlich.

Das Wichtigste in Kürze

  • KI macht VR-Gespräche dynamisch: Statt vorgegebener Dialogsequenzen reagieren die Avatare nun dank KI in Echtzeit. Dadurch werden die Übungen der Beratungsgespräche offener, realistischer und näher an der beruflichen Praxis.

  • Neben dem immersiven Training im VR-Lab können Studierende neu auch orts- und zeitunabhängig am Laptop oder Smartphone mit KI-Avataren üben.

  • Hohe Akzeptanz, neue Herausforderungen: Studierende schätzen die Flexibilität und die Feedbackfunktionen des KI-Trainings. Gleichzeitig erfordert die grössere Offenheit der Gespräche mehr Strukturierungs- und Reflexionskompetenz, was neue didaktische Anforderungen mit sich bringt.

Was heute selbstverständlich wirkt, begann vor einigen Jahren als innovatives Lehrformat: Seit 2017 ist das Gesprächstraining mit Virtual Reality (VR) ein fester Bestandteil des Bachelor-Studiums Soziale Arbeit an der BFH. Studierende führen Beratungsgespräche mit Avataren in der Rolle von Klient*innen. Die Aussagen der Avatare basieren auf vorab aufgenommenen Dialogsequenzen. Dieses Setting hat sich bewährt: Es schafft eine sichere, realitätsnahe Übungsumgebung und ermöglicht eine strukturierte Auswertung. Die Studierenden werden während des Gesprächs mit Video aufgezeichnet. Diese Aufnahmen werden anschliessend im Unterricht besprochen und analysiert (Peer-Feedback mit Coach*in).

Solche Gesprächsübungen sind aber nicht flexibel: Die Reaktionen der Avatare folgen definierten Abläufen. Das sorgt zwar für eine gute Vergleichbarkeit zwischen den Studierenden (alle hatten die gleichen Stimuli), lässt aber wenig Raum für unerwartete Wendungen im Gespräch selbst. Mit dem Einsatz von KI wird dieses bewährte Format nun gezielt ergänzt.

Ein Avatar gestikuliert mit den Händen.
Der Intro-Avatar erklärt das Setting des Übungsgesprächs.

Von festen Abläufen zu offenen Gesprächen

Die Avatare reagieren nicht mehr nur entlang vorgegebener Sequenzen, sondern generieren ihre Antworten in Echtzeit. Gespräche werden dadurch offener und dynamischer. Sie sind deshalb näher an realen Beratungssituationen. Der Dialog entsteht im Moment – und mit ihm neue Anforderungen an die Studierenden. Nach dem Gespräch erhalten die Studierenden von einem Feedback-Avatar eine erste KI-generierte Rückmeldung auf ihre Gesprächsführung, basierend auf einem automatisch erstellten Gesprächsprotokoll. Dieses ersetzt die bisherige Auswertung nicht, eröffnet aber zusätzliche Möglichkeiten für individuelle Übungen. Das mit KI erweiterte Trainingsangebot setzt auf zwei unterschiedliche Formate, die sich gezielt ergänzen.

Ich finde beide VR-Trainings sehr sinnvoll. Die KI-Version ermöglicht, verschiedene Varianten und Techniken unkompliziert durchzuspielen. Die Standard-Version simuliert eine lebensechtere Situation, weil man nicht einfach stoppen kann und eine ge­wisse Nervosität spürbar ist.

  • Zitat einer Studentin, die beide Versionen kennt

Immersives Training mit KI im Virtual-Reality-Lab

Im VRlab arbeiten Studierende mit VR-Brillen vollständig immersiv. Sie tauchen also in eine simulierte Beratungssituation ein und interagieren direkt mit den Avataren. Dieses Setting kommt realen Beratungsgesprächen besonders nahe und ermöglicht ein intensives Übungserlebnis unter Anleitung. Die gemeinsame Auswertung in der Gruppe ist ein zentraler Bestandteil des Lernprozesses.

Virtual-Reality-Lab

Im Virtual-Reality-Labor (VRlab) nutzen wir verschiedene Arten immersiver virtueller Realität als methodisches Werkzeug für die Forschung und für die Lehre. Auch im Rahmen weiterer Anwendungen – etwa der virtuellen Wohnungsbegehung, des VR-Trainings für Auftrittskompetenz oder des virtuellen Bewerbungstrainings – werden digitale Lernräume kontinuierlich weiterentwickelt und erprobt. Diese Innovationen entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Departementen Technik und Informatik sowie Gesundheit. Das hier vorgestellte KI-Gesprächstraining wurde von der Firma Afca aus Zollikofen bei Bern entwickelt und mit unseren Avataren, Räumen und Inhalten ergänzt. 

ein Mann trägt eine VR-Brille
Im VR-Lab arbeiten Studierende mit VR-Brillen vollständig immersiv.

KI-gestütztes Training zu Hause

Neu können Studierende Gesprächssituationen auch eigenständig am Laptop oder Smartphone ohne VR-Brille, also zweidimensional, durchführen. Die KI-gestützten Avatare stehen jederzeit orts- und zeitunabhängig zur Verfügung. Dieses Format bietet entscheidende Vorteile: Übungen können beliebig oft wiederholt werden, die Studierenden bestimmen das Tempo und den Zeitpunkt selbst. Sie können innehalten, reflektieren und verschiedene Varianten ausprobieren. Dadurch entsteht ein niederschwelliger Zugang zum Training, der sich besonders für das selbstgesteuerte Lernen eignet. Beide Varianten verfolgen dasselbe Ziel, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte: Während das VRlab auf Immersion, Verbindlichkeit und gemeinsames Lernen ausgerichtet ist, ermöglicht die KI-Version zu Hause ein individuelles, wiederholbares Training im Alltag.

ein weiblicher KI-Avatar
Ein Gespräch im Kontext der kirchlichen Sozialarbeit kann etwa mit «Klientin Frau Bilger» geübt werden.

Erste Erfahrungen der Studierenden

Erste Rückmeldungen von Studierenden, die beide Formate getestet haben, zeichnen ein differenziertes Bild. Positiv hervorgehoben wird vor allem die Flexibilität des KI-gestützten Trainings:

«Eine sehr interessante Möglichkeit, Gesprächsführung zu trainieren – ich staune. Hilfreich finde ich, dass ich es mehrfach durchlaufen und selbst entscheiden kann, wann ich weiterspreche. So kann ich Inhalte aus dem Unterricht gezielt einbeziehen.»


Auch die unterstützenden Funktionen werden geschätzt:

«Das Feedback am Schluss ist hilfreich und das Gesprächsprotokoll unterstützt die Reflexion. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass das Feedback noch konkreter auf meine Aussagen eingeht.»
 

Gleichzeitig zeigen sich Herausforderungen und das Entwicklungspotenzial des Lernangebots:

«Ich finde es schwierig einzuschätzen, wie lange ein Gespräch dauern soll und wann ich zu einem Abschluss kommen muss. Oft bleibe ich beim Sammeln von Informationen hängen und komme nicht zu einem klaren Ende.»
 

Insgesamt verdeutlichen die Rückmeldungen, dass die Offenheit der KI-Dialoge die Realitätsnähe zwar erhöht, aber zugleich mehr Strukturierungsfähigkeit von den Studierenden verlangt.

Ergänzend zu den qualitativen Rückmeldungen wurde im Anschluss an die Testphase eine kleine, nicht repräsentative Befragung durchgeführt, um die Akzeptanz des KI-gestützten Trainings systematischer zu erfassen. Davis' Technologie-Akzeptanz-Modell (1989) bildete hierfür die Grundlage. Dieses Modell unterscheidet drei zentrale Dimensionen (Venkatesh & Davis, 1996):

  • die wahrgenommene Nützlichkeit,
  • die wahrgenommene Einfachheit der Nutzung
  • und die beabsichtigte künftige Nutzung.

Die Ergebnisse fallen insgesamt klar positiv aus. In der Dimension Nützlichkeit stimmten die Studierenden mehrheitlich Aussagen zu wie «Das 2D-VR-Training verbessert meine Fähigkeiten in der Gesprächsführung». Auch in Bezug auf die Einfachheit der Nutzung wurde das Angebot als zugänglich wahrgenommen. So fand beispielsweise die Aussage «Die Nutzung des 2D-VR-Trainings ist für mich einfach» breite Zustimmung. Schliesslich zeigt sich auch bei der Verhaltensintention eine klare Tendenz: Viele Studierende gaben an, das Training künftig nutzen zu wollen, wenn es ihnen zur Verfügung steht.

Neue didaktische Aufgaben

Die Ergebnisse der Befragung stützen damit die qualitativen Rückmeldungen: Die neue Trainingsform wird gut akzeptiert und als sinnvolle Ergänzung zum bestehenden VR-Angebot verstanden, auch wenn sich in der konkreten Nutzung noch Optimierungspotenziale zeigen. Mit den KI-gestützten Avataren wird das Gesprächstraining offener und komplexer – und kommt damit der beruflichen Realität in der Sozialen Arbeit noch näher als die erste Version. Gleichzeitig entstehen neue didaktische Aufgaben: Die Reflexion und die Strukturierung von Gesprächen rücken noch stärker ins Zentrum der Ausbildung.

Literatur

  • Davis, F. D. (1989). Perceived Usefulness, Perceived Ease of Use, and User Acceptance of Information Technology. MIS quarterly, 13(3), 319–340. https://doi.org/10.2307/249008
  • Venkatesh, V. & Davis, F. D. (1996). A Model of the Antecedents of Perceived Ease of Use: Development and Test. Decision sciences, 27(3), 451–481.

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