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Mit dem Graduate Programm gewinnen wir Fachkräfte

19.08.2026 Der Kanton Aargau hat im Oktober 2024 ein Graduate Programm ins Leben gerufen, welches diesen Sommer bereits in die dritte Staffel geht. Juan Pereto, Leiter IT Bildung bei der Informatik Aargau, stellt uns dieses vor und erklärt, warum es bei den Studierenden so gut ankommt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Kanton Aargau ist Partner unseres Instituts Public Sector Transformation (IPST) und gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung.

  • Im Rahmen dieser Partnerschaft sprechen wir mit Juan Pereto, Leiter IT Bildung Informatik Aargau, über das Graduate Programm für Studienabgänger*innen der Wirtschaftsinformatik und Informatik.

  • Dabei erhalten wir Einblick in den Aufbau des Programms und die Erfahrungen, welche seit seiner Einführung 2024 bei der Informatik Aargau damit gemacht worden sind.

Nach den bereichernden Erfahrungen der letzten zwei Jahre seid ihr aktuell bereits an der Rekrutierung neuer Kandidat*innen für die dritte Staffel eures Graduate-Programms. Für welche Studierenden der BFH könnte euer Programm interessant sein?

Interessant ist es sicher für Studierende aus der Richtung Informatik und für Wirtschaftsinformatiker*innen im letzten Semester vor dem Bachelor oder Master. Diese können sich kurz vor ihrem Abschluss im April bei uns bewerben, sodass sie anschliessend an das Studium nahtlos in die Arbeitswelt einsteigen können. Pro Jahr nehmen wir zwei Graduates auf.

Brauchen die Studierenden bereits Berufserfahrung, um in das Graduate Programm einzusteigen, oder erhalten auch Studierende «frisch ab Presse» eine Chance bei euch?

Es ist direkt ab Studium gedacht. Wir bieten bei uns in der Informatik Aargau sehr viele Querschnittsdienstleistungen für den ganzen Kanton an. Dadurch haben wir eine grosse Palette an möglichen Einsatzgebieten für unsere Graduates, wo wir sie Erfahrungen sammeln lassen können. Aber natürlich: Je mehr Praxiserfahrung man vorweisen kann, desto grösser ist der Vorteil im Bewerbungsprozess – auch bei uns.

Welche Anforderungen stellt ihr an die Persönlichkeit, welche Softskills sind euch wichtig?

Es müssen Leute sein, die sich selbstständig organisieren können. Sie sollen kommunikativ und offen sein für neue Aufgaben in Bereichen, in denen sie noch keine oder wenig Erfahrung haben. Wir sind nicht mehr in einer Ausbildungsstätte, sondern in einer Arbeitsstätte. Das heisst, wir geben ihnen Inputs, anschliessend sollen sie jedoch proaktiv das notwendige Fachwissen bei unseren Fachspezialisten abholen und für ihren Auftrag einsetzen.

Das Graduate Programm der Informatik Aargau ist nach dem Rotationsprinzip aufgebaut. Es dauert 18 Monate und umfasst drei Projektphasen von 5-7 Monaten. Kannst du uns erklären, warum ihr euch für dieses Modell entschieden habt und worin du persönlich die Vorteile dabei siehst?

Wir haben uns bewusst für dieses Modell entschieden, weil wir möchten, dass ein Graduate im Rahmen unterschiedlicher Projekte in mindestens drei verschiedene Teams hineinschauen und drei unterschiedliche Rollen einnehmen kann. Einmal ist sie/er vielleicht Assistenz einer Projektleitung, einmal Requirements Engineer, einmal Programmierer*in. Ein grundlegendes Ziel des Rotationsprinzips ist es, dass sich die Graduates ein breites Netzwerk aufbauen.

Welche Benefits bietet das Graduate Programm für die jungen Berufseinsteigenden?

Der Kanton Aargau bietet einen marktgerechten Einsteigerlohn. Weiter arbeiten sie sich innert kurzer Zeit in drei verschiedene Projekte und Rollen ein. Damit können sie nach eineinhalb Jahren ein attraktives Abschlusszeugnis mitnehmen und haben damit gute Chancen auf eine anschliessende Festanstellung.

Ist es für euch nicht sehr aufwändig, wenn die Studienabgänger*innen mehrmals den Bereich wechseln und immer wieder neu eingearbeitet werden müssen?

Aufwand hat man natürlich immer, wenn man Graduates betreut, aber wir sehen auch Vorteile. Mit dem Graduate Programm sind wir fortschrittlich unterwegs und können die Jungen für uns gewinnen. Weiter können wir mit den Graduates manches umsetzen, was wir im Rahmen einer üblichen Anstellung nicht könnten, weil wir die Ressourcen dazu nicht haben und die Priorisierung anders aussieht.

Wenn die Graduates in verschiedenen Departementen arbeiten, so stärkt das auch unsere Vernetzung.

  • Juan Pereto Leiter IT Bildung bei der Informatik Kanton Aargau

Kannst du ein Beispiel dafür nennen?

Mit den Graduates kann man beispielsweise einen Proof of Concept, also einen Machbarkeitsnachweis, aufstellen. Diesen können wir anschliessend nutzen, um uns für eine Variante zu entscheiden. Wenn die Graduates in verschiedenen Departementen arbeiten, so stärkt das auch unsere Vernetzung. Beispielsweise haben wir im Moment einen Graduate, der mit dem Polizeicorps zusammenarbeitet. Dadurch ergibt sich auch für uns eine fachliche Interaktion mit anderen Abteilungen und Departementen. Wir arbeiten zwar immer mit ihnen zusammen, aber durch die Graduates nun auf einer anderen Basis. Dies stärkt die Beziehung.

Wie haben die Mitarbeitenden eures Teams, welche nicht direkt ins Graduate Programm eingebunden gewesen sind, darauf reagiert? Welche Hürden habt ihr dabei überwunden und welche Erfahrungen nehmt ihr mit?

Der Kanton Aargau – und so auch wir von der Informatik Aargau – beschäftigt im Rahmen von Praktika auch viele Werkstudent*innen, die zu 40-60% bei uns arbeiten. Dies umfasst hauptsächlich Assistenzarbeit im Rahmen der Unterstützung von Projekt- oder Teamleitungen.

Als wir das Graduate Programm neu eingeführt haben, ist es noch nicht allen klar gewesen, worin genau der Unterschied zwischen den Praktikant*innen und den Graduates besteht bzw. wofür man sie einsetzen soll. Mittlerweile befinden wir uns in der dritten Staffel und es besteht Klarheit darüber, dass ein Graduate ein Profi ist mit einem abgeschlossenen Studium und über alle theoretischen Kompetenzen verfügt, also vor allem praktische Erfahrung sammeln soll. Graduates sind in dem Sinne Juniors und man kann sie nach einer kurzen fachlichen Einführung eigenständig laufen lassen.

Eine Graduate erzählt

Linda Peita ist Absolventin des Graduate Programms der Informatik Kanton Aargau (ITAG). Heute arbeitet sie als Business Analyst bei der Kantonspolizei Aargau.

Linda Peita

«Für mich war das Graduate Programm der ITAG der ideale Berufseinstieg nach dem Studium, um mein theoretisches Wissen in der Praxis anzuwenden. Ich konnte verschiedene Bereiche kennenlernen, mich fachlich weiterentwickeln und auch persönlich wachsen. Besonders geschätzt habe ich die Vielfalt der Projekte und die abwechslungsreichen Einsätze.

Wer gerne Neues lernt, sich auf unterschiedliche Themen einlässt und Verantwortung übernehmen möchte, findet im Graduate Programm eine spannende Gelegenheit.

Rückblickend war es für mich ein wertvoller Grundstein für meinen weiteren Weg und hat mir den Einstieg in meine heutige Position als Business Analyst in der IT der Kantonspolizei Aargau ermöglicht.»

Seit der Einführung des Graduate Programms ist bereits eine Vielzahl an praxisbezogenen Rotationsprojekten umgesetzt worden wie die Neuentwicklung eines Fundgrube-Frontends mit React- und Typescript, die Projektleitungsunterstützung bei der Initiative «Arbeitsplatz der Zukunft» oder die Entwicklung eines KI-basierten Systems zur Unterstützung der Texterstellung von Polizeirapporten. Das klingt überraschend ansprechend und vielfältig. Wie geht ihr dabei vor? Dürfen die Graduates auch eigene Ideen für neue Projekte einbringen?

Ich selbst gehe innerhalb der Informatik Aargau aktiv auf Projektsuche. Anschliessend geht es darum, dass ich die Graduates entsprechend ihren Fähigkeiten den Projekten zuteile. Graduates können gegen den Schluss der eineinhalb Jahre bei uns auch ihre eigenen Ideen einbringen.

Wir erwarten ausserdem in den nächsten Jahren einige Pensionierungen, weshalb ich Projekte bevorzuge, welche die Graduates auf die freiwerdenden Stellen optimal vorbereiten, sodass nach Abschluss des Programms der Übergang zu einer Festanstellung ohne Hürden möglich ist.

Genau, du hast mich ja bereits im Vorgespräch darauf hingewiesen, dass der Informatik Aargau in den nächsten Jahren eine Pensionierungswelle bevorsteht. Bis 2030 werden ganze 30% eures Personals auf Grund von Pensionierungen die ITAG verlassen. Ist euer Graduate Programm also Teil einer Rekrutierungsstrategie?

Für die Initiierung und die Weiterführung des Graduate Programms war dies ausschlaggebend. Damit wollen wir als attraktiver Arbeitgeber ein interessantes Angebot für die jungen Leute anbieten.

Könnte euer Ansatz auch für andere Institutionen oder Verwaltungseinheiten interessant sein?

Sicher. Was positiv rüber kommt ist, dass man mit dem Programm die Berufseinsteiger in drei verschiedene Fachteams reinsehen lässt und sich gegenseitig während eineinhalb Jahren gut kennen lernt, was einer späteren Anstellung sehr zugute kommt.

Wir bekommen durch das Programm auch mit, was die Studienabgänger*innen mitbringen und wie sich ihre Skills verändern, sodass wir uns daran anpassen können. Weiter zwingt uns das Programm, die Ziele und die Lieferobjekte genau zu definieren.

Die wertvolle Berufserfahrung baut man meiner Ansicht nach auf, indem man den Schaden, den man verursacht hat, selbst wieder repariert.

  • Juan Pereto Leiter IT Bildung bei der Informatik Kanton Aargau

Welche Skills bringen die Studienabgänger*innen mit, welche fehlen ihnen?

Was die Studierenden gut mitbringen, sind Motivation, Interesse und den Willen, einzusteigen. Die Begleitung, das Mentoring und Coaching sind ihnen wichtig und sie fordern dies auch ein. Ich habe es als positiv erlebt, wie sie auf mich zukommen und klar kommunizieren können, in welchen Bereichen sie Unterstützung benötigen. Innert drei bis vier Wochen haben sie ein erstes kleines Netzwerk aufgebaut und wissen, bei wem sie welche Unterstützung erhalten und wo sie das benötigte Fachwissen abholen können. Weiter merken wir, dass sie aus dem Studium schon einige Erfahrung zur Nutzung von KI mitbringen, was für uns positiv ist.

Was ihnen fehlt, ist der Umgang mit Fehlern in der Berufspraxis. Im Studium macht man zwar auch viele Fehler, jedoch haben diese keine direkt spürbaren Konsequenzen. Hier bei uns lernt man, auch mal ins Fettnäpfchen zu treten. Wir entwickeln ja nicht bloss Neues, sondern wir entwickeln oft Bestehendes weiter. Wenn man dort einen Fehler macht, funktioniert das Testsystem nicht mehr und man muss reparieren. Die wertvolle Berufserfahrung baut man meiner Ansicht nach auf, indem man den Schaden, den man verursacht hat, selbst wieder repariert. Natürlich mit Unterstützung der Berufskolleg*innen. So sammelt man durch Fehler viel Erfahrung. Das wird im Studium so nicht trainiert.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Das Graduate Programm

Kanton Aargau

Der Fachkräftemangel betrifft die Informatik Aargau (ITAG) in den kommenden Jahren stark. Mit Hilfe des Graduate Programmes zum Berufseinstieg für Hochschulabsolventen kann die ITAG dem ein Stück entgegenwirken. Im Graduate Programm bearbeiten die Absolventen in der Regel drei Rotationsprojekte mit dem Ziel, nach 18 Monaten eine entstehende Vakanz zu besetzen.

Kontakt: Juan Pereto, juan.pereto@ag.ch

Juan Pereto
Leiter IT Bildung bei der Informatik des Kantons Aargau

Juan Pereto ist Leiter IT Bildung. Er ist eidg. dipl. Elektroingenieur ETH und hat einen MSc in Berufsbildung (EHB). Seine Schwerpunkte liegen in technischer Informatik, Software Engineering und Berufsbildung (Sekundar- und Tertiärstufe), zudem bringt er langjährige Führungserfahrung mit.

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