• Story

Da sein, wenn’s zählt – Haltung in der Sozialpädagogik

23.12.2025 Psychosoziale Belastungen, komplexe Lebensgeschichten und hohe Erwartungen prägen den Alltag von Sozial­päda­gog*innen. Systemisches Denken stärkt Fachpersonen darin, auch in Krisensituationen tragfähige Beziehungen zu gestalten.

  • Nicole Rüegsegger Studienleiterin CAS Systemische Sozialpädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe

Das Wichtigste in Kürze

  • Sozialpädagog*innen begegnen Jugendlichen mit vielschichtigen Herausforderungen. Eine systemische Perspektive hilft, zirkuläre Wechselwirkungen im gesamten Familiensystem sowie den Kontext für individuelles Verhalten zu verstehen.

  • Jugendliche brauchen verlässliche, belastbare Beziehungen. Kontinuität, Klarheit und Anschlussfähigkeit der Fachpersonen schaffen Vertrauen.

  • Systemische Sozialpädagogik sucht individuelle Handlungsmöglichkeiten, klärt Aufträge sorgfältig und stärkt sowohl Familien als auch Fachpersonen. Sie bietet keine schnelle Lösung, aber eine Haltung und Methoden, um auch in Krisen handlungsfähig und in Beziehung zu bleiben.

Lisa (13 Jahre) verweigert die Schule, verhält sich respektlos und konsumiert seit kurzem Drogen. Ihre Eltern sind überfordert. Auf eine Gefährdungsmeldung folgt eine Platzierung im Heim. 

 

Lisa entspricht nicht dem, was die Gesellschaft von einer Jugendlichen erwartet (Bütow et al., 2014). Ihre Entwicklung wird als gefährdet eingeschätzt. Hier kommen die Sozialpädagog*innen ins Spiel. Unterschiedlichste Erwartungen und Aufträge werden vom Hilfe- und Familiensystem, von Beistandspersonen oder der Heimleitung an sie herangetragen – und dies unter erhöhter Arbeitsbelastung infolge des Fachkräftemangels (Hollederer, 2023).
 

Ein junges Mädchen mit blauem Pullover und violetten Rastazöpfen sitzt nachdenklich an einer Wand. Sie sieht traurig aus.
Sozialpädagogische Fachkräfte sind bei ihrer Klientel vielfach konfrontiert mit komplexen Lebensgeschichten.

Gewalt, Drogen, Krisen: Hohe Anforderungen

Sozialpädagogische Fachkräfte sind bei ihrer Klientel vielfach konfrontiert mit komplexen Lebensgeschichten und Mehrfachproblematiken, steigenden psychischen Belastungen und neueren Herausforderungen durch Soziale Medien. 

Eine systemische Herangehensweise greift diese Kontextbedingungen auf und berücksichtigt zirkuläre Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Personen. Damit ist der Kreislauf von Aktion und Reaktion gemeint, bei dem keine klare Zuordnung zur Dynamik von Ursache und Wirkung möglich ist. Zirkuläre Wechselwirkungen sind während der komplexen Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen zentral. Die prozess- und beziehungsorientierte Zusammenarbeit mit den Eltern und dem erweiterten System hilft, die vielschichtigen Dynamiken zu bearbeiten. Auch wenn ein Kind oder Teenager platziert wird, bleiben diese Personen wichtiger Bestandteil ihrer Lebensrealität (Klug & Zobrist, 2021, S. 80).

Lisa ist mittlerweile einige Monate im Heim. Nach einer etwas ruhigeren Eingewöhnungsphase verweigert sie auch dort, in die Schule zu gehen, hält sich nicht an Regeln und konsumiert weiterhin gelegentlich Drogen. Die Eltern und das erweiterte Unterstützungssystem sind überfordert und fordern von den Sozial­pädagog*innen, sie müssten etwas tun! Doch was? 

 

Der professionellen sozialpädagogischen Beziehungsarbeit kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Aus der Perspektive junger Menschen ist es entscheidend, dass sie diese Beziehung als verbindlich und verlässlich erleben. Sie sollen wissen, dass eine kontinuierliche Begleitung auch in Krisenphasen und bei Konflikten geleistet wird (Rätz, 2023). Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich verstanden, wenn es Sozialpäda­gog*innen gelingt, sich anschlussfähig an ihre Interessen und Bedürfnisse zu machen, und wenn sie als Fachperson verlässlich, klar und belastbar sind. 

Aus der Perspektive junger Menschen ist es entscheidend, dass sie die Beziehung zum*zur Sozialpädagog*in als verbindlich und verlässlich erleben.

  • Nicole Rüegsegger Studienleiterin CAS Systemische Sozialpädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe

Die Handlungsmuster der Kinder und Jugendlichen sind durch bisherige Erfahrungen geprägt. Im stationären Kontext haben sie oftmals schon existenzielle Entbehrungen in nahen Beziehungen erlebt oder waren häufigen Ortswechseln ausgesetzt (Rätz, 2023). Sie suchen Orientierung. Gleichzeitig empfinden sie rasch starke Angst vor möglichen erneuten Verlusten. Dieser Affekt kann sich auch in aggressivem Verhalten zeigen. Dies ist äusserst herausfordernd für das sozialpädagogische Handeln, das auf die individuelle Situation abgestimmt und entwickelt werden muss (Rätz, 2023). 
 

Auswege aus der Orientierungslosigkeit

Gerade herausfordernde Fallverläufe können Ohnmacht und Hilflosigkeit in Familiensystemen sowie fachliche Orientierungslosigkeit bei Fachkräften auslösen. Hier bietet eine systemische Herangehensweise eine Perspektivenerweiterung (von Schlippe & Schweitzer, 2012). Anstatt in den Kategorien von Ursache und Wirkung (und damit von Fehler und Schuld) zu denken, stehen zirkuläre Wechselwirkungen im System im Mittelpunkt (von Kind, Jugendliche*r, Familie, Wohngruppe, Bezugsperson, Heimleitung, Schule, Beistandsperson usw.; vgl. von Schlippe, 1995, S. 30). Ganz konkret könnte dies bedeuten, dass anstatt eines starren Regelwerks prozess- und beziehungsorientiert individuelle Möglichkeiten gesucht werden. 

Jedes Verhalten ist in einem bestimmten Kontext sinnvoll und verfolgt einen Zweck. Es gibt kein vom Kontext losgelöstes Verhalten: weder für Kinder und Jugendliche noch für Sozialpäda­gog*in­nen oder ein Elternteil. Welche guten Gründe bestehen also? Welche negativen Konsequenzen und Auswirkungen könnten damit verbunden sein? Wie werden diese vom System beurteilt? Systemische Sozialpädagogik ergründet mit den Kindern, Jugendlichen und Eltern deren Bedeutungsgebungen zu Verhaltensweisen (Mustern) und zu familiären Beziehungen, ohne dabei selbst Position zu beziehen (ausser bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung). Dieses «in Beziehung bleiben» fordert Präsenz und Selbstreflexion von den Fachpersonen, weshalb auch die Themen Selbstfürsorge und Achtsamkeit wichtig sind. 

CAS Systemische Sozialpädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe

Start je nach gewählten Fachkursen.

Im Fall von Lisa liegen komplexe Dynamiken im System und möglicherweise ungleiche Zielvorstellungen von ihr, den Eltern und der Beistandsperson vor. Deshalb ist eine sorgfältige Klärung des Auftrags für den Heimaufenthalt wichtig.

Lisa ist nun zwei Jahre im Heim. Es gibt immer noch Krisen, aber Lisa hat grundsätzlich gelernt, dass die Fachpersonen immer noch da sind und prozessorientiert auf sie eingehen. So fasst sie langsam Vertrauen und öffnet sich in Gesprächen. Sie verstand, dass sie sich von ihren Eltern abgelehnt fühlte. Der Drogenkonsum war ihre Art, mit dem Gefühl der Zurückweisung umzugehen. Durch intensive Systemarbeit und Psychotherapie ist es gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Mitglieder des Familiensystems, und damit insbesondere Lisa, mit ihren Interessen und Bedürfnissen gesehen und gehört fühlen. 

 

Wenn Situationen ausweglos erscheinen und niemand mehr weiterweiss, müssen Sozial­päda­gog*innen diese Herausforderungen beziehungsstark und zuversichtlich begleiten. Um dies tun zu können, müssen sie selbst gestärkt sein. Der systemische Ansatz bietet einen Zugang, der über einfache lineare Zusammenhänge hinausgeht. Er liefert nicht die eine Lösung auf dem Silbertablett, bietet jedoch Handlungsansätze, methodisches Werkzeug und Haltung, um Schritt für Schritt Zugang zu Familiensystemen zu finden, die als schwierig erlebt werden. Dies soll Sozial­päda­gog*innen darin stärken, auch in herausfordernden Situationen prozessorientiert vorzugehen und in Beziehung zu bleiben.

Literatur

  • Bütow, B., Pomey, M., Rutschmann, M., Schär, C. & Studer, T. (2014). Einleitung: Politiken des Eingreifens – Zwischen Staat und Familie. In: dies. (Hrsg.), Sozialpädagogik zwischen Staat und Familie. Wiesbaden: Springer VS. Hollederer, A. (2023). Wer leidet in der Sozialen Arbeit an Erschöpfung? Ergebnisse einer Repräsentativerhebung. Soziale Passagen 15, 233–250. https://doi.org/10.1007/s12592-023-00463-7
  • Klug, W., & Zobrist, P. (2021). Motivierte Klienten trotz Zwangskontext: Toole für die Soziale Arbeit (3. Aufl.). München: Ernst Reinhardt Verlag. 
  • Rätz, R. (2023). Professionelle Beziehungen sind alles – but not only!. Sozialmagazin, 2. https://content-select.com/de/portal/media/view/63ebab38-fd2c-477d-abcf-4b41ac1b000f
  • Von Schlippe, A. (1995). Familientherapie im Überblick. Paderborn: Junfermann.
  • Von Schlippe, A. & Schweitzer, J. (2016). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen (3. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

Mehr erfahren