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Integration braucht Zeit, Netzwerke und Vertrauen

16.02.2026 Geflüchtete Menschen bringen Motivation und Fähigkeiten mit, stehen in der Arbeitswelt jedoch vor grossen Hürden. Sabine Salemink vom Roten Kreuz Oberwallis erklärt, weshalb hier ein Case Management entscheidend sein kann und wieso Integra­tion viel Zeit braucht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Geflüchtete stehen vor komplexen Hürden, eine individuelle Unterstützung ist daher entscheidend ist.

  • Ein erfolgreiche Integration braucht daher Zeit, funktionierende Netzwerke und eine enge Zusammenarbeit mit Institutionen, Arbeitgebenden und Politik.

  • Eine Weiterbildung in Case Management bietet hierzu die nötigen Kompetenzen. Sie ermöglicht eine fundierte Standortbestimmung, eine langfristige Zielplanung und passgenaue Schritte zur Arbeitsintegration.

Frau Salemink, Sie unterstützen aufgenommene Geflüchtete bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Welche Rolle spielt Case Management dabei? 

Sabine Salemink: Praktisch jede Person, die wir begleiten, hat eine Mehrfachproblematik (vgl. Kasten). Da hilft es, wenn man sich im Rahmen des Case Managements genügend Zeit nimmt und ein Assessment für eine fundierte Standortbestimmung macht. Aktuell haben wir ein Mandat, bei dem wir Geflüchtete betreuen, die länger als fünf Jahre in der Schweiz sind. Es sind weniger Personen als während der hohen Fluchtbewegungen vor zehn Jahren, als wir nur minimale Strukturen zur Verfügung stellen konnten. Dafür sind es komplexere Fälle. Wenn du nach fünf bis sieben Jahren den Einstieg in die Arbeitswelt noch nicht gefunden hast, dann steckt da irgendein Problem dahinter. Es ist unsere Aufgabe herauszufinden, weshalb die Arbeitsintegration und die finanzielle Selbstständigkeit ins Stocken geraten sind.

kurze, prägnante Zusammenfassung, was auf dem Bild zu sehen ist und das Linkziel, falls Bild verlinkt ist.
Sabine Salemink arbeitet seit zehn Jahren beim Roten Kreuz Oberwallis in der Arbeitsintegration für Geflüchtete.

Bevor Sie Ihre Weiterbildung an der BFH besuchten, gab es beim Roten Kreuz Oberwallis noch kein Case Management. Wie war die Situation damals?

Der Raum Oberwallis ist klein. Die Vernetzung des Roten Kreuzes mit anderen Institutionen läuft in vielen Fällen informell. Das kann ein Vorteil sein, da man sich kennt und sich rasch austauschen und helfen kann. Mit den Arbeitgebenden arbeitete ich sehr unbürokratisch zusammen: Wenn ein Geflüchteter Schreiner werden wollte, habe ich direkt geeignete Betriebe angerufen. An Schnuppertagen und im Praktikum sah man rasch, ob die Person motiviert und geeignet ist und – ganz wichtig – ob es gegenseitig passt. Wenn nicht, habe ich weitergeschaut. 

Es ist unsere Aufgabe herauszufinden, weshalb die Arbeitsintegration und die finanzielle Selbstständigkeit ins Stocken geraten ist.

  • Sabine Salemink Rotes Kreuz Oberwallis

Welche Case-Management-Techniken sind bei der Arbeit mit Geflüchteten besonders hilfreich? 

Die grösste Erkenntnis für mich war, dass Geflüchtete selbst am besten wissen, was ihnen dient. Zusammen können wir auf eine Vision hinarbeiten, auch wenn diese Jahre in der Zukunft liegt. Für das Case Management ist das ein zentraler Ansatzpunkt. Ich kann ihnen aufzeigen, welche Schritte sie für ihre Vision gehen müssen und welche realistischen Optionen sie haben. Für Geflüchtete sind diese nicht immer vielfältig, aber sie können sich immer zwischen verschiedenen Plänen entscheiden. Mit der Vision vor Augen ist es einfacher, Schritte zu vereinbaren, die für sich allein nicht besonders verlockend erscheinen. 

Warum ist Case Management für Geflüchtete wichtig?

Geflüchtete dürfen in der Schweiz arbeiten und möchten dies in den allermeisten Fällen auch so schnell wie möglich. Viele beginnen in der Schweiz allerdings praktisch bei null – selbst mit Hochschulabschluss. Die erste Herausforderung ist, eine der Landessprachen zu erlernen. Die fehlende Anerkennung der Diplome ist ebenfalls ein grosses Hindernis. Einige Geflüchtete haben traumatische Erfahrungen vor oder während ihrer Flucht gemacht. Sie sprechen nicht immer darüber, aber die Erfahrungen können die Integration beeinflussen. Case Manager*in­nen haben hier die Aufgabe herauszufinden, wo die Probleme liegen, um der Person eine passende Unterstützung zu organisieren.

Ein konkretes Beispiel zeigt die Situation von Müttern: Häufig übernehmen sie zu Hause die Familienarbeit. Für ihre Arbeitsintegration sind sie auf Betreuungsplätze angewiesen. Im Oberwallis – und vermutlich auch in anderen Regionen der Schweiz – sind diese beschränkt verfügbar und müssen fast ein Jahr im Voraus beantragt werden. Wird für die Frauen nicht schnell ein geeignetes Integrationsprojekt gefunden, vergeben die Kitas die Plätze oft an andere Familien. Das ist ein paradoxes Problem, denn ohne Betreuungsplatz ist eine Arbeitsintegration für die Mütter nicht möglich. Auch für die Kinder ist eine Kita wichtig. Ihre Chancen verbessern sich, wenn sie vor der Einschulung Deutsch lernen und Erfahrungen mit Schweizer Strukturen machen.

Welche spezifischen Umstände machen die Einführung von Case Management in einer kleineren, ländlichen Region besonders?

Das Schöne ist, dass wir pragmatisch arbeiten können, weil hier alles nah und rasch erreichbar ist. Wenn es zum Beispiel in einer Beschäftigungswerkstatt noch freie Plätze gibt, können wir Geflüchtete dorthin vermitteln, auch wenn diese Einrichtung dafür keinen offiziellen Auftrag hat. Im Migrationsbereich haben wir seit Jahren regelmässige Netzwerkssitzungen mit den sozialen Institutionen. Mit der Einführung des Case Managements konnte ich so auf ein bereits gut funk­tionierendes Netzwerk zählen. In diesem Netzwerk sind auch kantonale Behörden­ver­tre­ter*in­­nen und politisch aktive Personen tätig. Dieser Kontakt zur Politik ist wichtig, denn so können wir unsere Anliegen in den Grossen Rat oder die Gemeindebüros einbringen und so zum Beispiel Versorgungslücken für die Geflüchteten schliessen.

Das Rote Kreuz Oberwallis hat Case Management vor vier Jahren eingeführt. Wie sehen Sie die Weiterentwicklung in Ihrer Organisation heute? 

Nachdem ich das CAS beendet hatte, entwickelte ich für unsere Dienstleistung Instrumente für das Case Management und organisierte für meine Kolleg*in­nen eine interne Weiterbildung, damit alle die Instrumente anwenden können. Anfänglich fand es das Team schwierig, zwischen der Einzelfallbetreuung und dem Case Management zu unterschieden. Die Ansätze des Case Managements fliessen aber je länger, desto mehr ein, ins­besondere bei der Intervision, bei der wir länger Zeit haben und neue Ansätze oder Inputs besprechen können. Es wäre natürlich schön, wenn sich meine Kolleg*innen ebenfalls im Case Management weiterbilden würden, um diese Aufbauarbeit fortzusetzen und die systematische Beratung und das Netzwerkmanagement nachhaltig weiter­zuent­wickeln.

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