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Mut zur Belastung: Warum ältere Menschen mehr vertragen, als man denkt

30.07.2026 Selbstständigkeit im Alter beginnt mit gezieltem Training, denn zu wenig Belastung beschleunigt den Muskelabbau. Im CAS Bewegung und Training im Alter lernten zwei Physiotherapeutinnen, Patient*innen sicher und wirksam an ihre Kraftgrenzen zu führen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ältere und hochbetagte Menschen werden in der Therapie oft unterdosiert trainiert – dabei reagiert auch ein 85-jähriger, fragiler Körper nachweislich auf Hypertrophie- und Maximalkraftreize.
  • Gezieltes, intensives Krafttraining senkt das Sturzrisiko und verbessert Alltagsfähigkeiten wie Aufstehen oder Transfers messbar, auch bei Sarkopenie oder Frailty.
  • Das CAS gab den beiden Physiotherapeutinnen das wissenschaftliche Rüstzeug, um die «Unterdosierungs-Falle» zu verlassen und mutiger, aber kontrolliert an der Anpassungsgrenze zu trainieren.
Beispielbild für Krafttraining mit einem Senior
Gezieltes, intensives Krafttraining senkt das Sturzrisiko und verbessert Alltagsfähigkeiten (Bild: Adobe Stock)

Was hat dich motiviert, dich vertieft mit Bewegung und Training im Alter auseinanderzusetzen, und weshalb ist das Thema aus deiner Sicht besonders wichtig?

Barbara Bisang: Die Bevölkerung wird zunehmend älter. Viele ältere Menschen möchten so lange wie möglich selbstbestimmt in ihrem eigenen Zuhause leben. Gleichzeitig nimmt der Anteil jüngerer Generationen an der Gesamtbevölkerung ab, wodurch familiäre und generationenübergreifende Unterstützungsstrukturen seltener werden. Dies stellt Gesellschaft, Gesundheitswesen und Pflege vor neue Herausforderungen. Menschen ab 65 Jahren sind deshalb zunehmend gefordert, ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Hinzu kommt, dass die Zahl neurodegenerativer Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson steigt, was den Bedarf an präventiven Massnahmen, geeigneten Wohnformen sowie unterstützenden Gesundheits- und Betreuungsangeboten weiter erhöht. Vor diesem Hintergrund gewinnen Konzepte zur Förderung eines selbstständigen und sicheren Lebens im Alter zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklungen beeinflussen meinen Berufsalltag und ich wollte mich deshalb in diesem Bereich weiterbilden.

 

Susanne Lurati: In der Domizilphysiotherapie sehe ich täglich, dass Selbstständigkeit im Alter der Schlüssel zur Lebensqualität ist. Wenn ältere Menschen die Fähigkeit verlieren, ohne Hilfe aufzustehen oder die Treppe zu bewältigen, droht der Verlust der Autonomie und oft der Eintritt ins Pflegeheim. Mich motiviert die Tatsache, dass wir genau hier als Physios den grössten Hebel haben. Das Thema ist von grosser Relevanz: Wir werden immer älter, aber das Ziel muss sein, gesund und selbstbestimmt zu altern. Training im Alter ist kein Wellness-Programm, sondern die Medizin gegen den Verlust der Selbstständigkeit.

Training im Alter ist kein Wellness-Programm, sondern die Medizin gegen den Verlust der Selbstständigkeit.

  • Susanne Lurati Absolventin CAS Bewegung und Training im Alter

Welche Erkenntnis aus dem CAS hat deine Sicht auf Bewegung und Training im Alter besonders verändert?

Susanne Lurati: Mich hat am meisten überrascht, wie stark unterfordert viele ältere und hochbetagte Menschen im therapeutischen Alltag oft sind. Früher dachte ich – wie viele in der Praxis –, man müsse bei über 80-Jährigen besonders vorsichtig sein und sich auf rein funktionelle Mobilisation beschränken. Das CAS hat meine Sichtweise stark verändert: Auch ein 85-jähriger, fragiler Körper reagiert auf Hypertrophie- und Maximalkraftreize! Heute dosiere ich das Training viel mutiger. Ich therapiere nicht mehr nur «schonend», sondern trainiere gezielt an der Anpassungsgrenze, natürlich kontrolliert und angepasst.

 

Barbara Bisang: In meiner Ausbildung waren Kraft und Ausdauer die zwei wichtigsten Elemente, die im Alter trainiert werden sollen. Ich habe gelernt, dass sowohl Kraft, Schnellkraft, Reaktivkraft und Ausdauer wichtig sind für ein gutes Altern. Auch in unserem Team wird bei den Bewohner*innen der Seniorenresidenz bei Kraftmethoden wie dem Hypertrophie-Training selten ausreichend auf die Ausbelastung geachtet. Allgemein werden die Senior*innen zu wenig an ihre körperlichen Grenzen gebracht und somit immer unterdosiert behandelt. 

Nun wende ich konsequent und bedarfsorientiert auch bei Menschen über 65 das Schnellkraft-, Reaktivkraft-, Kraft- und Ausdauertraining an. Mit Assessments und Bedürfnisabklärung arbeite ich viel zielgerichteter. Zudem wird bei Menschen ab 65 zwei- bis dreimal pro Woche ein Gleichgewichtstraining empfohlen. Das baue ich in die Therapie ein, indem ich ein Heimprogramm instruiere.

Zu den Personen

Barbara Bisang

Ursprünglich als Primarlehrerin ausgebildet, wurde sie Physiotherapeutin FH und arbeitete zuerst zwei Jahre im Spital Baar, 20 Jahre selbstständig mit einem Team in Horw und fünf Jahre bei Physiotherapie Burch&Keiser, Allgemeinpraxis Sarnen. Seit Februar 2025 ist sie bei Physioplus Hergiswil, mit Senior:innenzentrum und EGym-Fitness, tätig. Barbara Bisang hat sich zur Fachexpertin Morbus Parkinson und Fachfrau Schwindel und Gleichgewicht weitergebildet. Sie absolvierte das CAS Bewegung und Training im Alter von September 2025 bis Juli 2026.

Portraitbild Barbara Bisang, Absolventin CAS Bewegung und Training im Alter

Susanne Lurati

Nach ihrem Bachelorabschluss 2011 in Physiotherapie hat sie anschliessend einen Master of Science in Neuroreha berufsbegleitend abgeschlossen. Nach stationärer Tätigkeit in der Höhenklinik Wald auf der Neurologie machte sie für 2 Jahre einen Abstecher in eine Privatpraxis. Seit 10 Jahren ist sie selbstständige Domizil-Physio. Sie absolvierte das CAS Bewegung und Training im Alter von September 2025 bis Juli 2026.

Portraitbild Susanne Lurati, Absolventin CAS Bewegung und Training im Alter

Kannst du ein konkretes Beispiel aus dem Berufsalltag beschreiben, bei dem du das im CAS erworbene Wissen erfolgreich angewendet hast? Welche Auswirkungen hatte dies auf die betroffene Person oder Patient*innengruppe?

Susanne Lurati: Mit einer 95-jährigen Patientin, die von Sarkopenie betroffen ist, habe ich für mehrere Wochen ein Hypertrophie-Zirkeltraining gemacht. Sie hat sich objektiv im 5xSTS verbessert. Subjektiv gelingen ihr die Transfers deutlich besser. Auch mit hochaltrigen Menschen lohnt sich ein gut strukturiertes Training (auch zu Hause!).

 

Barbara Bisang: Ich bin Fachexpertin Morbus Parkinson und durch den Einbau von Schnell- und Reaktivkraft (Sprünge) habe ich einen guten Einfluss auf die Bradykinese und die verminderten Schutzschritte. Dadurch konnte die Sturzgefährdung (Mini Best Assessment) reduziert werden.

Das Training älterer Menschen wird in der Praxis oft eher zurückhaltend dosiert. Hat das CAS dein Vertrauen in die Möglichkeiten von Kraft- und Bewegungstraining im Alter verändert? Wenn ja, wie?

Barbara Bisang: Sehr. Ich hatte Bedenken, die älteren Menschen auszubelasten (ein Feuer in der Muskulatur zu erzeugen) oder Sprünge einzubauen. Durch die Erweiterung meines Wissens setze ich diese Trainingsinterventionen täglich ein und sehe, dass die Menschen Freude daran haben, ihre Bewegungsmöglichkeiten auszuweiten. Auch auf mein Bewegungsverhalten hat das CAS einen sehr positiven Einfluss: Ich baue Sprünge im Alltag ein, hüpfe die Treppe hoch, nehme zwei Stufen auf einmal, renne ganz schnell und gehe aus meiner Komfortzone. Das macht Spass und ich sehe, wie schneller, kräftiger und geschickter ich innerhalb des letzten Jahres geworden bin. Mit dieser Erkenntnis kann ich meine Patient*innen gut motivieren und bin von dem, was ich weitergebe, überzeugt.

 

Susanne Lurati: Ja, absolut. Das CAS hat mir das wissenschaftliche Fundament und die nötige Sicherheit gegeben, um die «Unterdosierungs-Falle» zu verlassen. Wenn wir älteren Menschen immer nur 1-Kilo-Hanteln geben, setzen wir keinen überschwelligen Reiz. Der Muskel atrophiert weiter. Durch das CAS verstehe ich die physiologischen Anpassungsprozesse im alternden Gewebe viel besser. Ich weiss jetzt, dass die kardiovaskulären und muskuloskelettalen Risiken eines unterdosierten Trainings (und dem damit einhergehenden Abbau) weitaus grösser sind als die Risiken eines intensiv geführten, progressiven Krafttrainings.

Dadurch, dass ich die Übungen selbst erlebt und durchgeführt habe, setze ich sie auch im Alltag bei älteren Menschen ein.

  • Barbara Bisang Absolventin CAS Bewegung und Training im Alter

Das CAS beinhaltet auch praktische Übungen im Trainingsraum. Welche Erfahrungen hast du dort gemacht und wie haben diese deinen Umgang mit Krafttraining im Alter beeinflusst?

Barbara Bisang: Dadurch, dass ich die Übungen selbst erlebt und durchgeführt habe, setze ich sie auch im Alltag bei älteren Menschen ein. Zum Beispiel habe ich einer 56-jährigen Ärztin, die absolut ungern ein Fitnesscenter besucht, ein auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Hypertrophie-Workout für Daheim zusammengestellt. Der praktische Teil hat mir ebenfalls meine Bedenken bezüglich meines instabilen Rückens genommen. Seit Jahren habe ich Deadlifts gemieden. Diese positive Selbsterfahrung ist die beste Voraussetzung für die Motivation meiner Patient*innen Ü65, eine Übung oder eine Bewegung, die sie vermieden haben, unter Anleitung und Supervision wieder zu versuchen.

 

Susanne Lurati: Die praktischen Einheiten waren genial, weil wir die Trainingsreize, Intensitäten und auch unterschiedliche Instruktionsformen am eigenen Leib erfahren haben. Besonders wertvoll war das gemeinsame Erarbeiten von Progressionen und Regressionen im Raum. Als Domizil-Physio habe ich im Haus der Patient*innen keine Kraftgeräte. Die Praxismodule haben mir gezeigt, wie man Trainingsprinzipien aus dem Fitnesscenter kreativ auf die häusliche Umgebung übertragen kann – sei es mit Widerstandsbändern, Stühlen oder gezielter Alltagsbelastung.

Die Praxismodule haben mir gezeigt, wie man Trainingsprinzipien aus dem Fitnesscenter kreativ auf die häusliche Umgebung übertragen kann.

  • Susanne Lurati Absolventin CAS Bewegung und Training im Alter

Wie hilft dir das CAS, auch bei komplexen Situationen (z. B. Frailty, Sarkopenie oder Demenz / kognitive Beeinträchtigung) sicher und wirksam zu trainieren?

Susanne Lurati: Bei Frailty und Sarkopenie gibt mir das CAS das exakte physiologische Rüstzeug für die richtige Belastungssteuerung. Bei kognitiven Beeinträchtigungen und Demenz hat das CAS mein Verständnis für die fundamentale Bedeutung der Beziehungsarbeit geschärft. In der gewohnten Umgebung der Patient*innen öffnet uns nicht die medizinische Evidenz die Tür, sondern Vertrauen. Erst wenn sich die Patient*innen sicher, verstanden und emotional abgeholt fühlen, lassen sie sich auf die Bewegung ein.

 

Barbara Bisang: Frailty und Sarkopenie waren für mich bis jetzt Begriffe, unter denen ich mir zwar etwas vorstellen konnte, jedoch nicht wusste, mit welchen Assessments Frailty und Sarkopenie festgestellt werden können.

In unserer Residenz erlebe ich oft, dass Senior*innen nach einem Sturz zur Übergangspflege in ein Ferienbett kommen, bevor sie wieder nach Hause gehen. Nicht selten stürzen sie erneut und ziehen sich weitere Frakturen zu. Dieser Umstand hat mich ebenfalls motiviert, dieses CAS zu besuchen.

Ich weiss nun, welche Trainingsformen bei welchen Diagnosen evidenzbasiert sind, und kann diese gut in meinem Arbeitsalltag einsetzen. Zudem habe ich viel über den Umgang mit kognitiv beeinträchtigten Menschen gelernt, und es macht mir Freude, mit ihnen zu arbeiten.

Ich weiss nun, welche Trainingsformen bei welchen Diagnosen evidenzbasiert sind, und kann diese gut in meinem Arbeitsalltag einsetzen.

  • Barbara Bisang Absolventin CAS Bewegung und Training im Alter

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