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«Pflegefachpersonen tragen eine hohe Verantwortung bei der Risikoeinschätzung»

07.10.2026 Wann wird ein Verhalten zur Krise? Und wie lassen sich Risiken einschätzen, ohne vorschnelle Schlüsse zu ziehen? Im Interview sprechen Katja Rother und Klaudia Niewiadomska darüber, warum strukturierte Assessments in der psychiatrischen Praxis immer wichtiger werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das neue SAS «Psychiatric Clinical Assessment» vermittelt Pflegefachpersonen Kompetenzen für strukturierte klinische Einschätzungen und eine fundierte Entscheidungsfindung.
  • Die Teilnehmenden lernen, Risiken, Symptome, Ressourcen und Bedürfnisse in psychiatrischen Situationen differenziert zu erfassen und einzuordnen.
  • Ein Praxisbeispiel zeigt, wie eine strukturierte Beobachtung dabei hilft, Fehlinterpretationen zu vermeiden und angemessen zu handeln.
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Katja Rother (links) und Klaudia Niewiadomska sind für die fachliche Leitung des SAS Psychiatric Clinical Assessments verantwortlich. Bild: BFH

Welche Entwicklungen im psychiatrischen Alltag machen ein strukturiertes Assessment heute besonders wichtig?

Katja Rother: Die psychiatrische Versorgung ist heute geprägt von zunehmender Komplexität und Zeitdruck. Gleichzeitig sind wir mit einem Fachkräftemangel konfrontiert. Dies wiederum bedeutet, dass es immer häufiger zu herausfordernden Situationen kommt.

Klaudia Niewiadomska: Pflegefachpersonen tragen eine hohe Verantwortung bei der Bewältigung von Krisensituationen und der Risikoeinschätzung. Hier kann ein strukturiertes Assessment helfen. Es schafft Orientierung und unterstützt sichere klinische Entscheidungen.

Welche typischen Fehler oder Unsicherheiten beobachtet ihr in der Praxis? Und wie kann man ihnen begegnen?

Klaudia Niewiadomska: In herausfordernden Situationen besteht häufig eine schnelle Dynamik. Für Fachpersonen ist es dabei schwierig, die Situation einzuschätzen und gleichzeitig den nötigen Abstand zu bewahren. Dies kann sowohl zu Über- als auch zu Unterschätzung von Risiken und somit zu vorschnellen Schlussfolgerungen führen. Strukturierte Assessments helfen, Situationen differenzierter wahrzunehmen und klinische Entscheidungen für alle nachvollziehbarer zu machen.

Das Assessment schafft Orientierung und unterstützt sichere klinische Entscheidungen.

  • Klaudia Niewiadomska Pflegeexpertin APN

Welche Lücke schliesst das neue SAS und welche neuen Möglichkeiten ergeben sich dadurch für die Praxis?

Katja Rother: In der Ausbildung erwerben wir Fachwissen zu Krankheitsbildern, Symptomen und Kommunikationsstrategien. Im klinischen Alltag sind wir dann konfrontiert mit der Notwendigkeit von situativen Einschätzungen und der klinischen Entscheidungsfindung. Das SAS schliesst diese Lücke und befähigt Fachpersonen, Einschätzungen strukturiert durchzuführen und Handlungen nachvollziehbar begründen zu können.

Könnt ihr ein Beispiel aus dem klinischen Alltag nennen, in dem ein strukturiertes Assessment entscheidend war?

Klaudia Niewiadomska: Ein typisches Beispiel ist ein Patient, der bei Eintritt laut, angespannt und provozierend erscheint. Dadurch wird vor allem ein aggressives Verhalten wahrgenommen, was zu Fehlinterpretationen führen kann. Durch ein strukturiertes, situatives Assessment kann sich jedoch zeigen, dass der Patient selbst überfordert ist und unter paranoiden Ängsten leidet. Anstelle einer Konfrontation mit dem provozierenden Verhalten stehen dann Deeskalation, Strukturierung und Beziehungsarbeit im Vordergrund.

Wie lässt sich ein strukturiertes Assessment mit einer recovery-orientierten Haltung verbinden?

Katja Rother: Ein strukturiertes Assessment ist nur ein Teil der klinischen Entscheidungsfindung. Eine gute klinische Einschätzung erfasst nicht nur Symptome und Risiken, sondern berücksichtigt auch Ressourcen und Bedürfnisse. Mit einer recovery-orientierten Haltung werden Personen nicht nur auf ihre sichtbaren Symptome reduziert, sondern als aktiver Part im Gesamtprozess verstanden.

Welche Kompetenzen brauchen Fachpersonen, um auch in komplexen Situationen sichere und differenzierte Einschätzungen treffen zu können?

Klaudia Niewiadomska: Fachpersonen benötigen eine gute Beobachtungsgabe, Fachwissen, kommunikative Fähigkeiten und einen sicheren Umgang mit den Einschätzungsinstrumenten. Zudem müssen sie Dynamiken erkennen und priorisieren können.

Bestenfalls sollen Fachpersonen Krisensituationen erkennen, bevor sie entstehen.

  • Katja Rother Pflegeexpertin APN

Was ist euch im SAS besonders wichtig zu vermitteln, über die reine Anwendung des Instruments hinaus?

Katja Rother: Fachpersonen sollen Krisensituationen bestenfalls erkennen, bevor sie entstehen. Hierfür benötigen sie nicht nur Wissen zu bestimmten Phänomenen, sondern auch dazu, wie diese sich im Alltag zeigen. Es ist uns wichtig, die Fachpersonen zu ermutigen, sich den Situationen zu stellen und Unsicherheiten auszuhalten. Letztlich werden wir vor allem durch gute Erfahrungen sicher im Umgang mit herausfordernden Situationen.

Zu den Personen

  • Klaudia Niewiadomska, MScN, arbeitet als Pflegeexpertin APN beim Universitären Psychiatrischen Zentrum Bern AG (UPZ Bern).
  • Katja Rother, MScN, ist Pflegeexpertin APN und leitet die Pflegeentwicklung sowie den Fachbereich Recovery und Peer-Involvement beim Universitären Psychiatrischen Zentrum Bern AG (UPZ Bern).

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