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Jugendtreffs: Kontroverse Meinungen und Berufsethik

21.07.2026 Andere Lebenswelten akzeptieren und dennoch die berufsethische Haltung zum Ausdruck bringen – wer in der Offenen Jugendarbeit tätig ist, kennt die Herausforderung. Nun beleuchtet dies eine Bachelorarbeit von Julia Gassmann und Hoang Bao-Ngoc Cung. Ihr Artikel zeigt auf, welches kontroverse Thema Jugendliche in Treffs oft ansprechen und wie Fachkräfte reagieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Professionelles Handeln in Jugendtreffs bedeutet, die Balance zwischen Offenheit für unterschiedliche Meinungen und dem Schutz der Menschenwürde immer neu auszuhandeln. 

  • Menschenechte bilden den ethischen Kompass der Offenen Jugendarbeit und helfen Fachpersonen, auch in kontroversen Situationen verantwortungsvoll zu handeln.

  • Demokratiebildung gelingt dort, wo Fachpersonen Meinungsvielfalt zulassen und dabei eine tragfähige Beziehung zu den Jugendlichen erhalten.

Eine Pride-Flagge wird im Jugendtreff aufgehängt, kurz darauf wieder abgerissen – begleitet von ausgrenzenden Aussagen, wie «Schwuchteln wollen wir hier nicht». Was auf den ersten Blick wie ein typisches Praxisbeispiel wirkt, markiert für Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit (OJA) den Kern eines komplexen beruflichen Dilemmas: Wie lässt sich die grenzenlose Akzeptanz jugendlicher Lebenswelten mit der berufsethischen Pflicht zur Zurückweisung von Diskriminierung vereinbaren?

Blick in einen Jugendtreff in Bern West
Blick in einen Jugendtreff in Bern West

Der Jugendtreff als Gesellschaft im Kleinen

Die Offene Jugendarbeit versteht sich als ein Ort der Demokratiebildung, an dem Jugendliche reale Erfahrungen von Mitbestimmung sammeln können. Dabei gilt der Grundsatz: «Wer kommt, ist Zielgruppe» (Krafeld, 2004, zitiert nach Fimpler & Hannen, 2016, S. 172). Diese Offenheit ist die grösste Stärke des Feldes, führt aber unmittelbar in ein Paradoxon. Fachkräfte müssen Räume schaffen, die sowohl inklusive Werte fördern als auch den teils kontroversen Meinungen der Jugendlichen Rechnung tragen.

In unserer Arbeit identifizieren wir dieses Spannungsfeld auf drei Ebenen:

  • Auf der Makroebene prägen soziale Medien und Algorithmen die Meinungsbildung. Hier droht eine «Implosion der freien Meinung» (Häberle, 2025, S. 39) durch die Bildung von Echokammern, in denen radikale Ansichten ungefiltert wachsen können.
  • Auf der Mesoebene kollidieren die Strukturen der OJA mit dem sogenannten Tripelmandat der Sozialen Arbeit: Die Fachkraft steht zwischen den Wünschen der Klient*innen (Jugendliche), dem Auftrag von Staat und Gesellschaft und der eigenen Profession (Ethik).
  • Auf der Mikroebene wurde das Entwicklungsalter Jugend als prägenden Einfluss auf die Thematik dargestellt.

Besonders deutlich wird die Problematik beim Thema Gendervielfalt und Queerness. Ein Thema, dem gemäss der qualitativen Untersuchung, die im Rahmen der Bachelorarbeit durchgeführt wurde, über die Hälfte der berichteten Spannungsfelder zuzuordnen sind. Wenn Jugendliche homophobe Aussagen tätigen, geraten Fachkräfte in eine Antinomie (ein unauflöslicher, logischer Widerspruch, Anm. d. Red.). Eine interviewte Fachperson bringt es prägnant auf den Punkt: «Ich will ja eigentlich nicht Polizistin sein.»

Der Zwang zur Intervention wird oft als Bedrohung für das wichtigste Instrument der Jugendarbeit wahrgenommen: Die Beziehung. In den Interviews wird immer wieder betont: «Das Vertrauen ist alles». Ein zu striktes Durchgreifen oder ein moralisierender Zeigefinger könnte insbesondere diejenigen Jugendliche, die ohnehin schon gesellschaftlich benachteiligt sind, in den sozialen Rückzug treiben. Eine Fachkraft warnt in diesem Kontext vor einem «Elfenbeinturm-Charakter»: Jugendliche werden zum Beispiel aufgrund eines ungenügend aufgeklärten Wortschatzes ausgeschlossen.

Ich will ja eigentlich nicht Polizistin sein.

  • anonym Fachperson Offene Jugendarbeit

Strategien: Diskurs statt Hausverbot

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Fachkräfte trotz des Drucks überwiegend auf «diskursfördernde Handlungen» setzen. Anstatt unmittelbare Hausverbote auszusprechen, nutzen sie Provokationen als Anlass für Aushandlungsprozesse. Dabei fungiert die Fachkraft als ein Art Container: Sie fängt die Wut und die verbalen Angriffe der Jugendlichen auf, ohne sich davon aus der Bahn werfen zu lassen, und spiegelt sie in einer reflektierten Form zurück.

Dabei ist es wichtig, zwischen Mensch und Handlung zu trennen. Die Jugendlichen werden als Person toleriert, aber nicht die diskriminierende Aussage. Ziel ist die «koproduktive Klärung» (Fimpler & Hannen, 2016, S. 104), wobei Regeln nicht hierarchisch verordnet, sondern stetig neu verhandelt werden. Dennoch bleibt eine Radikalisierungs-Lücke. Damit ist gemeint: die am stärksten isolierten Jugendlichen, die sich nur noch in digitalen Echokammern bewegen, erreicht das physische Setting der OJA oft gar nicht mehr. 

Fazit

Unsere Arbeit schliesst mit der Erkenntnis, dass es in diesem Spannungsfeld keine einfachen Lösungen gibt. Professionelles Handeln in der OJA bedeutet, die Balance zwischen Unterstützung und Grenzen ständig neu auszutarieren. Eine Grenze ist dabei: Wenn auf Worte Taten folgen. Dann beziehen Fachpersonen Stellung, um die Würde anderer Menschen zu schützen.

Am Ende kommt es auf die Fachkräfte an. Sie müssen die Menschenrechte als Orientierung nutzen und gleichzeitig eine vertrauensvolle Beziehung zu den Jugendlichen aufbauen und erhalten. Davon hängt ab, ob Demokratiebildung im Jugendtreff gelingt. Unterschiedliche Meinungen bleiben dabei eine Herausforderung. Sie kann bewältigt werden, wenn die Fachkräfte bewusst und reflektiert zwischen ethischen Grundsätzen und dem Alltag handeln. Die Meinungsvielfalt bleibt eine Herausforderung, die nur durch den reflektierten und bewussten Einsatz der Fachkräfte zwischen Ethik und Alltag bewältigt werden kann.

Literatur

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