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Nah dran und wirksam: Schulsozialarbeit in ländlichen Berner Gemeinden
02.02.2026 Immer mehr ländliche Gemeinden im Kanton Bern setzen auf die Schulsozialarbeit. Sie reagiert flexibel auf lokale Bedürfnisse, entlastet Schulen und unterstützt Familien. Was sind die Erfolgsfaktoren, damit sich die Angebote etablieren und zukunftsorientiert weiterentwickeln?
Das Wichtigste in Kürze
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Schulsozialarbeit entlastet in ländlichen Gemeinden Schulen, stärkt Familien und wirkt dort, wo andere Angebote fehlen.
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Der Beitrag beleuchtet zentrale Erfolgsfaktoren wie frühe Beteiligungsprozesse, klare Rollen oder ausreichende Ressourcen.
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Lokale Beispiele zeigen, wie Gemeinden und BFH gemeinsam massgeschneiderte Konzepte entwickeln und welche Wirkung sie entfalten.
An Schulen zeigt sich, wie sich unsere Gesellschaft verändert – oft früher als anderswo. Wenn der Schulerfolg einzelner Kinder gefährdet ist oder das Miteinander im Klassenzimmer ins Wanken gerät, kommt die Schulsozialarbeit ins Spiel. Sie bietet schnelle Hilfe, entlastet Lehrpersonen und stärkt Familien. Ihr Ziel ist es, an den Schnittstellen zwischen Schule sowie Kinder- und Jugendhilfe Bedingungen zu schaffen, damit sich junge Menschen bestmöglich entwickeln und ihr Leben bewältigen können.
Im Kanton Bern entscheiden die Gemeinden über die Schulsozialarbeit in den Volksschulen, unterstützen diese finanziell und gestalten ihre Angebote. Zusätzlich beteiligt sich der Kanton finanziell. Einige Gemeinden setzen bereits seit über 15 Jahren auf die Schulsozialarbeit. In den letzten zehn Jahren hat sie besonders in ländlichen Regionen an Bedeutung gewonnen (Bildungs- und Kulturdirektion Kanton Bern, 2025). Aktuell beschäftigen die Berner Schulsozialarbeit vielfältige Themen, die die BFH fachlich begleitet: Bestehende Strukturen werden evaluiert und weiterentwickelt, Ressourcen überprüft sowie Angebote auf weitere Gemeinden oder auf die Sekundarstufe II ausgeweitet. Hier unterstützt die BFH die Gemeinden und den Kanton dabei, Lösungen zu entwickeln, die lokal verankert sind und sich zugleich an methodisch und wissenschaftlich fundierten Qualitätskriterien orientieren.
«Die Zusammenarbeit der beteiligten Gemeinderät*innen unter der Begleitung der BFH war für mich eine der wichtigsten und positivsten Erfahrungen in der Abklärungs- und Einführungsphase der Schulsozialarbeit.»
Massgeschneiderte Lösungen für vielfältige Bedürfnisse
Ein besonderes Merkmal der Schulsozialarbeit ist ihre Präsenz im unmittelbaren Lebensumfeld der Schüler*innen: im Schulhaus. Fachpersonen der Sozialen Arbeit bieten den Kindern und Jugendlichen niederschwellig Beratungen und Kriseninterventionen an, realisieren Präventionsprojekte, arbeiten mit Gruppen, sind die schulische Anlaufstelle rund um Fragen des Kindesschutzes und stehen dem schulischen Personal wie auch dem familiären Umfeld als fachliche*r Partner*in mit einer ergänzenden Perspektive zur Seite. Sie wirken an sozialen und pädagogischen Fragen der Schulentwicklung mit, unterstützen Eltern und Schule zeitnah in erzieherischen Fragen und vernetzen ihre Anspruchsgruppen mit anderen Dienstleistungsanbietern im Sozialraum (Avenir Social, 2024). Da Bedingungen und Bedarfe je nach Region variieren, haben sich schweizweit unterschiedliche Praxisformen entwickelt. Im Kanton Bern haben heute rund neunzig Prozent der Primar- und Sekundarschüler*innen Zugang zur Schulsozialarbeit. Eine aktuelle Darstellung (vgl. Abbildung) verdeutlicht die hohe Dichte bereits etablierter Angebote.
Die BFH begleitet zurzeit einige der noch nicht erschlossenen Gemeinden, um passende Praxisformen zu entwickeln. Ein Beispiel hierfür sind die Lütschinentäler: In einem partizipativen Prozess wurde ein Konzept entwickelt. Auf dieser Basis konnte in diesem Schuljahr in fünf weiteren Gemeinden die Schulsozialarbeit starten. Weiter unterstützt die BFH Gemeinden, um ihr Angebot noch besser auf die lokalen Bedürfnisse und die der Anspruchsgruppen abzustimmen.
Die föderalen Strukturen und die kommunale Autonomie bedingen vielfältige konzeptionelle und organisatorische Modelle der Schweizer Schulsozialarbeit, die sich an ihren regionalen Besonderheiten orientieren. Dies betrifft die organisatorische Anbindung, die Personalressourcen, die räumliche Verankerung, die ergänzenden Versorgungssysteme oder die Kooperationsformen mit Schnittstelleninstitutionen (Hostettler et al., 2020). Einflussfaktoren sind etwa die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung, die finanziellen und politischen Bedingungen in den Gemeinden sowie andere spezifische Themen und Problemlagen. Die unterschiedlichen Gegebenheiten fordern heraus, ermöglichen aber auch massgeschneiderte Lösungen.
Die Gemeinden setzen sich oft jahrelang mit den vielfältigen Aspekten der Schulsozialarbeit auseinander. Unterschiedliche Akteur*innen verhandeln Fragen nach Bedarf, Mehrwert und Ressourcen. Angestossen wird dieser Diskurs meist durch neue bildungspolitische Herausforderungen: veränderte Familienstrukturen, wachsende soziale Ungleichheiten, zunehmende Heterogenität in den Klassen sowie der Mangel an qualifizierten Lehrpersonen – ein Problem, das ländliche Regionen besonders stark betrifft. In der Praxis zeigt sich, dass Schulsozialarbeit in dem Punkt einen wesentlichen Beitrag leisten kann: Sie verbessert die Arbeitsbedingungen für Lehrpersonen, entlastet Schulleitungen bei sozialen Problemstellungen und bietet Schüler*innen einen verlässlichen, neutralen Ankerpunkt im Schulalltag.
«Immer öfter kommen Schüler*innen mit sich selbst und ihrem Umfeld nicht klar, was einen geordneten Unterricht verunmöglicht. Der Ruf nach einem professionellen Hilfsangebot direkt in der Schule wurde somit in unseren Gemeinden immer lauter.»
Neben strukturellen Fragen sind Themen rund um die gesunde Entwicklung der Kinder und Jugendlichen wichtige Anliegen der Gemeinden. Wie können diese mit Stress und Krisen umgehen, Medien sinnvoll nutzen und ihre Resilienz aufbauen? Da es im ländlichen Raum an lokal verankerten Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe, wie der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Erziehungsberatung, den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten oder der Suchtberatung, mangelt, sind die präventiv wirkenden und alltagsnahen Angebote der Schulsozialarbeit mit ihrem lebensweltorientierten Ansatz besonders wichtig. Die Arbeit der Fachpersonen bewegt sich dabei in einem Spannungsverhältnis zwischen lokal uneinheitlichen Rahmenbedingungen, vielfältigen Erwartungen und den professionellen Qualitätsansprüchen des Handlungsfeldes. Für die Gemeinden wie auch für die Praxis der Schulsozialarbeit bedeutet dies, dass ein reflektierter Umgang mit der Kluft zwischen Auftrag, Potenzial und praktischer Umsetzung entwickelt werden muss. Gleichzeitig ist es nötig, das eigene Berufsprofil kontinuierlich qualitativ zu schärfen (Berndt et al., 2023).
«Wir haben in den letzten zwei Jahren den Fokus auf die Zusammenarbeit bei der Früherkennung und -intervention gelegt, um die Schulsozialarbeit bei den Lehrpersonen bekannt zu machen. Das ist gelungen – heute wird sie zum Beispiel bei Schulabsentismus viel früher beigezogen und als echte Unterstützung erlebt.»
Was eine erfolgreiche Schulsozialarbeit ausmacht
Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich: Die Schulsozialarbeit in ländlichen Gemeinden ist nicht standardisierbar, sondern lebt von der Anpassung an lokale Voraussetzungen und Bedarfe. Gleichzeitig wird sichtbar, dass sich über die Vielfalt hinweg folgende Faktoren für eine erfolgreiche Einführung und eine nachhaltige Umsetzung herauskristallisieren. Sie helfen, nachhaltige Strukturen zu schaffen und gleichzeitig auf gesellschaftliche Veränderungen flexibel zu reagieren.
Frühe und breite Partizipation
Die relevanten Ziel- und Anspruchsgruppen sind bereits in der Planungsphase einzubeziehen, um die Legitimation und die Akzeptanz der Schulsozialarbeit zu stärken. Insbesondere Gemeinderatsmitglieder nehmen eine Schlüsselrolle ein: Als politische Entscheidungsträger*innen entscheiden sie über Ressourcen und tragen entscheidend dazu bei, die Schulsozialarbeit langfristig in den kommunalen Strukturen zu verankern.
Bedarfsorientierte Angebote und ausreichende Ressourcen
Massgeschneiderte Angebote der Schulsozialarbeit entstehen auf der Basis systematischer Bedarfserhebungen und der Analyse lokaler Gegebenheiten (z. B. demografische Entwicklung, vorhandene Versorgungsstrukturen, spezifische Problemlagen). Ist der Bedarf bestimmt, braucht die wirksame Schulsozialarbeit für das Setting genügend zeitliche, personelle und räumliche Ressourcen. Eine angemessene Stellenpräsenz pro Schule oder Schulstandort ist erforderlich, um den Leistungskatalog niederschwellig umsetzen zu können.
Klare Rollendefinition und Mandatierung
Ein präzises Aufgabenprofil mit eindeutig geregelten Schnittstellen zwischen Schule und Sozialer Arbeit verhindert Rollenkonflikte und stärkt die Professionalität. Entscheidend ist eine Struktur, die die fachliche Verantwortung der Schulsozialarbeit bei qualifizierten Fachpersonen verankert und zugleich die Rolle der Schulleitung als zentrale Partnerin anerkennt. So kann sich die Schulsozialarbeit vor Ort als eigenständiges Handlungsfeld nachhaltig etablieren.
Regelmässige Evaluation und Qualitätsentwicklung
Die kontinuierliche Reflexion und die systematische Überprüfung des Angebots ermöglichen es, auf neue Bedarfe zu reagieren und die Qualität langfristig zu sichern. Klare Qualitätsstandards, transparente Indikatoren und Rückmeldungen der Schule, der Eltern sowie der Kinder und Jugendlichen sichern sowohl die Qualität als auch die lokale Passung. Wichtig ist zudem, die Ergebnisse systematisch zu nutzen, um die Angebote weiterzuentwickeln. Politische und schulische Entscheidungsträger*innen sind regelmässig über die Wirkung und den Nutzen der Ressourcen, die der Schulsozialarbeit zukommen, zu informieren.
Die Schulsozialarbeit ist komplex – und genau das macht sie spannend. Mit wissenschaftlicher Unterstützung können Gemeinden ihre Angebote so gestalten, dass sie wirken, wo sie gebraucht werden: direkt im Alltag der Kinder und Jugendlichen.
Literatur
- Avenir Social. (2024). Leitbild Schulsozialarbeit.
- Berndt, C., Reimann-Bernhardt, B., Gruhlke, H.; Jevlasch, K. & Müller, W. (2023). Schulsozialarbeit in der Krise. Zentrale Spannungsverhältnisse des Handlungsfeldes. In Zipperle, M. & Baur, K. (Hrsg.), Empirische Facetten der Schulsozialarbeit. (S. 317–328). Weinheim: Beltz Juventa.
- Bildungs- und Kulturdirektion Kanton Bern. (2025). Schulsozialarbeit.
- Hostettler, U., Pfiffner, R., Ambord, S. & Brunner, M. (2020). Schulsozialarbeit in der Schweiz (E-Book): Angebots-, Kooperations- und Nutzungsformen. Bern: Hep Verlag.
- SSA Lütschinentäler. (2024). Schulsozialarbeit Lütschinentäler. Rahmenkonzept für die Gemeinden Grindelwald, Gündlischwand, Lauterbrunnen, Lütschental und Wilderswil.