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Open Source als Schlüssel zur Souveränität in der digitalen öffentliche Infrastruktur

18.03.2026 In seiner Keynote an der TRANSFORM 2026 wird der Digitalisierungsminister aus Schleswig-Holstein, Dirk Schrödter, über Open Source als Basis der digitalen öffentlichen Infrastruktur referieren. Im Interview mit Matthias Stürmer zeigt er die Chancen und Herausforderungen im Hinblick auf digitale Souveränität.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die TRANSFORM ist die jährliche Konferenz zum digitalen Wandel in der öffentlichen Verwaltung. Sie wird vom Institut Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule organisiert.
  • Dirk Schrödter wird an der TRANSFORM 2026 über die Rolle von Open Source als Schlüssel zur Souveränität in der digitalen öffentliche Infrastruktur sprechen.
  • Im Interview mit Matthias Stürmer gibt er Einblick in die Erfahrungen des Landes Schleswig-Holstein mit Open Source in der Verwaltung.

Wie kann der Staat seine digitale Infrastruktur unabhängiger gestalten? Wie funktioniert das bei unseren nördlichen Nachbarn in Schleswig-Holstein und wie sieht Europas digitale Zukunft aus? Prof. Dr. Matthias Stürmer, Leiter des Instituts Public Sector Transformation (IPST) der Berner Fachhochschule spricht mit Dirk Schrödter, Minister und Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein über seine Erfahrungen mit Open Source in der öffentlichen Verwaltung. Dirk Schrödter wird an der TRANSFORM 2026 – der Konferenz zum digitalen Wandel des öffentlichen Sektors – die Eröffnungskeynote halten zum Thema: «Open Source – Schlüssel zu Souveränität in der digitalen öffentlichen Infrastruktur».

Matthias Stürmer & Dirk Schrödter
Prof. Dr. Matthias Stürmer, Leiter des IPST und Dirk Schrödter Minister und Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein (v.l.n.r.)

Matthias Stürmer: Dirk, wie setzt das Bundesland Schleswig-Holstein Open Source Technologien für die digitale öffentliche Infrastruktur ein?

Dirk Schrödter: Mit der Umsetzung unserer «Open Innovation und Open Source Strategie Schleswig-Holstein» beschreiten wir als erstes Bundesland in Deutschland einen neuen, nachhaltigen Weg für die IT-Infrastruktur auf Landesebene. Proprietäre Lösungen werden schrittweise durch Open Source Software ersetzt. LibreOffice ersetzt Microsoft Office und ist der verbindliche Standard für Office-Anwendungen in den Ministerien und Behörden des Landes. Alle Beschäftigten nutzen diesen Standard und auf mehr als 80 Prozent aller Arbeitsplätze ausserhalb der Steuerverwaltung wurde Microsoft Office deinstalliert. In einem sechsmonatigen Migrationsprozess mit rund 44'000 Postfächern sowie mehr als 110 Millionen E-Mails und Kalendereinträgen hat die Landesverwaltung Schleswig-Holstein ausserdem am 2. Oktober 2025 den Umstieg des E-Mail-Systems auf die Open Source Lösungen Open Xchange und Thunderbird abgeschlossen. Damit ist Schleswig-Holstein einem digital souveränen IT-Arbeitsplatz einen bedeutenden Schritt nähergekommen. Für das Identitäts- und Zugriffsmanagement migrieren wir von Microsoft Active Directory zur Open Source Lösung Univention Nubus. Mit dieser Kernkomponente kontrollieren wir sämtliche Zugriffe auf die staatliche Infrastruktur. Nextcloud ist unser neues Kollaborationstool und wird derzeit schrittweise in allen Ministerien ausgerollt. Wir nutzen darüber hinaus bei Videokonferenzen das Open Source Konferenzsystem Opentalk. Im Bereich der Telefonie entwickeln wir eine Open Source Lösung und arbeiten ausserdem an der Ablösung von Microsoft Windows durch Linux. Hier pilotieren wir derzeit. Auch ich habe einen Pilot-Rechner.

Digitale Souveränität ist die DNA unserer Strategie.

  • Dirk Schrödter Minister und Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein

Welche Rolle spielt dabei digitale Souveränität?

Digitale Souveränität ist die DNA unserer Strategie. Open Source ist der Schlüssel zu digitaler Souveränität, denn die volle Gestaltungsmacht lässt sich nur durch eine Abkehr von proprietären Lösungen erreichen. Die aktuelle Situation ist geprägt davon, dass Regierungen stark von proprietärer Software abhängig sind – häufig bereitgestellt von nur wenigen globalen Technologiekonzernen. Diese Dominanz einiger weniger Technologieriesen begrenzt unsere Gestaltungsmacht und Flexibilität, gefährdet unsere Sicherheit und treibt die Softwarekosten in die Höhe.

Staatliche Souveränität entscheidet sich heute nicht mehr allein an militärischer Stärke oder der Fähigkeit, Recht und Ordnung im Innern durchzusetzen. Sie entscheidet sich auch daran, im digitalen Raum souverän handeln zu können. Digitale Souveränität ist damit zu einer Frage nationaler Sicherheit geworden. Die digitalen Systeme, die wir in unserer öffentlichen Verwaltung betreiben, sind kritische Infrastruktur. Unsere IT müssen wir dementsprechend behandeln. Digitale Souveränität bedeutet daher, die Kenntnisse, Fähigkeiten und die Möglichkeiten zu besitzen, digitale Infrastruktur zu verstehen, zu steuern und selbstbestimmt weiterzuentwickeln, auf die Betriebsprozesse der IT Einfluss zu nehmen, Herr über die staatliche Datenhaltung zu sein und unerwünschte Datenabflüsse zu verhindern. Und das tun wir in Schleswig-Holstein.

Welche Chancen ergeben sich daraus?

Ein ganzheitlicher Ansatz – wie er in unserer Strategie verankert ist – umfasst nicht nur die technologische Autonomie, sondern auch die wirtschaftliche Resilienz. Anstatt unsere IT-Mittel in Lizenzgebühren für meist aussereuropäische Lösungsanbieter zu stecken, investieren wir in Entwicklungs- und Supportverträge für die heimische Digitalwirtschaft. Wir müssen damit aufhören, mit unseren öffentlichen Budgets tiefer und tiefer in Abhängigkeiten zu geraten. Das tun wir aber gerade.

Und, wir in Schleswig-Holstein sind davon überzeugt, dass öffentliche Verwaltungen Innovationstreiber beim Einsatz von Open Source und bei der Einführung offener Standards werden können und müssen. Damit stärken wir die heimische Digitalwirtschaft und den Standort Schleswig-Holstein insgesamt. Digitale Souveränität durch Open Source Lösungen zu schaffen, ist zugleich eine Form aktiver Industriepolitik für die digitale Wirtschaft. Durch die Deinstallation von Microsoft Office und Outlook haben wir rund 15 Millionen Euro an Lizenzen, die sonst fällig geworden wären, gespart. 15 Millionen Euro, die nun nicht mehr den technologischen Fortschritt anderswo in der Welt finanzieren, sondern die zur Verfügung stehen, um den Digitalstandort Europa zu stärken. Auch das ist ein wichtiges Ziel unserer Strategie. Schleswig-Holstein zeigt mit dem Open Source Umstieg, dass der Weg in die digitale Unabhängigkeit möglich und wirtschaftlich ist.

Wir müssen damit aufhören, mit unseren öffentlichen Budgets tiefer und tiefer in Abhängigkeiten zu geraten.

  • Dirk Schrödter Minister und Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein

Welche Herausforderungen begegnen euch dabei und wie geht ihr damit um?

In einzelnen proprietären speziellen Fachanwendungen sind Microsoft Office Lösungen tief integriert oder sie laufen nur auf Microsoft Windows. Augenscheinlich wird dies am Beispiel SAP, das wir als Lösung für unser Rechnungswesen verwenden. Es hat eine enge Verbindung zu Microsoft Excel. In diese Fachanwendungen und andere Fachanwendungen müssen noch offene Standards integriert werden und sie müssen so umgebaut werden, dass diese betriebssystemunabhängig laufen können oder linuxfähig sind. Mit vielen dieser Fachverfahrenshersteller haben wir eine ganz hervorragende Zusammenarbeit ausgeprägt und es macht Spass, gemeinsam an souveränen Lösungen zu arbeiten. Aber, das Problem mit solchen Lösungen stellt sich immer dann, wenn deren Hersteller eine gewisse Marktmacht haben, wie SAP. Wir sagen diesen Anbietern jedoch sehr deutlich, dass ihre Softwarelösungen in unserem Land dauerhaft keine Zukunft haben, wenn sie nicht unseren Weg mitgehen und Integrationen auch für offene Lösungen ermöglichen. Und, perspektivisch wollen und werden wir auch im Bereich der Fachanwendungen Open Source Lösungen einsetzen und proprietäre Lösungen Schritt für Schritt ersetzen.

Ich werde in meiner Keynote verdeutlichen, dass der Weg in die digitale Souveränität nicht alleine von Schleswig-Holstein gegangen werden sollte, sondern eine gesamteuropäische Aufgabe ist, für die wir eine klare Meilensteinplanung benötigen.

  • Dirk Schrödter Minister und Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein

Über welche weiteren Themen wirst du in deiner Keynote an der TRANSFORM 2026 referieren?

Ich werde in meiner Keynote verdeutlichen, dass der Weg in die digitale Souveränität nicht alleine von Schleswig-Holstein gegangen werden sollte, sondern eine gesamteuropäische Aufgabe ist, für die wir eine klare Meilensteinplanung benötigen. Wir müssen beispielsweise dahin kommen, unsere öffentlichen Budgets umzusteuern und Open Source Lösungen bei der Vergabe von IT-Leistungen den Vorrang geben – auch im Sinne einer Industriepolitik für die Digitalwirtschaft. Studien zufolge könnte bereits ein zehnprozentiger Anstieg der EU-weiten Ausgaben für Open Source Lösungen bis zu 0.6 Prozent zusätzliches Wachstum in der EU bewirken. Das ist ein wahnsinnig starker Hebel, den wir unbedingt nutzen müssen. Daher schauen wir nicht nur auf unsere Landes-IT. Wir denken in Ökosystemen und unterstützen zum Beispiel Open Source Programm Offices landesweit, bundesweit und europaweit. Hier werde ich einen Bezug zur digitalen Infrastruktur herstellen. Den Weg in die digitale Souveränität wollen wir aber auch gern gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern gehen.

Vielen Dank für das Gespräch – wir freuen uns sehr auf deine Keynote am 5. Mai 2026 im Berner Rathaus!

TRANSFORM 2026

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Packende Referate im Grossratssaal und spannende Perspektiven beim Austausch in den Pausen: Das ist die TRANSFORM. An der jährlichen Konferenz befassen sich Fachpersonen aus Verwaltung, Wissenschaft, Privatwirtschaft sowie dem nahen Ausland mit aktuellen Themen zum digitalen Wandel in der Verwaltung.

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