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Wie prekäre Aufenthaltssituationen die Gesundheit von Familien belasten

03.07.2026 Angst und instabile Lebensbedingungen prägen den Alltag von Familien mit prekärem Aufenthaltsstatus in der Schweiz. Das Forschungsprojekt «Parenting in Precarity» untersucht, wie sich diese Situation auf die psychosoziale Gesundheit der betroffenen Familien auswirkt. Projektleiterin Sabrina Laimbacher erklärt, warum sie oft kaum Zugang zu Unterstützung haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Interview erläutert Projektleiterin Sabrina Laimbacher die ersten Erkenntnisse des Forschungsprojekts «Parenting in Precarity» zu Familien in prekären Aufenthaltssituationen.

  • Unsichere Aufenthaltsverhältnisse, instabile Lebensbedingungen und die Angst vor einer Ausweisung prägen den Alltag vieler betroffener Familien.

  • Die dauerhafte Belastung wirkt sich auf die psychosoziale Gesundheit von Eltern und Kindern aus, während der Zugang zu Unterstützung häufig erschwert ist.

Worum geht es im Projekt «Parenting in Precarity»?

Sabrina Laimbacher: Das Forschungsprojekt untersucht, wie Familien in prekären Aufenthaltssituationen in der Schweiz leben und welche Auswirkungen diese Situation auf ihre psychosoziale Gesundheit hat. Zudem möchten wir herausfinden, welche formellen Unterstützungsangebote ihnen zur Verfügung stehen und wie sie sich innerhalb informeller Unterstützungssysteme organisieren. Daraus sollen auch Erkenntnisse zur Bedeutung der Pflege in der Begleitung betroffener Familien gewonnen werden. Anfangs lag der Fokus bei den Eltern; im Verlauf der Feldforschungsphase hat sich dieser jedoch auf andere Familienmitglieder ausgeweitet, da an den verschiedenen Untersuchungsorten viele Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen sowie weiteren wichtigen Bezugspersonen stattfanden.

Vater mit Kind auf Schultern beim Drachensteigenlassen
Angst und instabile Lebensbedingungen prägen den Alltag von Familien mit prekärem Aufenthaltsstatus in der Schweiz. Das Forschungsprojekt «Parenting in Precarity» untersucht die Auswirkungen auf die Gesundheit der Familien.

Was bedeuten «prekäre Aufenthaltssituationen»?

Das sind Lebenssituationen von Menschen mit vorübergehenden oder fehlenden rechtlichen Aufenthaltsbewilligungen, die mit grosser Ungewissheit, unzureichenden Sicherheiten und erschwerter Planbarkeit einhergehen. Davon betroffen sind etwa Asylsuchende, vorläufig aufgenommene Personen, abgewiesene Asylsuchende sowie Sans-Papiers. Sie leben häufig mit der Angst, ihr provisorisches Aufenthaltsrecht zu verlieren oder entdeckt und ausgewiesen zu werden. Diese Unsicherheit beeinflusst viele Lebensbereiche massgeblich, etwa beim Wohnen, bei der Arbeit und beim Zugang zu Fürsorge- und Gesundheitsleistungen. Obwohl die Schweiz ein wohlhabendes Land ist, leben Menschen in prekären Aufenthaltssituationen unter sehr einschneidenden Lebensbedingungen und erleben vielfältige Benachteiligungen, oft ausserhalb der öffentlichen Wahrnehmung.

«In der Schweiz leben betroffene Familien in Kollektivunterkünften, in ungesicherten Wohnverhältnissen oder im Verborgenen; dabei prägen Ungewissheit und die ständige Angst vor einer Ausweisung den Familienalltag.»

  • Sabrina Laimbacher Wissenschaftliche Mitarbeiterin Berner Fachhochschule

Warum beschäftigen Sie sich wissenschaftlich mit diesem Thema?

In meiner früheren Tätigkeit in der psychiatrischen Pflege habe ich auch Menschen mit Migrationsgeschichte begleitet und kam mit verschiedenen Themen rund um die psychische Gesundheit im Kontext von Migration in Berührung. Dabei wurde mir erst mit der Zeit bewusst, wie viele Menschen in der Schweiz ohne oder nur mit einer provisorischen Aufenthaltsbewilligung leben und wie schwierig es für sie ist, Zugang zu gesundheitsbezogener Unterstützung zu erhalten. Fragen rund um Ungleichheit und Benachteiligung beschäftigen mich schon lange, und ich habe sie in meiner Forschungstätigkeit zunehmend aufgegriffen. 

Besonders interessiert mich dabei die systemische Perspektive: Wie entsteht und verändert sich psychosoziale Gesundheit innerhalb sozialer Systeme wie Familien, Unterstützungsnetzwerken oder Communities. Und wie wird sie dort verstanden und erlebt, und welche Care-Praktiken werden angewendet? Und darüber hinaus, wie eine chancengerechtere Gesundheitsversorgung gelingen kann.

Wie leben diese Familien denn konkret in der Schweiz?

Erste Ergebnisse des Projekts zeigen: Die Elternschaft ist von hoher struktureller Komplexität und instabilen Lebensräumen geprägt. Die Familien mussten aus existenzieller Not ihre Herkunftsländer verlassen und dabei vertraute soziale Beziehungen, familiäre Unterstützung, gewohnte Alltagsstrukturen und teilweise sogar die eigenen Kinder zurücklassen.

In der Schweiz leben betroffene Familien in Kollektivunterkünften, in ungesicherten Wohnverhältnissen oder im Verborgenen; dabei prägen Ungewissheit und die ständige Angst vor einer Ausweisung den Familienalltag. Es kommt zudem zu häufigen Wohnortswechseln und zum Gefühl, nie wirklich anzukommen und sich nirgendwo niederlassen zu können. Das bedeutet auch, dass sie sich immer wieder innerhalb neuer Rahmenbedingungen orientieren und sich an neue Wohnumgebungen, soziale Umfelder und Unterstützungspersonen anpassen müssen.

«Viele von ihnen wissen nicht, wie lange sie in der Schweiz bleiben können oder was als Nächstes passiert.»

  • Sabrina Laimbacher Wissenschaftliche Mitarbeiterin Berner Fachhochschule

Wie wirken sich diese instabilen Lebensbedingungen konkret auf den Familienalltag aus?

Trotz dieser schwierigen und instabilen Ausgangslagen versuchen die Eltern häufig, ihren Kindern ein möglichst sicheres und wohnliches Zuhause zu bieten und Perspektiven für eine sicherere Zukunft zu eröffnen. Ihre Möglichkeiten bleiben jedoch oft eingeschränkt. Viele fühlen sich von Behörden und anderen Personen abhängig, die sie unterstützen, während ihre eigenen Handlungsspielräume limitiert sind. Viele von ihnen wissen nicht, wie lange sie in der Schweiz bleiben können oder was als Nächstes passiert. Einer regulären Arbeit nachzugehen ist oft nur eingeschränkt möglich oder nicht gestattet. Viele Betroffene arbeiten deshalb ohne offizielle Bewilligung und damit auch ohne Versicherungsschutz. Es zeigte sich, dass Familien verschiedene Formen von Benachteiligung erfahren, wobei insbesondere der mangelnde Schutz, etwa bei häuslicher Gewalt, ein grosses Risiko darstellt. Betroffene Personen können sich aus Angst, Misstrauen oder aufgrund ihres Aufenthaltsstatus häufig keine Hilfe suchen.

Welche Folgen hat diese dauerhafte Belastung für Eltern und Kinder?

Diese Lebensbedingungen führen zu anhaltendem Druck und wirken sich auf die psychosoziale Gesundheit der betroffenen Familien aus. Die Eltern berichten von ständiger Angst, Stress, Erschöpfung oder Schlafstörungen. Manche fühlen sich traumatisiert oder hoffnungslos. Die Kinder wachsen in einem Lebenskontext auf, in dem Kinderrechte nicht gewahrt werden können. Es mangelt an Ruhe, Privatsphäre und an stabilen Beziehungen. Einige Kinder übernehmen bereits früh Verantwortung innerhalb der Familie, etwa indem sie jüngere Geschwister betreuen oder ihre Eltern unterstützen.

Insbesondere wenn die prekäre Aufenthaltssituation längere Zeit anhält, kann dies zu Hoffnungslosigkeit und Resignation führen, bis hin zu Selbstverletzungsverhalten und suizidalen Gedanken. Gleichzeitig kam von den Teilnehmenden klar zum Ausdruck, dass eine adäquate psychosoziale oder psychiatrische Unterstützung weitgehend fehlt (siehe Kasten).

Gesundheitsleistungen für Menschen in prekären Aufenthaltssituationen

Menschen in prekären Aufenthaltssituationen haben in der Schweiz grundsätzlich Zugang zur medizinischen Grundversorgung und zur Notfallversorgung. Je nach Situation erfolgt diese etwa über medizinische oder pflegerische Angebote in Asyl- und Rückkehrzentren oder über spezialisierte Anlaufstellen und Ambulatorien.

Der Zugang zu weiterführenden Angeboten – etwa psychosozialer, psychiatrischer oder familienbezogener Unterstützung – ist jedoch häufig eingeschränkt. Gerade Familien mit psychosozialen Belastungen sind deshalb häufig weitgehend auf sich allein gestellt.

Hinzu kommt, dass viele Betroffene Unterstützungsangebote aus Nichtwissen, Angst oder Misstrauen heraus nicht in Anspruch nehmen. Manche fürchten, dadurch negative Aufmerksamkeit zu erregen, ihre Personalien offenlegen zu müssen oder entdeckt zu werden.

Auch Sans-Papiers haben grundsätzlich das Recht, eine Krankenversicherung abzuschliessen. Für viele bedeutet dies jedoch ein grosses finanzielles Risiko – etwa aus Angst, Prämien, Franchisegebühren oder Selbstbehalte nicht bezahlen zu können.

«Insbesondere wenn die prekäre Aufenthaltssituation längere Zeit anhält, kann dies zu Hoffnungslosigkeit und Resignation führen, bis hin zu Selbstverletzungsverhalten und suizidalen Gedanken.»

  • Sabrina Laimbacher Wissenschaftliche Mitarbeiterin Berner Fachhochschule

Welche Rolle spielen informelle Unterstützungsnetzwerke?

Informelle Unterstützung ist für viele Familien zentral. Dazu gehören Freundschaften, soziale Netzwerke und Communities, freiwillige Engagierte, kirchliche Angebote sowie Menschen, die früher ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Sie leisten soziale und emotionale Unterstützung, z. B. bei der Kinderbetreuung oder beim Zurechtfinden in Unterstützungssystemen und wechselnden Lebenskontexten. Viele Betroffene erleben dort Verständnis, Zusammenhalt und das Gefühl, nicht allein zu sein, was sich wiederum positiv auf ihre psychosoziale Gesundheit auswirken kann.

Wie gehen Eltern mit dieser schwierigen Situation um?

Viele Eltern versuchen trotz allem, ihren Kindern möglichst viel Normalität zu bieten und sie vor der herausfordernden Realität zu schützen. Hier zeigten sich verschiedene Strategien: Einige verschweigen gegenüber den Kindern ihre Ausgangslage und nehmen Entbehrungen zugunsten der Kinder in Kauf. Andere bringen ihren Kindern früh bei, möglichst nicht aufzufallen und sich an bestimmte «Spielregeln» zu halten. Beeindruckend ist die grosse Resilienz vieler Familien. Trotz enormer Belastungen schaffen sie es, ihren Alltag zu organisieren und ihre Hoffnung zu bewahren, häufig über viele Jahre hinweg.

Was passiert in der nächsten Projektphase?

Aktuell werden Gespräche mit Personen geführt, die betroffene Familien unterstützen, etwa mit Freiwilligen, Peers, Lehrpersonen oder Mitarbeitenden in Unterkünften. Dabei interessiert insbesondere, welche Unterstützung bereits geleistet wird und was aus ihrer Perspektive benötigt wird, um Angebote künftig besser auf die Bedürfnisse der Familien abzustimmen.

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich daraus?

Das Projekt möchte die herausfordernde Lebensrealität betroffener Familien sichtbarer machen und aufzeigen, wie sich prekäre Lebensbedingungen auf die Gesundheit auswirken können. Langfristig soll daraus Wissen entstehen, wie Unterstützungsangebote flexibler, niederschwelliger und bedürfnisorientierter gestaltet werden können.

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