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Braucht das Schweizer Psychiatriesystem einen Kurswechsel?
09.04.2026 Die Schweiz steht psychisch stabil da – doch die Versorgung ist teuer und überlastet. BFH-Experte Dirk Richter erklärt im Interview, warum wir mehr auf Prävention und ambulante Modelle setzen sollten.
Das Wichtigste in Kürze
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Menschen nehmen heute mehr psychiatrische Hilfe in Anspruch, ausgelöst einerseits durch zunehmende Belastung, andererseits auch durch die eigentlich positive Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen.
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Das Schweizer Gesundheitssystem sollte mehr auf Prävention und ambulante Versorgung setzen, weil sie oft wirksamer und deutlich günstiger sind als stationäre Behandlungen.
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Die BFH forscht im Bereich der psychiatrischen Versorgung u.a. zur Spitex-Psychiatrie, Betroffenenbeteiligung und zu ambulanten Modellen.
Prof. Dr. Dirk Richter, wie geht es der Schweizer Bevölkerung psychisch?
Die Schweiz steht in Bezug auf die psychische Gesundheit im europäischen und internationalen Vergleich gut da. Psychische Störungen nehmen zwar leicht zu, aber nicht in diesem Ausmass, wie es medial heute oft dargestellt wird. Die Global Burden of Disease, eine internationale Studie die unter anderem auch regelmässige Auswertungen zur psychischen Gesundheit vornimmt zeigt, dass sich seit den frühen 90er-Jahren in der Schweiz nicht viel verändert hat. Auch während der Corona-Pandemie schnitt die Schweiz in einer Vergleichsstudie mit 25 europäischen Ländern gut ab und lag unter den Top 5 bezüglich psychischer Gesundheit. Die Lage ist faktisch stabil.
Was sich aber verändert hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten ist die Häufigkeit der Inanspruchnahme. Heute beanspruchen viel mehr Menschen psychiatrische Dienstleistungen, insbesondere Kinder und Jugendliche. Wir haben da lange Wartelisten, sowohl für stationäre als auch ambulante Angebote. Diese Tatsache löst viel Unsicherheit und Sorgen aus. Denn psychische Belastung in jungen Jahren zieht sich meist durch das ganze Leben hindurch.
Über Prof. Dr. Dirk Richter
Prof. Dr. Dirk Richter ist Co-Leiter des Innovationsfelds Psychische Gesundheit und psychiatrische Versorgung an der BFH. Er forscht schwerpunktmässig in der psychiatrischen Pflege und der psychiatrischen Versorgung.
Welche Faktoren führen zu dieser zunehmenden Belastung?
Da ist einmal eine zunehmende Einsamkeit zu beobachten, gerade auch bei jungen Menschen. Was unter anderem auch mit der Medientechnologie zusammenhängt. Die jungen Leute sitzen mehr zuhause, man begegnet sich seltener im realen Leben und mehr in der virtuellen Welt. Es gibt beispielsweise viel weniger Teenager-Schwangerschaften. Was zwar an sich eine positive Meldung ist, aber auch als Indikator gesehen werden kann für weniger soziale Begegnungen.
Dazu kommt eine generelle Verunsicherung und Zukunftssorgen in der Bevölkerung, ausgelöst durch die verschiedenen Krisen und Konflikte, aber auch durch Digitalisierung und KI.
Und nicht zuletzt trägt auch die – eigentlich positive – Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen dazu bei, dass Menschen mehr Hilfe in Anspruch nehmen. Wir denken heute viel mehr über unser eigenes Wohlbefinden nach und beobachten unsere eigene Person viel stärker, auch beeinflusst durch die sozialen Medien.
Depressive Symptome sind Teil des Lebens und müssen nicht in jedem Fall als Krankheit verstanden werden.
Sie sprechen von einer insgesamt stabilen Lage in der Schweiz, und doch wirken die Zahlen auf den ersten Blick alarmierend: Gemäss dem Gesundheitsbericht 2025 des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) erkranken 20-40 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Laufe ihres Lebens einmal an einer Depression.
Wichtig ist mir, diese Zahl angemessen einzuordnen. Die Daten für diesen Bericht stammen aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung, in der mithilfe eines Fragebogens (PHQ9) neun Depressionssymptome abgefragt werden. Wenn man diese Antworten auswertet, zeigt sich tatsächlich eine Zunahme.
Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass ein gewisses Mass an Niedergeschlagenheit, Erschöpfung oder innerer Anspannung zum normalen menschlichen Erleben gehört. In belastenden Lebenssituationen – etwa nach dem Verlust eines geliebten Menschen – sind solche Reaktionen erwartbar. Heute besteht jedoch eine deutlich grössere Bereitschaft, solche «normalen» Symptome zu pathologisieren und medikamentös zu behandeln, was die Zahlen zusätzlich beeinflusst.
Man darf deshalb nicht vergessen: 80 bis 90 Prozent der Menschen erleben im Laufe ihres Lebens ein- oder mehrmals depressive Symptome. Das ist Teil des Lebens und muss nicht in jedem Fall als Krankheit verstanden werden.
Nichtsdestotrotz suchen immer mehr Menschen professionelle Unterstützung. Wie also können wir resilienter werden?
Das ist sehr schwierig – es gibt nicht den einen Hebel. Wir beobachten eine zunehmende Individualisierung und Psychologisierung, verstärkt durch mediale Diskurse und besonders bei Kindern und Jugendlichen durch soziale Medien.
Wichtig wäre, Kinder und Jugendliche, aber auch Arbeitnehmende, frühzeitig zu sensibilisieren und zu unterstützen, ohne sofort zu pathologisieren. Es ist entscheidend, dass Betroffene mit psychischen Schwierigkeiten in sozialen Systemen eingebunden bleiben. Wenn Jugendliche die Schule oder Lehre abbrechen oder Erwachsene aufgrund einer Krankschreibung lange dem Arbeitsprozess fernbleiben, entstehen langfristig grosse Probleme. Wer einmal aus dem sozialen Gefüge herausfällt, hat es deutlich schwerer, wieder Anschluss zu finden. Wir wissen heute, dass mit jedem zusätzlichen Tag der Arbeitsunfähigkeit die Hürde steigt, in die Lehre oder den Beruf zurückzukehren.
Besonders gravierend ist diese Entwicklung bei jungen Menschen. Die 18- bis 24-Jährigen stellen derzeit die Gruppe mit den meisten IV-Anmeldungen. Das ist für die betroffene Person ein grosses Problem, aber natürlich auch gesellschaftlich eine Herausforderung.
Viele akute, psychiatrische Krisen könnten auch zuhause behandelt werden, was wesentlich günstiger wäre.
Genau, psychische Erkrankungen sind heute die zweitteuerste Krankheitsgruppe, knapp hinter den neurologischen Erkrankungen. Sie verursachen laut Obsan jährlich Kosten von über 23 Mrd. Franken. Was können wir dagegen tun?
Ein zentraler Punkt ist – wie schon angetönt – die Prävention. Wir müssen deutlich früher ansetzen. Obwohl die Schweiz eines der besten und teuersten Gesundheitssysteme der Welt hat, hinkt sie bei der Prävention hinterher und setzt nach wie vor stark auf Behandlung statt auf frühzeitige Intervention. Dabei wissen wir aus epidemiologischen Studien, dass rund die Hälfte aller erstmaligen psychischen Erkrankungen bis zum 19. oder 20. Lebensjahr auftreten. In dieser Lebensphase passiert enorm viel, und dennoch tut man sich schwer, präventive Massnahmen konsequent umzusetzen.
Lange Zeit wurde an diesem System festgehalten, auch aufgrund finanzieller Fehlanreize. Kliniken mussten möglichst viele Betten anbieten, um wirtschaftlich bestehen zu können, und diese Betten sollten dann auch belegt werden. Dadurch wurden Behandlungen stationär durchgeführt, die ambulant genauso gut möglich gewesen wären – allerdings zu deutlich geringeren Kosten. Hier bewegt sich zwar etwas, aber sehr langsam. Die Kantone müssten bereit sein, Betten abzubauen, und die Krankenkassen müssten ambulante Leistungen stärker honorieren. Doch an diesem Punkt sind wir noch nicht. Nach wie vor gilt die schwarze Null als oberstes Ziel. Und psychische Erkrankungen werden weiterhin ähnlich wahrgenommen wie somatische Leiden – mit dem Verständnis, dass sie im Spital behandelt gehören.
Ambulante Versorgung könnte den (finanziellen) Unterschied machen?
Absolut. Viele akute, psychiatrische Krisen könnten auch zuhause behandelt werden, was wesentlich günstiger wäre: Es braucht keine 24-Stunden-Bereitschaft eines ganzen Teams, keine Infrastruktur und keine Restauration. Und die betroffene Person kann in ihrem gewohnten Umfeld bleiben, was sie meistens auch will. Wenn wir sie hier rausnehmen und stationär versorgen, fördern wir oft genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich wollen: Sie möglichst im sozialen System behalten.
Wir haben zur Wirkung der ambulanten Pflege vor kurzem erste Resultate veröffentlicht, die zeigen, dass damit Hospitalisationen mehrheitlich verringert werden können.
Dafür bräuchte es aber mehr Personal. Stichwort Fachkräftemangel.
Ambulante Versorgungsmodelle könnten dem Fachkräftemangel sogar entgegenwirken. Denn die Arbeit auf einer psychiatrischen Akut-Station ist oft nicht sehr attraktiv. Bei ambulanten Modellen sind die Fachpersonen unabhängig und selbstbestimmt unterwegs; und sie müssen nur in Ausnahmefällen Nachtdienste leisten. In den bestehenden ambulanten Angeboten finden sich in der Regel gut qualifizierte Mitarbeitende.
Inwiefern ist die BFH an der Entwicklung von neuen Ansätzen beteiligt?
Die BFH forscht in unterschiedlichen Bereichen, immer mit dem Fokus auf die Verbesserung der psychiatrischen Versorgung. So zum Beispiel im Bereich der psychiatrischen Spitex. Wir haben zur Wirkung der ambulanten Pflege vor kurzem erste Resultate veröffentlicht, die zeigen, dass damit Hospitalisationen mehrheitlich verringert werden können.
Wir entwickeln auch neue methodische Ansätze, um Personen mit Krankheitserfahrung und die Betroffenenperspektive mehr in den Forschungsprozess einzubinden. Bislang wurde die Perspektive der Betroffenen noch kaum in den Fokus genommen. Im Departement G gibt es dazu ein eigenes Institut für kollaborative Gesundheitsversorgung. Wir versuchen, Betroffene bereits bei der Konzeption von Projekten zu involvieren. Als Beispiel dient hier ein Projekt der Berner Soteria (die wohl kleinste psychiatrische Klinik der Schweiz). Eine Mitarbeiterin mit eigener Krankheitserfahrung ist bei der Interviewführung dabei und wird ebenfalls bei Konzeption und Datenauswertung einbezogen – ein grosses Plus bei der Interpretation von Daten.
Und wir forschen auch zum Thema Zwang und Menschenrechte. Dabei zeigt sich ein widersprüchliches Bild: Obwohl das neue Kindes- und Erwachsenenschutzgesetz von 2013 das Ziel hatte, Zwang zu reduzieren, wird er in der psychiatrischen Versorgung in der Praxis sogar eher häufiger eingesetzt. Das hängt unter anderem mit einer sinkenden Risikobereitschaft zusammen und mit der zunehmenden Wahrnehmung, psychische Erkrankungen seien per se gefährlich. Wenn Menschen verunsichert sind oder Angst haben, steigt ihre Bereitschaft, Zwangsmassnahmen zu akzeptieren. Dieses Phänomen beobachten wir nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern.