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«emMENTAL»: Niederschwelliges Angebot für die psychische Gesundheit
30.01.2026 Viele Menschen wissen nicht, an wen sie sich bei psychischen Belastungen wenden können. Mit dem Verein «emMENTAL – Netzwerk psychische Gesundheit» ist im Emmental ein regional verankertes, partizipativ entwickeltes Angebot entstanden, das den Zugang zu Unterstützung erleichtern soll. Die BFH begleitet das Projekt beratend und evaluiert die Wirksamkeit und Akzeptanz der Angebote.
Das Wichtigste in Kürze
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Der Verein «emMENTAL» bietet im Oberen Emmental niederschwellige und regionale Unterstützung bei psychischen Belastungen.
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Betroffene, Angehörige und Fachpersonen entwickeln die Angebote gemeinsam nach einem partizipativen Ansatz.
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Erste Angebote wie Walk-in-Beratungen, Kurse und Vernetzungstreffen werden wissenschaftlich von der BFH begleitet und evaluiert.
Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in der Schweiz. Besonders im ländlichen Raum wie dem Oberen Emmental fehlt jedoch häufig eine Übersicht über bestehende Angebote und Betroffene wissen oft nicht, an wen sie sich wenden können. Hinzu kommt die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, die eine frühzeitige Hilfesuche erschwert.
Partizipation als leitendes Prinzip
Der im Oktober 2025 gegründete Verein «emMENTAL – Netzwerk psychische Gesundheit» will diese Lücke schliessen und in den kommenden drei Jahren ein regional verankertes Angebot aufbauen. Der partizipative Ansatz und der Einbezug der Erfahrung Betroffener bilden dabei das Fundament: Fachpersonen, Betroffene und Angehörige entwickeln gemeinsam einzelne Projekte, die sie auch zusammen umsetzen.
Anita Schürch, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektentwicklerin an der BFH, war bereits während der rund eineinhalbjährigen Entstehungsphase des Vereins aktiv beteiligt. «Im Vorprojekt zeigte sich bei Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen ein grosses Bedürfnis nach mehr Vernetzung – sowohl innerhalb der einzelnen Gruppen als auch untereinander», erklärt sie. Ebenso brauche es für Menschen in belasteten Situationen niederschwellige Zugänge zum Hilfesystem, Begleitung bereits vor Eintritt einer Krise und eine verstärkte Sensibilisierung der Bevölkerung.
Der Verein «emMENTAL» versteht sich als Drehscheibe: Er will vorhandene Ressourcen sichtbarer machen, neue Formate entwickeln und dabei die Perspektive von Menschen mit eigener psychischer Krankheitserfahrung konsequent einbeziehen.
Im Vorprojekt zeigte sich bei Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen ein grosses Bedürfnis nach mehr Vernetzung – sowohl innerhalb der einzelnen Gruppen als auch untereinander.
Erste Angebote gestartet
Seit Anfang Jahr werden nun erste Massnahmen umgesetzt. Dazu gehören:
- Ein Walk-in-Angebot in Langnau, das niederschwellige und kurzzeitige Beratung durch Fachpersonen und Peers ermöglicht,
- Kurse und Bildungsformate für Menschen im Einzugsgebiet Oberes Emmental, die ihre Ressourcen im Umgang mit psychischer Belastung – der eigenen oder bei Personen im Umfeld – stärken möchten,
- Regelmässige Vernetzungstreffen für Fachpersonen zur Förderung der Übersicht und Zusammenarbeit innerhalb der Region sowie
- Aufbau einer Koordinationsstelle und einer digitalen Plattform, die regionale Unterstützungsangebote bündelt und Orientierung schafft.
Die BFH begleitet diesen Aufbau wissenschaftlich. Im Rahmen der Evaluation werden Akzeptanz, Reichweite und Wirksamkeit der Angebote untersucht. Von grossem Interesse sind ebenfalls Fragen, welche die Ausgestaltung des partizipativen Entwicklungsprozesses und die gewählte Strukturierung betreffen.
Für die im Projekt mitwirkenden Peers und Fachpersonen organisiert der Verein punktuelle Weiterbildungen sowie Supervision. «Ein Vorteil ist die gemischte Zusammensetzung der Arbeitsgruppen mit Fachpersonen, Menschen mit eigener Krankheitserfahrung und Angehörigen, sodass komplementäres Wissen zusammenkommt», erklärt Anita Schürch.
Infobox: Was ist «emMENTAL»?
Verein «emMENTAL – Netzwerk für psychische Gesundheit»
Der Verein «emMENTAL» wurde Ende Oktober 2025 von 27 Privatpersonen und einer Organisation gegründet. Die Mitgliedschaft weiterer Institutionen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich ist angestrebt. Eine Geschäftsstelle wird ihre operative Tätigkeit im ersten Halbjahr 2026 aufnehmen.
Zur Umsetzung des auf drei Jahre angelegten Projektes erhält der Verein finanzielle Unterstützung vom Erprobungsfonds der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn sowie von den Stiftungen fondia, Ebnet und Stiftung zur Unterstützung psychisch kranker Menschen im Kanton Bern. Im Laufe der Pilotphase soll sich zeigen, ob und welche Angebote sich bewähren, wie ein Anschlussprojekt gestaltet sein sollte bzw. was sich in den Regelbetrieb integrieren lässt.
Quelle: Zeitungsartikel vom 28. Oktober, Unterer Emmentaler
Forschung und Praxis zeigen, dass niederschwellige Zugänge, Peer-Arbeit und regionale Vernetzung entscheidende Faktoren sind, um Versorgungslücken im psychosozialen Bereich zu schliessen.
Bedeutung für die Region
«Forschung und Praxis zeigen, dass niederschwellige Zugänge, Peer-Arbeit und regionale Vernetzung entscheidende Faktoren sind, um Versorgungslücken im psychosozialen Bereich zu schliessen», betont Anita Schürch. Sollten sich die geplanten Massnahmen bewähren, könnte das Projekt wichtige Impulse in der Region setzen und Wirkung entfalten.
Konkret könnte es für die Region Emmental bedeuten:
- Es wird frühzeitiger Unterstützung bei psychischen Belastungen gesucht, was Krisen zu vermeiden hilft,
- Betroffene, Angehörige und auch Fachpersonen profitieren von der Erfahrung von Peers,
- es entstehen neue Gefässe für kollegialen Austausch, was zu einer besseren Abstimmung von Angeboten führen kann,
- das Thema der psychischen Krankheit verliert etwas von seinem Tabucharakter,
- die breite Bevölkerung bildet Ressourcen im Umgang mit psychischer Belastung.
Langfristig könnte das von der reformierten Kirche angestossene und als gemeinnütziger Verein organisierte Netzwerk «emMENTAL» somit zu einer besseren psychischen Gesundheit und einer höheren Lebensqualität in der Region beitragen.