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Interprofessionell ausgebildet – und doch zurück im Silodenken?
24.03.2026 Viele Studierende starten mit einem starken interprofessionellen Mindset in den Beruf – doch in der Praxis stossen sie oft auf Strukturen, die Zusammenarbeit erschweren. Der Übergang vom Studium in die klinische Realität legt offen, wie gross die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung noch ist – und warum gezielte praxisnahe Ausbildungsformate wichtiger werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Interprofessionelle Kompetenzen werden im Studium systematisch aufgebaut – ihre Umsetzung scheitert jedoch häufig an organisationalen Strukturen in der Praxis.
- Die Theorie-Praxis-Lücke ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Hierarchien, Professionslogiken, fehlender Verzahnung zwischen den Hochschulen und der Praxis sowie Anreiz- und Tarifmechanismen.
- Praxisnahe, interprofessionelle Lehrformate wirken –jedoch nur dann nachhaltig, wenn Ausbildung und Organisation gemeinsam weiterentwickelt werden.
Lara steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Science in Pflege. Während ihres Studiums hat sie sich systematisch interprofessionelle Kompetenzen erarbeitet: Sie kennt Konzepte geteilter Entscheidungsfindung, reflektiert Rollenbilder und hat in interprofessionellen Modulen erlebt, wie koordinierte Teamarbeit die Patientensicherheit erhöht. Für sie ist klar: So will sie arbeiten. Im Berufsalltag folgt dann die Ernüchterung. Abläufe sind nach Berufsgruppen organisiert, Kommunikation verläuft entlang von Hierarchien, gemeinsame Fallbesprechungen sind selten.
Lücke zwischen Theorie und Praxis
Was Lara erlebt, ist ein sogenannter Theory-Practice Gap: Während Studierende im Studium interprofessionelle Kompetenzen erwerben, erleben sie im klinischen Alltag professionszentrierte Silos. Interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) hat sich im Kontext des demografischen Wandels, multimorbider Erkrankungen und zunehmendem Fachkräftemangels als zentrales Konzept verankert. Die koordinierte, zielorientierte Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe soll eine qualitativ hochwertige, sichere und patientenzentrierte Versorgung gewährleisten. Empirische Studien zeigen den Zusammenhang zwischen gelingender IPZ und höherer Patientensicherheit, besserer Teamzufriedenheit sowie effizienterer Ressourcennutzung
Darum nimmt IPZ in der Ausbildung von Studierenden wie Lara eine zunehmend wichtige Stellung ein. Didaktische Formate wie gemeinsame Fallseminare, Simulationstrainings oder interprofessionelle Praxisprojekte werden ausgebaut. Empirische Studien zeigen, dass IPZ positive Effekte auf die Einstellungen, das Wissen und die Selbstwirksamkeitserwartungen von Studierenden hat. Das Problem: Die Übertragung dieser Kompetenzen in die Praxis ist in vielen Versorgungssettings nur begrenzt möglich.
Strukturelle Ursachen für die Lücke
In ihrem Framework for Action on Interprofessional Education and Collaborative Practice beschreibt die World Health Organization (WHO) IPZ als Schlüsselfaktor für eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass IPZ weder selbstverständlich entsteht noch allein durch strukturelle Vorgaben umgesetzt werden kann. Vielmehr ist sie das Ergebnis komplexer Lern-, Kommunikations- und Organisationsprozesse, die sowohl in der Ausbildung als auch im Berufsalltag gezielt zu gestalten sind.
Der Theory–Practice Gap ist also weniger ein individuelles Kompetenzdefizit als ein systemisches Problem. Hochschulen entwickeln kompetenz- und teamorientierte Curricula. Viele Versorgungsorganisationen sind jedoch weiterhin entlang klassischer Professionslogiken strukturiert. Historisch gewachsene Rollenbilder, informelle Machtstrukturen und fehlende Zeitfenster für gemeinsame Reflexion erschweren kooperative Prozesse. Weiter sind Praxisausbildnerinnen und -ausbilder häufig monodisziplinär sozialisiert und verfügen über wenig interprofessionelle Weiterbildung. Hinzu kommen strukturelle Anreiz- und Tarifmechanismen: Wenn Leistungen primär professionsspezifisch und einzeln abgerechnet werden, werden Koordination und gemeinsame Fallarbeit kaum honoriert. Fehlt zudem ein klares Commitment der Führung zur interprofessionellen Zusammenarbeit, bleibt IPZ ein Ausbildungsphänomen ohne nachhaltige organisationale Verankerung.
Interprofessionelle Lehre an der BFH
Am Departement Gesundheit der Berner Fachhochschule entwickeln wir bestehende Lehrformate gezielt weiter. Im Rahmen des neuen Curriculums FLINC werden interprofessionelle Module stärker mit praxisnahen Simulationstrainings verzahnt und gemeinsam mit verschiedenen Berufsgruppen konzipiert. Ziel ist eine realitätsnahe Vorbereitung auf komplexe Versorgungssituationen – getragen von Hochschule und Praxispartnern.
Interprofessionell geschulte Nachwuchskräfte erleben daher häufig einen Rollenkonflikt zwischen erlernten Kooperationsidealen und den realen Handlungsspielräumen. Die Konsequenzen sind Frustration bei den Studierenden über die interprofessionellen Lehrmodule, da sie die Anwendung in der Praxis nicht erleben. Dies führt zu Vorurteilen gegenüber der interprofessionellen Lehre und schwächt ihre transformative Kraft.
Verzahnung von Bildung und Organisation nötig
Interprofessionelle Lehre entfaltet nur dann nachhaltige Wirkung, wenn sie mit organisationalen Entwicklungsprozessen in der Lehre als auch Praxis gekoppelt wird. Darum sollten interprofessionelle Lehrformate gemeinsam mit Praxispartnern entwickelt und angeboten werden: Interprofessionelle Simulationen, Living Labs, kooperative Curriculum-Modelle. Dazu interprofessionell ausgerichtete Lehrpraxen, die Weiterbildungen für Praxisanleiter*innen und Führungskräfte unterstützen.
Interprofessionelle Lehre allein kann bestehende organisationale und kulturelle Barrieren nicht überwinden. Erst im Zusammenspiel von Bildung, Führung, Organisationsentwicklung und Gesundheitspolitik entsteht ein Umfeld, in dem interprofessionelle Kompetenzen tatsächlich gelebt werden können. Angesichts der zunehmenden Komplexität der gesundheitlichen Versorgung ist IPZ kein «Nice-to-have», sondern eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Qualität und Resilienz im Gesundheitssystem. Nur so können Absolvent*innen wie Lara ihr kooperatives Mindset auch in der Praxis anwenden und weiterentwickeln.
Literatur
Professionsentwicklung im Gesundheitswesen
Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.