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Traumatische Geburtserfahrungen verstehen

25.03.2026 Was wird unter der Geburt als respektlos oder gewaltvoll erlebt – und warum gehen die Wahrnehmungen von Frauen und Fachpersonen oft auseinander? Die Hebammen Doris Müller und Anja Schlenker forschen zu traumatischen Geburtserfahrungen und sprechen über Verantwortung und Selbstreflexion.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Projekt «Traumatische Geburtserfahrungen» untersucht, wie Frauen und Fachpersonen Respektlosigkeit und Gewalt unter der Geburt wahrnehmen und wo sich ihre Perspektiven unterscheiden.

  • Es wird erforscht, welche Faktoren im geburtshilflichen Kontext zur Entwicklung von posttraumatischen Belastungsstörungen oder postpartalen Depressionen beitragen.

  • Ziel ist es, eine respektvolle und verantwortungsvolle Geburtshilfe zu stärken.

Welche Forschungslücke möchten Sie mit Ihrem Projekt «Traumatische Geburtserfahrungen» schliessen?

Doris Müller: Die Begrifflichkeit und die gesellschaftliche Debatte rund um Respektlosigkeit und Gewalt unter der Geburt sind kontrovers. Entsprechend wichtig ist ein Verständnis dafür, was Frauen und Fachpersonen darunter verstehen. Im Schweizer Kontext fehlen bislang systematische Untersuchungen, die die Sicht der Fachpersonen einbeziehen. 

 

Anja Schlenker: Wir möchten Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmung von Respektlosigkeit und Gewalt unter der Geburt identifizieren. Zudem untersuchen wir, welche beinflussbaren Faktoren im geburtshilflichen Kontext zur Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung beitragen.
 

Anja Schlenker und Doris Müller im Gespräch
Anja Schlenker (links) und Doris Müller im Gespräch.

Die Definition von Geburtstrauma variiert stark. Wie definieren Sie den Begriff?

Schlenker: Geburten werden häufig dann als traumatisch bezeichnet, wenn Frauen sie subjektiv als überwältigend und belastend erlebt haben. Diese rein erfahrungsbasierte Definition ist nachvollziehbar, erschwert es jedoch, die Gründe für diese Geburtstraumata systematisch zu untersuchen. Zudem wird der Begriff des Geburtstraumas auch für Geburten verwendet, in denen Gewalt ausgeübt wurde, ohne dass der Begriff Gewalt explizit verwendet wird. Deshalb möchten wir untersuchen, welche kurz- und langfristigen negativen Auswirkungen das Geburtserlebnis auf Gesundheit und Wohlbefinden hat und welche Rolle dabei Respektlosigkeit und Gewalt unter der Geburt spielen.

Was für Fachpersonen Routine ist, ist für Gebärende eine Ausnahmesituation. Sie bewerten die Situation primär aus ihrer körperlichen und emotionalen Erfahrung heraus, Fachpersonen aus ihrer medizinischen Verantwortung.

  • Doris Müller wissenschaftliche Mitarbeiterin BFH

Wie erklären Sie sich die unterschiedliche Wahrnehmung von Fachpersonen und Gebärenden?

Schlenker: Durch Ausbildung, Erfahrung und Fachwissen gibt es ein Machtgefälle zwischen Fachpersonen und Gebärenden. Die Gebärenden befinden sich allein wegen der veränderten Hormone in einer vulnerablen Situation. Es gilt also, anzuerkennen, dass sich die Wahrnehmungen schon aufgrund dieser beiden Tatsachen unterscheiden können.

 

Müller: In dieser vulnerablen Lage fällt es vielen Frauen schwer, Bedürfnisse klar zu formulieren, Entscheidungen aktiv einzufordern oder Grenzen zu setzen. Für Fachpersonen bedeutet das, das Machtgefälle wahrzunehmen und ihr Handeln daran auszurichten. Was für sie Routine ist, ist für Gebärende eine Ausnahmesituation. Sie bewerten die Situation primär aus ihrer körperlichen und emotionalen Erfahrung heraus, Fachpersonen aus ihrer medizinischen Verantwortung.
 

Kurzporträt: Doris Müller und Anja Schlenker

Doris Müller

Verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung als Hebamme, unter anderem an den Universitätsspitälern Basel und Zürich sowie im Rahmen eines Einsatzes mit «Ärzte ohne Grenzen» in der Elfenbeinküste. Aktuell ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der BFH tätig. Sie ist Mutter von zwei Kindern im Teenageralter.

Anja Schlenker

Seit 2019 Hebamme am Universitätsklinikum Leipzig (D) und Traumatherapeutin in eigener Praxis. Im Rahmen ihres Masterstudium an der BFH hat sie Einblicke in ein APM-geleitetes interprofessionelles Versorgungsmodell für perinatale psychische Gesundheit am Rotunda Hospital in Dublin, Irland, gewonnen. Aktuell ist sie Doktorandin an der BFH. Sie ist Mutter von drei Kindern.

Haben Sie Situationen erlebt, in denen sich Wahrnehmungen deutlich unterschieden haben?

Müller: Ja, immer mal wieder. Ich habe Geburten erlebt, die ich als «wunderschön» und fachlich gut begleitet empfand, bei denen Frauen im Nachhinein dennoch enttäuscht oder traumatisiert waren. Und umgekehrt Situationen, die aus professioneller Sicht hochproblematisch waren, die Frauen jedoch positiv bewerteten. Dies zeigt, wie individuell Geburt erlebt wird.
 

Erfreulicherweise zeigt sich insgesamt ein Wandel: Die besondere Vulnerabilität der Gebärenden wird stärker anerkannt, Automatismen werden hinterfragt und eine respektvolle Kommunikation innerhalb der gegebenen Grenzen gefördert.

  • Anja Schlenker Doktorandin BFH

Wie präsent ist das Thema Geburtstrauma im Berufsalltag?

Schlenker: Durch die öffentliche Debatte und die Sensibilisierung der Frauen ist das Thema viel präsenter geworden. Ich erlebe im Gebärsaal oft eine gewisse Rat- und Hilflosigkeit bei Fachpersonen, gerade wenn sie nach ihrer Einschätzung alles Mögliche versucht haben und selbst an ihre Belastungsgrenzen stossen. Erfreulicherweise zeigt sich insgesamt ein Wandel: Die besondere Vulnerabilität der Gebärenden wird stärker anerkannt, Automatismen werden hinterfragt und eine respektvolle Kommunikation innerhalb der gegebenen Grenzen gefördert.

 

Müller: Zugleich ist der geburtshilfliche Alltag von Routinen, Zeitdruck und strukturellen Vorgaben geprägt. Viele potenziell belastende Situationen werden im Detail erlebt und individuell wahrgenommen, sodass sie im beruflichen Handeln nicht immer als problematisch oder respektlos erkannt werden. Auch wenn die Sensibilisierung zugenommen hat, erlebe ich Unsicherheit und auch Abwehr im Umgang mit dem Thema. Eine oft polarisierte Berichterstattung erschwert zudem den differenzierten Austausch und nachhaltige Bewusstseinsbildung.
 

Anja Schlenker und Doris Müller
Forschen für die Entwicklung der Profession Hebamme: Doris Müller (links) und Anja Schlenker.

Sie untersuchen auch, ob und wie Übergriffe während der Geburt zu posttraumatischen Belastungsstörungen beitragen. Wie gehen Sie dabei vor?

Schlenker: Wir führen eine prospektive Längsschnittstudie durch und begleiten die Teilnehmenden über 16 Monate, von der späten Schwangerschaft bis ein Jahr nach der Geburt. Zu vier Zeitpunkten erfassen wir mit standardisierten Fragebögen, ob erlebte Respektlosigkeit oder Gewalt unter der Geburt zur Entwicklung von posttraumatischen Belastungsstörungen oder postpartalen Depressionen beiträgt. Dabei berücksichtigen wir weitere perinatale Faktoren, um Zusammenhänge zwischen Geburtserleben und psychischer Gesundheit sichtbar zu machen.

Teilnehmer*innen gesucht

Teilnehmer*innen gesucht für Fokusgruppen: Wahrnehmung von Respektlosigkeit und Gewalt unter der Geburt

Respektlosigkeit und Gewalt unter der Geburt sind viel diskutiert – oft aber ohne gemeinsames Begriffsverständnis. Wir erforschen, wie Mütter und Fachpersonen den Begriff verstehen und welche Verhaltensweisen sie als unangemessen empfinden. Dafür suchen wir Mütter und Gesundheitsfachpersonen für separate Fokusgruppendiskussionen. Sind Sie interessiert?

Sie setzen sich mit einem Thema auseinander, das die eigene Profession kritisch beleuchtet. Warum?

Schlenker: Ich sehe es als Teil meiner professionellen Integrität, auch schwierige Themen zur Weiterentwicklung der Geburtshilfe aufzugreifen – auch wenn das nicht immer auf Zustimmung stösst. 

 

Müller: Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verantwortung. Professionelles Handeln umfasst auch widersprüchliche und schwierige Aspekte. Diese zu reflektieren, stärkt eine verantwortungsvolle Berufspraxis. 

Welche Veränderungen erhoffen Sie sich für Praxis und Ausbildung? 

Müller: Bereits in der Vorsorge sollte die Gesundheitskompetenz und das Vertrauen in den eigenen Körper gestärkt werden. Das ermöglicht informierte, weniger angstgeprägte Entscheidungen und fördert das psychische Wohlbefinden. Ergänzend braucht es strukturierte Nachgespräche, mehr Kommunikationsschulungen und eine offene Thematisierung von Macht, Respekt und Gewalt in Ausbildung und Praxis.

 

Schlenker: Eine Weiterentwicklung der Geburtshilfe würde sich in Geburtsräumen zeigen, in denen sich Menschen mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen – unabhängig vom Geburtsmodus. Dafür braucht es ein Vergütungssystem, das die Unplanbarkeit von Geburten anerkennt und nicht von Knappheit geprägt ist.

Professionsentwicklung im Gesundheitswesen 

Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.

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