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Wie gut ist meine vegane Ernährung? Ein neuer Screener liefert Antworten

08.01.2026 Vegan zu essen liegt im Trend – besonders im Veganuary. Doch wie erkennt man, ob die Ernährung ausgewogen ist? Mithilfe des neu entwickelten VEGANScreeners lässt sich die Qualität der eigenen veganen Ernährung beurteilen. Leonie-Helen Bogl, Projektleiterin und Dozentin an der BFH, erklärt im Interview, was das Tool kann und für wen es gedacht ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein neues, von der BFH mitentwickeltes Tool misst die Qualität der eigenen veganen Ernährung. 

  • Der VEGANScreener weist auf die kritischen Nährstoffe hin und gibt Empfehlungen für die Optimierung der veganen Ernährung.

  • Der Screener wird aktuell weiterentwickelt, digital ausgebaut und bildet die Grundlage für mehrere laufende und zukünftige Forschungsprojekte.

Leonie-Helen Bogl, Sie haben zusammen mit einem internationalen Forschungsteam den VEGANScreener entwickelt. Aus welcher Notwendigkeit heraus ist dies passiert?

Leonie-Helen Bogl: In Europa nimmt das Interesse an veganen und pflanzenbasierten Ernährungsformen kontinuierlich zu. Die Menschen werden dabei von ökologischen, gesundheitlichen und ethischen Überlegungen motiviert. Gleichzeitig ist bekannt, dass eine vegane Ernährung – wie jede andere Ernährungsform auch – sehr unterschiedlich zusammengesetzt sein kann. Eine vegane Ernährung kann gesundheitsförderlich sein, wenn sie vielfältig und nährstoffreich gestaltet ist. Sie kann aber auch ungünstige Muster aufweisen, wenn etwa stark verarbeitete Produkte dominieren oder wichtige Nährstoffe nicht ausreichend berücksichtigt werden. 

Welche Lücke schliesst das Tool im Vergleich zu bisherigen Fragebögen?

Trotz der zunehmenden Verbreitung veganer Ernährungsweisen standen bisher keine validierten und praxisnahen Instrumente zur Verfügung, die speziell dafür entwickelt wurden, die Qualität veganer Ernährung zu erfassen. Bestehende Fragebögen wurden in der Regel für die Allgemeinbevölkerung entwickelt und berücksichtigen vegane Besonderheiten wie pflanzliche Milchalternativen, Fleischalternativen, Algenprodukte oder calciumreiche Mineralwässer nicht.

Screenshot vom VEGANScreener
So startet die Befragung des VEGANScreeners aktuell. Die Web-App ist vor allem für die Nutzung am Desktop geeignet.

Was waren die grössten Herausforderungen bei der Entwicklung des Screener-Tools?

Die grösste Herausforderung war tatsächlich die Auswahl der richtigen Fragen. Vegane Ernährung ist sehr vielfältig, und wir wollten sowohl die gesunden Aspekte als auch die potenziellen Risiken erfassen. Gleichzeitig darf ein Screener nicht zu lang werden, da er sonst seinen Zweck verliert. Dafür war viel Feinarbeit und der Austausch mit internationalen Expert*innen nötig. Auch die Validierung war sehr anspruchsvoll: Um die Aussagekraft des Screeners zu prüfen, mussten wir die Ernährungsprotokolle auswerten und dafür eine eigene Datenbank für vegane Lebensmittel aufbauen, da viele pflanzliche Alternativprodukte in bestehenden Nährwertdatenbanken gar nicht enthalten sind. Schliesslich wollten wir den Screener auch digital zugänglich machen. Wir haben eine erste Webversion entwickelt, dieser Teil ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Wir werden die Nutzungsfreundlichkeit jetzt systematisch evaluieren und die Anwendung basierend auf dem Feedback von Nutzer*innen weiterentwickeln.

 

«Wir sehen, dass die Ergebnisse des Screener-Score sehr gut mit dem übereinstimmen, was in den Ernährungsprotokollen angegeben worden ist.»

  • Dr. Prof. Leonie-Helen Bogl Projektleiterin und Dozentin BFH

Infobox: VEGANScreener

VEGANScreener - kurz erklärt

Der VEGANScreener ist ein wissenschaftlich entwickelter Fragebogen zur Einschätzung der Qualität einer veganen Ernährung. In etwa 5 bis 10 Minuten werden Essgewohnheiten abgefragt und ausgewertet. Nutzer*innen erhalten eine Übersicht über ihre Ernährung, Rückmeldungen zu einzelnen Bereichen sowie Hinweise auf mögliche Verbesserungspotenziale. Die Ergebnisse können gespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt erneut eingesehen werden, um Veränderungen nachzuverfolgen. 

Für die Validierung haben Sie 400 Veganer*innen aus den Ländern Belgien, Tschechien, Deutschland, Spanien und der Schweiz rekrutiert. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gezogen?

Wir sehen, dass die Ergebnisse des Screener-Score sehr gut mit dem übereinstimmen, was in den Ernährungsprotokollen angegeben worden ist. Heisst, der Screener-Score bildet gut ab, was Menschen tatsächlich essen. Personen mit einem hohen Score nehmen laut ihren Essaufzeichnungen auch mehr wichtige Nährstoffe zu sich. Das betrifft vor allem die Aufnahme von Gesamtprotein und Nahrungsfasern – zwei zentrale Merkmale einer ausgewogenen pflanzenbasierten Ernährung. Auch Nährstoffe, auf die man bei einer veganen Ernährung oft besonders achten muss – wie Tryphtopan, Lysin und Methionin sowie die Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA – werden durch den Screener gut abgebildet. Zudem sehen wir starke Zusammenhänge mit allen Mikronährstoffen, bei denen Veganer*innen potenziell ein erhöhtes Risiko an Unterversorgung haben, zum Beispiel Calcium, Zink, Eisen, Vitamin B12, Jod, Vitamin D und Selen. Dies zeigt, dass der Screener nicht nur das allgemeine Ernährungsverhalten gut erfasst, sondern auch Hinweise darauf gibt, wie gut die Versorgung mit kritischen Nährstoffen ist. Aktuell untersuchen wir, ob diese Ergebnisse auch mit Blutwerten übereinstimmen. Das ist ein wichtiger nächster Schritt, um die Aussagekraft des Fragebogens weiter zu bestätigen.

Ergebnisse des VEGANScreeners mit Ampelsystem
Am Ende der Befragung erhält man den eigenen Score in Form eines Ampelsystems. Aufgrund des Logins kann die Befragung nach Belieben wiederholt und der Score durch veränderte Ernährung verbessert werden.

Inwiefern unterscheidet sich der Screener von anderen Ernährungs-Checklisten?

Der VEGANScreener unterscheidet sich vor allem dadurch, dass er speziell für die vegane Ernährung entwickelt und validiert wurde. Die meisten bestehenden Checklisten richten sich an die Allgemeinbevölkerung.

Ist der Screener also ausschliesslich für Personen sinnvoll, die sich vegan ernähren oder auch für Menschen, die sich vegetarisch ernähren oder Fleisch essen?

Für vegetarische oder omnivore Ernährungsweisen ist er nicht geeignet, weil viele Fragen und Bewertungskriterien genau auf vegane Lebensmittelgruppen abgestimmt sind. Ein einfaches Beispiel: Für Personen, die Milchprodukte konsumieren, spielt der Verzehr von calciumreichem Gemüse oder mineralstoffreichem Mineralwasser eine deutlich geringere Rolle, weil ihr Calciumbedarf anders gedeckt wird. Bei veganer Ernährung sind solche Lebensmittel dagegen zentral und genau darauf ist der Screener ausgerichtet. Sinnvoll ist er jedoch für Personen, die sich in Richtung einer veganen Ernährung entwickeln wollen, also im Übergang sind und ihre Ernährungsqualität verbessern möchten. Sie bekommen damit eine klare Orientierung, worauf es bei einer gut geplanten veganen Ernährung ankommt. Fachpersonen können den Screener ebenfalls nutzen, etwa Ernährungsberater*innen und weitere Gesundheitsfachpersonen.

 

«Der Screener zeigt sehr klar, wie gut die eigene vegane Ernährung umgesetzt wird und liefert personalisiertes Feedback.»

  • Dr. Prof. Leonie-Helen Bogl Projektleiterin und Dozentin BFH
Übersicht VEGANScreener Bild vergrössern
Nutzende erhalten im Web-Tool spezifische Tipps, wie sie die eigene vegane Ernährung nährstoffreich gestalten können.

Was können die Nutzer*innen aus Ergebnissen des Screeners ableiten?

Der Screener zeigt sehr klar, wie gut die eigene vegane Ernährung umgesetzt wird und liefert personalisiertes Feedback. Nutzer*innen erhalten einen Gesamtscore, Rückmeldungen zu den einzelnen Lebensmittelgruppen und eine item-spezifische Bewertung im Ampelformat. Damit wird sofort sichtbar, welche Bereiche gut funktionieren und wo es noch Optimierungspotenzial gibt.

Sind Weiterentwicklungen des Screeners geplant? Sind Folgestudien daraus entstanden?

Wir entwickeln den Screener weiter und unser Ziel ist, dass er von der breiten Öffentlichkeit noch einfacher genutzt werden kann, z.B. in Form einer mobilen App. Wir werden nun die Nutzungsfreundlichkeit der ersten webbasierten Version evaluieren und das Tool entsprechend verbessern. Aus dem Projekt sind zudem wichtige Folgearbeiten entstanden. Wir haben mit dem tschechischen Start-Up Nutrixo zusammengearbeitet, das eine KI-gestützte Ernährungsplattform entwickelt. Gemeinsam konnten wir eine der grössten veganen Lebensmitteldatenbanken Europas aufbauen, mit mehreren hundert neuen pflanzlichen Lebensmitteln, Rezepten und Supplementen. Wir verfügen ausserdem über Daten von rund 400 vegan lebenden Personen und einer omnivoren Kontrollgruppe aus mehreren europäischen Ländern. Im von SNF-finanzierten Folgeprojekt «Fermbone» untersuchen wir die Knochengesundheit der vegan lebenden Personen im Vergleich zur omnivoren Kontrollgruppe.

 

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