Geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland

Die aktuelle geburtshilfliche Versorgungssituation im Berner Oberland soll durch die Entwicklung von innovativen Angeboten verbessert werden.

Steckbrief

Ausgangslage

Die geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland hat sich durch die Schliessung mehrerer geburtshilflicher Abteilungen deutlich verändert. Mit dem Wegfall wohnortsnaher Geburtsmöglichkeiten sowie prä- und postnataler Betreuungsangebote sind die Versorgungsstrukturen fragmentierter und lückenhafter geworden. Dies bedeutet für werdende Familien längere Anfahrtswege und eingeschränkte Wahlmöglichkeiten. Besonders Familien in ländlichen Regionen sind durch die Veränderungen belastet, da reduzierte lokale Angebote zu einer erschwerten Zugänglichkeit von Leistungen, einer höheren Alltagsbelastung und zusätzlichen Kosten führen.

Lange Anfahrtswege können bei Gebärenden Unsicherheiten verstärken. Studien zeigen zudem, dass Fahrzeiten von mehr als 30 Minuten mit erhöhten Risiken für Mutter und Kind sowie mit einer Zunahme ungeplanter ausserklinischer Geburten verbunden sind. Dies unterstreicht die Notwendigkeit wohnortsnaher Anlaufstellen, die Sicherheit bieten und eine Erstversorgung ermöglichen. Zudem zeigt sich, dass der Abbau lokaler Infrastrukturen die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Berufsgruppen erschwert, da Übergänge und Kommunikationsprozesse komplexer werden.

Es besteht ein dringender Bedarf an innovativen, kosteneffizienten Versorgungskonzepten für das Berner Oberland, die die gesamte Phase von der Schwangerschaft über die Geburt bis ins Wochenbett abdecken. Damit soll eine kontinuierliche, qualitativ hochwertige und wohnortnahe Versorgung ermöglicht werden, welche Risiken reduziert und die Bedürfnisse von Familien und Fachpersonen berücksichtigt.

Geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland

Ziele

Ziel des Projekts ist es, Konzepte für eine zukünftige, bedarfsorientierte und koordinierte Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu entwickeln. Dabei werden insbesondere folgende Aspekte berücksichtigt:

Bedürfnisorientierung

Die Anliegen von Familien, Fachpersonen und Vertretenden der Gemeinden werden systematisch einbezogen, um Versorgungsmodelle zu entwickeln, die den realen Bedürfnissen entsprechen und eine hohe Akzeptanz finden.

Sicherstellung einer integrierten und wohnortnahen Versorgungsstruktur

Es sollen nachhaltige Konzepte entstehen, die eine qualitativ hochwertige Betreuung in der Phase rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gewähren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Verbesserung von Schnittstellen sowie der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen, bereits bestehenden Angeboten.

Kostenbewusstsein und Effizienz

Es werden realisierbare Lösungen im bestehenden Rahmen erarbeitet, die für das Gesundheitssystem langfristig wirtschaftlich tragfähig sind.

Vorgehen

Um diese Ziele zu erreichen, werden quantitative und qualitative Methoden eingesetzt. Die Entwicklung von Konzepten für die zukünftige geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland erfordert ein strukturiertes Vorgehen in mehreren Schritten sowie eine gut erforschte Grundlage. Aus diesem Grund sind die folgenden Arbeitspakete geplant:

  1. Analyse von Versorgungsangeboten und demografischen Daten:
    Angebote rund um Schwangerschaft, Geburt und die Postpartalzeit sowie deren Nutzung und räumliche Zugänglichkeit werden systematisch erhoben. Ziel ist es, einen möglichst vollständigen Überblick über bestehende Angebote und Leistungen zu gewinnen und Versorgungslücken zu identifizieren. Die Daten werden deskriptiv ausgewertet. Die Standorte von Institutionen und Leistungserbringern werden visuell dargestellt, und Anfahrtszeiten werden anhand vordefinierter Fallbeispiele analysiert..
  2. Interviews und Stakeholder-Dialog:
    Es werden Expert*inneninterviews, Fokusgruppeninterviews mit unterschiedlichen Leistungserbringern sowie halbstrukturierte Interviews und Fokusgruppengespräche mit Frauen und Familien durchgeführt. Zusätzlich findet ein Workshop mit allen relevanten Stakeholdern in Form eines World-Cafés statt. Unter Einbezug der Bedürfnisse aller relevanten Akteurinnen werden Ideen für mögliche neue Versorgungskonzepte entwickelt. Die Daten werden mittels Inhaltsanalyse ausgewertet.
  3. Wissenschaftliche Grundlage:
    Internationale geburtshilfliche Versorgungsmodelle in ländlichen Regionen werden untersucht, um daraus Erkenntnisse und Impulse für die Entwicklung bedarfsgerechter Varianten der geburtshilflichen Versorgung im Berner Oberland zu gewinnen. Zu diesem Zweck wird ein Scoping Review mit einer breiten Suchstrategie durchgeführt.
  4. Kostenvergleichsanalyse:
    Darüber hinaus wird die finanzielle Tragbarkeit der vorgeschlagenen Versorgungsmodelle untersucht. Hierzu wird eine Kostenvergleichsanalyse auf der Grundlage medizinischer Kosten und Tarife (DRG, Tarmed) sowie von Informationen der beteiligten Institutionen durchgeführt. 
  5. Abschlussbericht:
    Die gewonnenen Erkenntnisse sowie die entwickelten Konzepte werden in einem Abschlussbericht zusammengeführt und dargestellt.
  6. Planung der Umsetzung und Evaluation:
    In einem weiteren Schritt kann die Umsetzung der entwickelten Versorgungskonzepte geplant und eine Begleitevaluation konzipiert werden.

Ergebnisse

Die Darstellung der aktuellen Versorgungssituation und ihrer Lücken, Expert*inneninterviews sowie Interviews mit Familien in abgelegenen Regionen und eine Literaturübersicht zu Lösungsansätzen im internationalen Kontext bilden eine Grundlage für die Entwicklung innovativer Versorgungsmodelle für das Berner Oberland.

Es wird davon ausgegangen, dass bestehende Strukturen vielerorts durch zusätzliche Angebote ergänzt werden können. Dadurch können wohnortnahe Anlaufstellen bei Unsicherheiten oder in Notfallsituationen geschaffen werden, die sowohl die Zufriedenheit der Familien erhöhen als auch eine zeitgerechte Versorgung in Notfällen sicherstellen. Auf diese Weise kann eine fundierte Grundlage geschaffen werden, um die Versorgungslage im Berner Oberland langfristig zu verbessern. Vor diesem Hintergrund gewinnen ländliche und abgelegene Wohnregionen an Attraktivität.

Projektpartner