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«Es gibt viele Fragen, die man sich bei öffentlichen Beschaffungen stellen kann und soll»
14.01.2026 Ob Kakao, Kupfer oder Kobalt: Herr und Frau Schweizer und die öffentliche Hand kaufen fast täglich Produkte aus Rohstoffen, die nicht in der Schweiz abgebaut werden. Im Gespräch mit Robert Bachmann von Public Eye sprechen wir in der heutigen Folge über die Herausforderungen der nachhaltigen Beschaffung von Mineralien aus der DR Kongo.
Über den Gast
Robert Bachmann ist politischer Analyst und Rohstoffexperte bei Public Eye. Er hat Politikwissenschaft und russische Literatur studiert in Zürich und St. Petersburg und war nach dem Studium lange für das Eidgenössische Departement für Auswärtiges (EDA) tätig, in Bern, der Ukraine und in der Demokratische Republik Kongo. Bei Public Eye setzt er sich unter anderem für den fairen Handel mit Rohstoffen und für die Bekämpfung von Korruption, Geldwäscherei und deren Folgen ein.
Rika Koch: Hallo Robert, schön dass du bei uns im Podcast bist! Wir haben uns vor über 20 Jahre an der Uni kennengelernt, im Polito-Bachelor. Danach hast du in Russland studiert und warst dann auch lange fürs EDA in der Ukraine – und dann habe ich plötzlich gehört du seist in der Demokratischen Republik Kongo? Wie kamst du in den Kongo – und darf ich überhaupt «Kongo» sagen oder welche Länder unterscheiden wir da?
Robert Bachmann: Ja das stimmt, ich hatte schon an der Universität Zürich Russisch im Nebenfach, die Gegend hat mich immer interessiert. Meinen Master habe ich in Russland gemacht und nach dem Studium dann auch viel zur Ukraine gearbeitet. In der DR Kongo war ich, weil meine Partnerin dorthin versetzt wurde. Als dann im EDA der eigentlich gleiche Job frei wurde, den ich auch in der Ukraine innehatte, war das ein Glücksfall. Ich war dann gut zwei Jahre im Kongo an der Schweizer Botschaft in Kinshasa. Dort hatte ich viel mit Rohstoffabbau zu tun. Besonders mit der Frage, was dieser für die globalen Lieferketten bedeutet, die oft im Kongo beginnen und auch oft in der Schweiz enden.
Und ja, es gibt zwei Kongos. Die DR Kongo, mit der Hauptstadt Kinshasa (deshalb oft auch Kongo Kinshasa genannt) und dann gibt es die Republik Kongo, deren Hauptstadt Brazzaville ist. Die DR Kongo ist ein sehr grosses Land, etwa so gross wie Westeuropa. Oft meint man die DR Kongo wenn man einfach nur «Kongo» sagt.
Lara Biehl: Du warst von 2018-2020 in der Demokratischen Republik Kongo? Wie sieht die Situation heute aus?
Robert: In den letzten zwei bis drei Jahren ist die Sicherheitssituation definitiv schlechter geworden, vor allem im Osten des Landes. Dort hat die Rebellengruppe M23 viele Städte besetzt.[1] Und auch sonst ist die Lage schwierig, gerade wirtschaftlich. Es wird ein grosser Effort geleistet, um die Wirtschaft im Land in die Gänge zu bringen und der Bevölkerung Einkommensquellen zu erschliessen. Aber es ist gibt viele Gründe, wieso das schwierig ist und der Rohstoffreichtum ist einer davon.
Rika: Was ist eigentlich die Rolle der Schweiz im weltweiten Rohstoffhandel?
Robert: Da haben wir zwei Berührungspunkte: Einerseits konsumieren wir Produkte aus Rohstoffen, seien es Kakao, Erdöl oder eben Kupfer oder Kobalt. Diese stammen aus allen möglichen Ländern, aber eben oft auch aus der DR Kongo. Andererseits haben wir eine indirekte Rolle als weltweit grösster Rohstoffhandelsplatz. Es werden ca. ein Viertel aller Rohstoffe über Schweizer Unternehmen gehandelt. Nicht dass die Rohstoffe je physisch in die Schweiz kommen – aber Schweizer Firmen kaufen die Rohstoffe im Land A und verkaufen diese im Land B, organisieren den Handel, setzen Preise fest. Mehr und mehr besitzen sie auch selbst die Minen, deren Rohstoffe sie dann handeln. Man spricht in diesem Kontext von «vertikal integriert». Auf jeden Fall generieren diese Rohstofffirmen viel Einkommen und tragen massgeblich zum Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz bei.
Rika: Das heisst einerseits sind wir als Konsument*innen von Alltagsprodukten betroffen, andererseits aber auch, weil grosse Konzerne mit Sitz in Zürich, Genf oder Zug hier diese Rohstoffe an Kundinnen im Ausland vermitteln.
Robert: Ja, in letzter Zeit hat auch die Nachfrage an Produkten für die Elektromobilität stark zugenommen. In erster Linie geht es hier um Batterien und elektronische Geräte, für die z.B. in der DR Kongo Kupfer oder Kobalt gewonnen werden. Die Kunden, Lieferanten wie die grossen Autohersteller oder Apple verkaufen die Produkte dann an die Endkonsument*innen. Denen ist die Rolle der Schweizer Rohstofffirmen wenig bewusst, sie kommen ja nicht nur mit den Lieferanten in Kontakt.
Einerseits sind wir als Konsument*innen von Alltagsprodukten betroffen, andererseits aber auch, weil grosse Konzerne mit Sitz in Zürich, Genf oder Zug diese Rohstoffe an Kundinnen im Ausland vermitteln.
Lara: Die Minen der Rohstofffirmen werden, wie du sagst, industriell betrieben und sind gross. Aber es gibt im Land ja auch die Kleinbergbau-Betriebe. Kaufen die Autohersteller oder Apple auch von diesen kleinen Minen?
Robert: Der Kongo ist ein riesiges Land, entsprechend gibt es verschiedene Abbauregionen mit unterschiedlichen Kontexten. Im Süden haben wir den sog. «Kupfergürtel». Dort sind die weltweit grössten Vorkommen an Kupfer und Kobalt und dort besitzen auch Schweizer Unternehmen wie Glencore Minen. In diesen industriellen Minen bauen sie im grossen Stil ab, mit riesigen Baggern und Muldenkippern. Und dann gibt es aber auch lokal betriebene Minen, in denen Kongoles*innen auf eigene Faust in der Erde graben, um das Material zu fördern. Das ist dann der «handwerkliche Bergbau». Und dann gibt es im Osten des Landes – an der Grenze zu Ruanda, Uganda und Burundi – den Rohstoffabbau, den man mit «Konfliktmineralien» in Verbindung bringt. Dort herrschen seit 30 Jahren Konflikte, bei denen die Rohstoffe eine Rolle spielen, und die humanitäre Lage dort ist sehr prekär. Das sind zwei verschiedene Kontexte, die man differenzieren muss.
Rika: Ich verstehe erst jetzt richtig, dass es diese verschiedenen Kontexte gibt: Der Osten, wo Konflikte vorherrschen (von «Konfliktmineralien» haben wir ja in der Folge vom 14. November 2025 gesprochen) und der Süden, wo «konfliktfrei» auch Mineralien gefördert werden.
Lara: Ja genau, wir haben ja nicht nur eine Sorgfaltspflicht, wenn wir wissen, dass die Mineralien aus dem Osten kommen. Wenn die Mineralien aus dem Süden kommen, heisst das nicht automatisch, dass der Abbau der Mineralien nicht auch mit menschenrechtlichen Herausforderungen einhergeht.
Robert: Ja genau. «Konfliktmineralien» ist ein gesetzlich eng definierter Bereich.[2] Wenn man sich um Nachhaltigkeit auf allen drei Ebenen bemüht, gerade im Beschaffungswesen, ist es wichtig, darüber hinaus auch zu beachten: Was verdienen die Menschen, die diese Rohstoffe abbauen? Unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Wie viel vom Gewinn der Wertschöpfung kommt ihnen zugute und wie viel landet bei uns in der Schweiz? Es geht aber auch um Umweltfragen: Wird das Wasser beim Abbau verschmutzt? Unter welchen negativen Umwelteinflüssen leben die Leute rund um die Minen? Es gibt viele Fragen, die man sich bei öffentlichen Beschaffungen stellen kann und soll.
Lara: Das ist ein wichtiger Punkt, der auch zeigt, dass die ökologische und die soziale Nachhaltigkeit zusammenhängen. Gerade auch, weil ein paar Schweizer Unternehmen mit der Verpestung von Flüssen etc. in Zusammenhang gebracht werden
Robert: Ja, das hängt zusammen. Um nochmals zurück zum Thema «Konfliktmineralien» zu kommen: Im Süden des Landes, geht es nicht um die Konflikte zwischen Rebellengruppen, Militär und Nachbarstaaten. Der Süden ist hunderte von Kilometer von den Konflikten entfernt. Dort herrschen ganz andere Fragen. Dort geht es zum Beispiel darum: Wie geht eine Schweizer Firma damit um, dass neben ihrer Mine zehntausende Kongolesinnen und Kongolesen auch in der Erde graben und versuchen, etwas vom Kuchen des Rohstoffreichtums ihres Landes abzubekommen? Vor kurzem haben hunderte Menschen eine industrielle Kupfer- und Kobalt-Mine gestürmt. Es kam zu einem Schusswechsel mit Soldaten und einer Massenpanik, die zum Einsturz einer Brücke und schliesslich zum Tod von über 30 Menschen geführt hat.[3]
Für die Konsument*innen ist es am Schluss der globalen Produktionskette nicht ersichtlich, ob es ein Bagger oder ein Mensch war, der die Rohstoffe gefördert hat und unter welchen Bedingungen das Produkt hergestellt wurde. Aber für die Menschen vor Ort macht das einen grossen Unterschied.
Darauf zu schauen, dass die Menschen im handwerklichen Bergbau zu legalen Konditionen arbeiten können und ihre Mineralien zu einem fairen Preis in die globale Produktionskette einzubauen, wäre der richtige Ansatz.
Rika: Was müsste oder könnte eine Beschaffungsstelle machen, um an diesem Strick zu ziehen? Gibt es da ein Label, das man bei Ausschreibungen einfordern könnte?
Robert: Da gibt es leider nicht das eine Label oder Zertifikat, das man kaufen könnte, das alles abdecken würde. Es gibt hier zwei verschiedene Trends. Das eine sind die freiwilligen Verpflichtungen aus der Industrie. Der andere Trend ist, dass man sagt, es soll ein Minimum an gesetzlich verbindlichen Richtlinien eingehalten werden. Diese Richtlinien gibt es, sie sind einfach nicht verbindlich. Als Beschafferin oder Beschaffer kann und soll man sich für das Thema interessieren und einfach mal nachfragen: Wie sieht es bei euch aus mit Lieferketten? Was wisst ihr darüber, woher die Rohstoffe kommen? Was könnt ihr zur Frage der Konfliktmineralien oder zu der sozialen Nachhaltigkeit wie zum Beispiel dem Risiko der Kinderarbeit sagen? Der erste Schritt ist also das Interesse und das hat dann zur Folge, dass sich die Zulieferer auch dafür interessieren. Jeder Beschaffer und jede Beschafferin, die sich für diese Themen interessieren und nachfragen, ist sehr wertvoll.
Rika: Lara hat bei der Recherche auch eine Beschaffung der HSG gefunden, die genau das gemacht haben. Sie haben einen Fragebogen mitgegeben, den man beantworten musste.
Lara: Ja genau, die HSG hat damals genau das gemacht, was du ansprichst, Robert.[4] Sie haben viele Fragen gestellt, nicht nur, aber auch zu Konfliktmineralien, und haben dann auch gesagt, die Firmen sollen ein Zertifikat beilegen, falls vorhanden. Falls keines vorhanden ist, sollte man darlegen, ob man sonstige interne Mechanismen zur Risikoanalyse implementiert hat. Ich denke auch, es wäre gut, mit genau solchen Fragen einzusteigen, denn das sendet ein Signal an den Markt. Ansonsten gibt es halt zu wenig Regulierung, die zur Rechenschaftspflicht führt. Da wäre das Beschaffungswesen ein guter Hebel.
Robert: Das basiert auf der OECD, die haben Prinzipien für sog. «Responsible Mineral Supply Chains».[5] Dort fallen fünf Schritte darunter: Ein Unternehmen soll erstens Bescheid über die Risiken und Prozesse im Nachhaltigkeitsbereich wissen und zweitens darauf basierend die grössten Risiken identifizieren und angehen. Das soll dann in einem Audit von einer unabhängigen Firma überprüft werden. Und als letztes soll man darüber berichten. Das sind durchaus auch Fragen, die man in einer Ausschreibung stellen könnte. Ich habe auch einmal eine Weiterbildung zu Nachhaltigkeitsmanagement gemacht. Ich bin mir also etwas bewusst, wie schwierig das ist. Aber es ist ein wichtiger Schritt, einmal irgendwo anzufangen und die Fragen zu stellen. Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht. Aber jede Person, die sich dafür interessiert und die Fragen stellt, ist sehr wertvoll.
Darauf zu schauen, dass die Menschen im handwerklichen Bergbau zu legalen Konditionen arbeiten können und ihre Mineralien dann zu einem fairen Preis in die globale Produktionskette einzubauen wäre der richtige Ansatz.
Referenzen
[1] Siehe dazu Beitrag von 10-vor-10 Beitrag vom 10 August 2025, https://www.srf.ch/news/international/neuen-herren-im-ostkongo-m23-und-die-mine-von-rubaya-ein-krieg-um-milliarden
[2] Die «Verordnung über Sorgfaltspflichten und Transparenz bezüglich Mineralien und Metallen aus Konfliktgebieten und Kinderarbeit» (VSOTR), die in der Schweiz seit 2021 in Kraft ist, definiert «Konflikt- und Hochrisikogebiete» in Art. 2 Abs. 1 lit. e VSOTR und knüpft die Verantwortlichkeiten aus der Verordnung an die Einhaltung dieser Definition.
[3] Für mehr Details siehe Al Jazeera vom 17. November 2025: https://www.aljazeera.com/news/2025/11/17/dozens-killed-in-dr-congo-after-bridge-collapses-at-copper-cobalt-mine#:~:text=At%20least%2032%20people%20have,mine%20collapsed%20due%20to%20overcrowding.
[4] Ausschreibung der Universität St. Gallen «Neuausschreibung Netzwerk-Beschaffungen für den Access-Bereich» vom 5. Februar 2024, Projekt ID 273780, einsehbar auf Intelliprocure unter: https://intelliprocure.ch/projektsuche/simap/273780/1414477
[5] Siehe Webseite der OECD unter: https://www.oecd.org/en/topics/sub-issues/due-diligence-guidance-for-responsible-business-conduct/responsible-mineral-supply-chains.html