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Nachhaltige öffentliche Beschaffungen - aber richtig!

16.02.2026 «Wirksame Hebel für Nachhaltigkeit bei öffentlichen Ausschreibungen findet man nur im Dialog mit Fachexpert*innen, Einkäufer*innen und Jurist*innen», sagt Salome Schori, Leiterin der Fachstelle ökologische Beschaffung beim Bundesamt für Umwelt (BAFU). In dieser Folge des Beschaffungspodcasts spricht sie über die Arbeit ihrer Fachstelle und wie der Bund die Vorbildrolle im Klimaschutz wahrnehmen soll und kann.

Über den Gast

Salome Schori

Salome Schori ist Leiterin der Fachstelle ökologische öffentliche Beschaffung beim Bundesamt für Umwelt (BAFU). Sie hat an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften mit Schwerpunkt Ökobilanzierung studiert und war nach dem Studium unter anderem für myclimate und die SBB tätig. Beim Bundesamt für Umwelt setzt sich die Nachhaltigkeitsspezialistin gemeinsam mit ihrer Fachstelle für die Förderung einer ökologischen und ressourcenschonenden öffentlichen Beschaffung auf Stufe Bund, Kantone und Gemeinden ein.

Rika Koch: Hallo Salome – ich freue mich sehr, dass du es trotz deines vollen Terminkalenders zu uns in den Podcast geschafft hast. Du bist seit zwei Jahren Leiterin der Fachstelle ökologische Beschaffung beim Bundesamt für Umwelt (BAFU). Bevor wir in die fachlichen und strategischen Themen einsteigen: Wie bist du zu dieser Rolle gekommen? Dein Weg in die Beschaffungswelt führte ja über das Thema Nachhaltigkeit – stimmt das?

Salome Schori:  Ja genau, ich bin von Haus aus Nachhaltigkeitsspezialistin. Ich habe Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich studiert, mit Schwerpunkt Ökobilanzierung. Bei dieser Methode betrachtet man ein Produkt über den gesamten Lebenszyklus – von der Herstellung bis zur Entsorgung – und ermittelt, wo die grössten Umweltwirkungen entstehen. Auch für die Beschaffung ist diese Methode zentral: Wenn man die Hotspots kennt, kann man Anforderungen so setzen, dass sie tatsächlich Wirkung entfalten. So bin ich bei meiner letzten Stelle bei der SBB früh in Beschaffungsthemen hineingewachsen und wurde aufgrund meines Hintergrunds in der Ökobilanzierung bei Beschaffungen beratend beigezogen.

Rika Koch: Das bringt beim Erarbeiten von Nachhaltigkeitskriterien noch einmal zusätzliche Ebenen ins Spiel. Wir Juristinnen sagen bei Ausschreibungen oft: Man muss den Beschaffungsgegenstand in Bezug auf Nachhaltigkeit möglichst präzise fassen und differenzieren. Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie macht man das konkret? Genau da stossen wir mit unserem Wissen oft an Grenzen. Und da kommt dein Fachwissen ins Spiel, oder?

Salome Schori: Viele gute Ausschreibung mit griffigen Nachhaltigkeitskriterien sind das Produkt interdisziplinärer Zusammenarbeit. Zuerst braucht es das technische Know-how aus dem Fachbereich. Dann die Einkäufer*innen, die wissen, was sich strukturell sinnvoll in eine Ausschreibung übersetzen lässt – und die den Markt kennen. Dazu kommt die juristische Perspektive: Was ist innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen zulässig und gut formulierbar? Und oft braucht es sogar auch die Mitarbeit des Lieferanten. Denn selbst wenn ich einen Hebel identifizieren und definieren kann, ist damit noch nicht gesagt, ob die Lieferanten die nötigen Daten überhaupt liefern können.

Man muss das aber auch relativieren – schon um keine Angst oder übertriebene Erwartungen zu schüren: Nicht alle Beschaffungen sind gleich komplex, und oft muss das Rad nicht neu erfunden werden. Gerade bei standardisierten Produkten gibt es einen kollektiven Lernprozess, und man kann auf bestehenden Vorarbeiten aufbauen. Dort wollen wir mit der Fachstelle anknüpfen: Indem wir das, was bereits bekannt ist, für alle zugänglich machen – in Form von Empfehlungen und Hilfsmitteln

Rika Koch: Das ist gerade eine gute Überleitung: Was genau bietet die Fachstelle alles an? Und welche thematischen Wirkungsbereiche oder Schwerpunkte steckt ihr ab?

Salome Schori: Das Ziel der Fachstelle ist es, die ökologische Beschaffung auf allen föderalen Ebenen zu fördern. Dafür stützen wir uns auf drei Pfeiler: Beratung, Weiterbildungsangebote und das Erarbeiten von Hilfsmitteln. Die grösste Breitenwirkung erzielen wir über unsere Wissensangebote: also Werkzeuge, die online zugänglich sind, sowie Veranstaltungen und Austauschformate.

Thematisch bewegen wir uns auf der ökologischen Seite der Nachhaltigkeit. Aktuell liegt der Schwerpunkt stark auf der Kreislaufwirtschaft, denn das ist ein echtes Chancenthema: Es hat politischen Rückhalt, kann häufig auch Kosteneinsparungen ermöglichen, und die Grundprinzipien sind schnell greifbar. Ein weiteres grosses Thema ist «Netto-Null». Bund und Kantone haben im Klimaschutzgesetz (KIG)[1] – konkret in Artikel 10 – eine Vorbildfunktion erhalten. Und die öffentliche Beschaffung wird einen wichtigen Beitrag leisten müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Vorbild sein heisst aber auch, nicht nur über Klimaschutz zu sprechen, sondern ihn messbar und wirksam umzusetzen – gerade dort, wo es anspruchsvoll wird: in der Lieferkette.

  • Salome Schori Leiterin Fachstelle ökologische öffentliche Beschaffung BAFU

Rika Koch: Bleiben wir kurz bei der Vorbildfunktion des Bundes: Obwohl Artikel 10 ein klares Bekenntnis zu dieser Funktion festmacht, ist er juristisch auch etwas schwammig. Wie genau setzt der Bund diese Vorbildfunktion um? Und was bedeutet Netto-Null?

Salome Schori: Die Schweiz muss ihre Klimaziele umsetzen und damit einen Beitrag zu den globalen Zielen des Pariser Abkommens leisten, um die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad im weltweiten Durchschnitt zu begrenzen. Der Bund soll hier mit Vorbild vorangehen: Das Netto-Null-Ziel, das massgeblich zur Reduktion der Erderwärmung beiträgt, muss vom Bund und den Kantonen, bereits bis 2040 erreicht werden – also zehn Jahre früher als weite Teile der Wirtschaft. Zudem müssen in der Vorbildfunktion auch die vor- und nachgelagerten Emissionen mitberücksichtigt werden, also auch die Lieferkettenemissionen.

Vorbild sein heisst aber auch, nicht nur über Klimaschutz zu sprechen, sondern ihn messbar und wirksam umzusetzen – gerade dort, wo es anspruchsvoll wird: in der Lieferkette. Denn es geht nicht nur um die Reduktion der direkten Emissionen aus dem eigenen Betrieb (z. B. Diesel, Heizöl oder Kältemittelleckagen), sondern auch um die Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette, die sogenannten vor- und nachgelagerten Scope-3-Emissionen. Diese machen in vielen Organisationen den grössten Teil der Gesamtemissionen aus. Wer seine Klimaziele erreichen will, muss deshalb bei Lieferanten Transparenz schaffen und Reduktionsmassnahmen umsetzen.

Rika Koch: Kannst du kurz erklären, was Scope 1, 2 und 3 bedeuten – und warum gerade Scope 3 entlang der Wertschöpfungskette oft den grössten Teil der Emissionen ausmacht?

Salome Schori: Scope 1 umfasst die direkten Emissionen – also alles, was im Unternehmen selbst anfällt, etwa durch eigene Anlagen, Fahrzeuge oder Prozesse. Scope 2 betrifft indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie. Das heisst, vor Ort entstehen bei der Stromnutzung zwar keine Emissionen, entscheidend ist aber, wie der Strom produziert wurde – ob zum Beispiel aus Wasserkraft oder Kohle. Das macht einen grossen Unterschied für die Klimawirkung.

Scope 3 geht darüber hinaus und umfasst alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, sowohl vor- als auch nachgelagert. Dazu zählen Emissionen aus der Herstellung von Vorprodukten und Dienstleistungen ebenso wie jene am Lebensende eines Produkts, etwa bei Entsorgung, Recycling oder Weiterverwertung. Scope 3 bildet damit die gesamte Liefer- und Nutzungskette ab und ist in vielen Fällen zugleich der grösste Hebel und die grösste Herausforderung – bei der zentralen Bundesverwaltungen machen diese rund 90% der Treibhausgasbilanz aus.

Man kann auch ohne den perfekten Überblick oder vollständige Daten wirksam starten – mit klaren Kriterien und verfügbaren Technologien.

  • Salome Schori Leiterin Fachstelle ökologische öffentliche Beschaffung BAFU

Rika Koch: Dieser Hebel – und gleichzeitig diese Herausforderung – zeigt sich in der öffentlichen Beschaffung: Wir müssen den gesamten Lebenszyklus mitdenken, vom Herstellungsprozess über die Nutzung bis hin zu Entsorgung oder Recycling.

Salome Schori: …und das ist anspruchsvoll. Viele Emissionen sind heute noch nicht vollständig transparent und in der öffentlichen Beschaffung kommt eine ständig wechselnde Zahl an Lieferanten und Produkten dazu. Die Message sollte aber sein: Man kann auch ohne den perfekten Überblick oder vollständige Daten wirksam starten – mit klaren Kriterien und verfügbaren Technologien. Zum Beispiel Fahrzeugflotten elektrifizieren, in der Produktion von fossiler Prozesswärme wegkommen und die Logistik klimafreundlicher gestalten – etwa ohne Flugtransport und möglichst regional.

Rika Koch: Es ist beruhigend zu sehen, dass das KIG somit nicht einfach symbolischer Art ist, sondern dass sich hinter den Kulissen viel bewegt. Gibt es dennoch auch Bereiche, wo du Baustellen und Hürden identifizierst?

Salome Schori: Eine grosse Herausforderung ist, dass Nachhaltigkeit ganzheitlich in der Organisation verankert sein muss – und das ist in der Praxis noch nicht überall der Fall. Einkäufer*innen sagen oft zu Recht: «Ich entscheide nicht allein – der Bedarf wird von den Bedarfsträgern definiert, und ich beschaffe dann, was verlangt wird.» Wenn Nachhaltigkeit nicht bereits in dieser frühen Phase mitgedacht wird, sinkt der Spielraum später deutlich, um sinnvoll zu steuern. Hilfreich ist deshalb eine klare organisatorische Haltung, die nicht nur untermauert, dass man Nachhaltigkeit will, sondern auch, was die Umsetzung davon bedeutet (und welche Bereiche zur Mithilfe angewiesen sind).

Eine weitere Herausforderung ist die Operationalisierung, also die Komplexität nachhaltiger Beschaffungen in praktikable Kriterien zu übersetzen. Wir stellen zwar praxisnahe Empfehlungen für relevante Produktkategorien bereit, aber sie sind keine «Betty-Bossi»-Rezepte. Man muss immer prüfen, ob die Kriterien zur eigenen Organisation und zum konkreten Beschaffungsgegenstand passen und wo Anpassungen nötig sind.

Übergeordnet betrachtet, kann man jedoch sagen, ist es nicht nur eine Frage des Fachwissens, sondern auch der Kultur. Es geht darum, Menschen mitzunehmen, emotional zu aktivieren und die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Nachhaltigkeit tatsächlich wirken kann.

Eine grosse Herausforderung ist, dass Nachhaltigkeit ganzheitlich in der Organisation verankert sein muss – und das ist in der Praxis noch nicht überall der Fall.

  • Salome Schori Leiterin Fachstelle ökologische öffentliche Beschaffung BAFU

Rika Koch: Ich würde gern noch etwas konkreter auf eure Hilfsmittel eingehen: Welche gibt es – und wie setzt man sie in der Praxis ein?

Salome Schori: Informieren kann man sich auf der «WöB», der Wissensplattform für nachhaltige öffentliche Beschaffung (www.woeb.swiss), inklusive der «Toolbox nachhaltige Beschaffung Schweiz» und Dokumentensammlungen zu kreislauffähiger Beschaffung und nachhaltiger Beschaffung im Baubereich. Alles, was auf Bundesebene entwickelt wird, ist auf der WöB dort verfügbar, und auch andere Stellen können hilfreiche Dokumente oder Links melden, damit sie aufgenommen werden. So entsteht eine zentrale Anlaufstelle, um sich zu nachhaltiger öffentlicher Beschaffung zu informieren.

Die Toolbox nachhaltige Beschaffung Schweiz ist ein zentrales Element. Sie umfasst 19 Merkblätter und ist in Teil A (Grundlagen), Teil B (Instrumente/Methoden) und Teil C (Produktgruppen mit konkreten Nachhaltigkeitskriterien) gegliedert. Die Toolbox wurde speziell mit Blick auf Gemeinden entwickelt und fokussiert auf breit relevante Güter- und Dienstleistungsbeschaffungen.

Rika Koch:…und dann gibt es noch Teil D, den ich besonders schätze: Dort werden Praxisbeispiele gesammelt. Gemeinden oder Zusammenschlüsse zeigen konkret, was bei ihnen gut funktioniert hat – und warum. Nun aber hast du auch noch Events erwähnt. Da gibt es den Industry Roundtable. Um was geht es dort?

Salome Schori: Beim Industry Roundtable geht es um kreislauffähige Beschaffung. Er findet jährlich statt und steht jeweils unter einem anderen Schwerpunkt; 2026 liegt der Fokus auf dem «Facility Management»[2].

Das Besondere ist das Dialogformat: Es richtet sich sowohl an Beschaffungsstellen als auch an potenzielle Anbieter von Lösungen. Nach einigen Impulsreferaten mit Praxisbeispielen geht es an den runden Tisch, wo ganz konkret diskutiert wird: Welche Fragen sollte man sich im Einkauf stellen? Welche Anforderungen darf oder soll man abfragen? Und umgekehrt können Anbieter aufzeigen, welche Lösungen es bereits gibt – oft mit dem Hinweis: «Das gäbe es schon lange, es wird nur selten danach gefragt». Dazu kommt der wertvolle Erfahrungsaustausch: Was wurde bereits ausprobiert, was hat funktioniert – und was nicht?

Gerade weil der direkte Kontakt mit Lieferanten im Beschaffungskontext oft heikel ist (Stichwort Vorbefassung), kommt dem Roundtable eine wichtige Rolle zu: Er schafft einen Rahmen, in dem man locker und transparent miteinander sprechen darf, denn: Diskutiert wird zudem nach den Chatham House Rules: Inhalte dürfen als Erkenntnisse mitgenommen werden, aber ohne Zuordnung zu konkreten Personen oder Organisationen.

Referenzen

[1] Bundesgesetz über die Ziele im Klimaschutz, die Innovation und die Stärkung der Energiesicherheit (KIG)

[2] Für mehr Infos siehe Webseite von «Prozirkula» unter: https://prozirkula.ch/ir-kreislauffaehiges-facility-management/

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Fachgebiet: Public Sector Transformation