- Medienmitteilung
Armut in Krisenzeiten: Soziales Frühwarnsystem verbessern
15.09.2026 Die Covid-19 Pandemie hat in der Schweiz soziale Ungleichheiten verschärft – besonders für Menschen mit unsicherem Aufenthalts- oder Arbeitsmarktstatus. NGOs fingen viele Betroffene auf und erkannten früh, wo Unterstützung fehlt. Forschende der Berner Fachhochschule BFH empfehlen deshalb ein soziales Frühwarnsystem, das Daten und Erfahrungen von NGOs systematisch zusammenführt.
«Die Pandemie zeigte, dass klassische Armutsindikatoren nicht ausreichen, um soziale Notlagen in einer Krise rasch zu erkennen», sagt BFH-Projektleiter Prof. Dr. Oliver Hümbelin. Die bestehende nationale Armutsstatistik bildet Entwicklungen mit einer bis zu dreijährigen Verzögerung ab und lässt keine regionalen Aussagen zu. Für Krisen, in denen zeitnahe und lokal ausgerichtete Massnahmen gefragt sind, ist sie daher ungeeignet. Auch Daten zum Sozialhilfebezug sind hier wenig nützlich: Sie stehen zwar früher zur Verfügung, erfassen aber nur Personen, die tatsächlich Leistungen beziehen.
Im Projekt «Armut und Soziale Sicherheit während der Covid-19 Pandemie» untersuchte ein BFH-Forschungsteam die finanziellen und sozialen Auswirkungen der Pandemie. Es zeigt, dass die staatlichen Unterstützungsmassnahmen und der Fokus auf den Erhalt der Arbeitsmarktintegration eine breite Zunahme der Armut verhinderten. Die Folgen der Krise waren jedoch ungleich verteilt. Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen und junge Erwerbstätige waren besonders häufig von Einkommensverlusten betroffen.
Die Pandemie zeigte, dass klassische Armutsindikatoren nicht ausreichen, um soziale Notlagen in einer Krise rasch zu erkennen.
Die Ergebnisse zeigen auch, wie und weshalb NGOs bei der Versorgung von 400’000 Menschen eine zentrale Rolle spielten. «Gesellschaftliche Problemlagen sorgen innert kürzester Zeit für einen Anstieg der Neuanmeldungen bei den NGO-Beratungsstellen», erklärt BFH-Projektmitarbeiter*in Rulla Sutter. «Diese Menschen tauchen in den traditionellen Daten erst viel später auf. Das heisst, da wo die staatliche Armutsbeobachtung endet, beginnt das Wissen der Zivilgesellschaft. Es erlaubt präventive Reaktionen.»
Aufbau eines Frühwarnsystems
Die Forschenden schlagen deshalb vor, in Nicht-Krisenzeiten ein soziales Frühwarnsystem mit NGO-Daten aufzubauen. Im Projekt wurde die Machbarkeit eines solchen Systems mit Daten der Caritas erfolgreich geprüft. Dieses könnte frühzeitig Hinweise darauf liefern, wo neue soziale Problemlagen entstehen und welche Bevölkerungsgruppen besondere Unterstützung benötigen. Ergänzend können kantonale Register- und Steuerdaten ein umfassendes Bild der finanziellen Situation der Bevölkerung liefern.
«Mit den vorhandenen Registerdaten der Kantone können wir Armut umfassend und regional differenziert beobachten. So lassen sich unterschiedliche Entwicklungen innerhalb und zwischen den Kantonen sichtbar machen. Zusammen mit den zeitnahen Informationen der NGOs liesse sich damit wesentlich früher erkennen, wo sich soziale Problemlagen verschärfen», sagt Oliver Hümbelin.
Einbindung der NGOs in die Unterstützungsstrukturen
Die Pandemie zeigte auch die Grenzen der sozialen Absicherung auf. So hatten nicht alle den gleichen Zugang zu Sozialleistungen und für Behörden ist es teilweise schwierig, gewisse Gruppen zu erreichen. Hier haben NGOs einen Vorteil, da sie lokal verankert sind und vulnerable Gruppen niederschwellig und schnell unterstützen können. Diese Strukturen müssten in Krisen vermehrt genutzt werden. Was fehlt, ist die Koordination und kleinräumige Abstimmung mit den kommunalen Sozialdiensten.
Nationales Forschungsprogramm (NFP 80): Covid-19 in der Gesellschaft
Das Projekt «Armut und Soziale Sicherheit während der Covid-19 Pandemie» wurde im Rahmen des NFP 80 des Schweizerischen Nationalfonds durchgeführt. Das Programm untersucht die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Schweizer Gesellschaft und welche Faktoren dabei eine wichtige Rolle spielten. Ziel ist, daraus Erkenntnisse für den Umgang mit künftigen Krisen zu gewinnen.