Neues Projekt für gebäudeintegrierte Photovoltaikanlagen: BFH und Planeco untersuchen End-of-Life-Strategien

07.07.2026 Gebäudeintegrierte Photovoltaikanlagen (BIPV) sind längst mehr als ein Nischenprodukt – sie prägen zunehmend das Bild moderner Stadtfassaden- und Dächer. Anders als konventionelle Aufdachanlagen erfüllen BIPV-Module eine Doppelfunktion: Sie erzeugen Strom und ersetzen gleichzeitig klassische Baumaterialien wie Dachziegel, Fassadenverkleidungen oder Isolierglas – das spart Kosten und Fläche.

Gebäudeintegrierte Photovoltaikanlage, Bürogebäude Hortus
Projektbeispiel: Gebäudeintegrierte Photovoltaikanlage, Bürogebäude Hortus in Allschwil

Das Wichtigste in Kürze

  • Neues Forschungsprojekt: Die BFH und Planeco entwickeln ein datenbasiertes Entscheidungsmodell, das den optimalen Zeitpunkt für Weiterbetrieb, Repowering, Demontage oder Stilllegung von gebäudeintegrierten Photovoltaikanlagen (BIPV) bestimmt.
  • Mehr Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit: Durch die Auswertung realer Betriebsdaten sollen Wartung und Lebensdauer von BIPV-Anlagen optimiert, Kreislaufwirtschaft gefördert und neue datenbasierte Dienstleistungen ermöglicht werden.
  • Pionierarbeit für die Solarbranche: Das Projekt liefert bis Herbst 2026 konkrete Handlungsempfehlungen und soll langfristig einen neuen Standard für den Lebenszyklus von BIPV-Anlagen in der Schweiz etablieren.

Was passiert mit BIPV-Anlagen am Ende ihrer Lebensdauer?

Dieser Frage widmet sich das neue Forschungsprojekt der Berner Fachhochschule und der Planeco GmbH, unterstützt durch die IWB. Das Projekt ist angesiedelt in der Forschungsgruppe MISE (Management Science, Innovation, Sustainability and Entrepreneurship) unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Grösser. Von Seiten BFH wird das Projekt von Dr. Ässia Boukhatmi (Tenure Track Dozentin) geleitet. Gemeinsam haben wir Luca Suter (Projektleiter BIPV, Planeco) einige Fragen zum Projekt und den geplanten Ergebnissen gestellt.

Ab Frühjahr 2026 entwickeln die Partner gemeinsam ein datenbasiertes Entscheidungsmodell, das aufzeigen soll, wann sich Demontage, Weiterbetrieb, Repowering (Aufrüstung) oder Stilllegung einer BIPV-Anlage am meisten lohnen – technisch, ökologisch und wirtschaftlich. Grundlage sind reale Betriebsdaten wie Standortdaten, Leistungsmessungen und Wartungsprotokolle.

Vom Annahmemodell zur datenbasierten Realität

Datenbasierte End-of-Life-Entscheidungen können den Blick auf den Photovoltaik-Lebenszyklus grundlegend verändern, sagt Ässia Boukhatmi. Entscheidungen über Weiterbetrieb, Repowering oder Ersatz würden künftig nicht mehr auf Annahmen beruhen, sondern auf realen Betriebsdaten und Kennzahlen. Dadurch werde der Betrieb deutlich effizienter, da technische, wirtschaftliche und ökologische Faktoren präziser gegeneinander abgewogen werden könnten.

Gleichzeitig entstünden neue datengetriebene Geschäftsmodelle und Dienstleistungen, etwa im Bereich vorausschauender Wartung, Lebensdauerverlängerung, Wiederverwendung von Komponenten und optimierter Recyclingstrategien. Auf Systemebene ergebe sich daraus ein wichtiger Hebel für die Kreislaufwirtschaft, da Materialien länger im Umlauf bleiben und CO₂-intensive Ersatzprozesse reduziert werden können.

Skalierbarkeit als Hebel für die Branche

Besonders relevant sei zudem die Skalierbarkeit dieses Ansatzes laut Ässia Boukhatmi: Wenn sich datenbasierte End-of-Life-Entscheidungen in der Branche etablieren, könnte daraus ein neuer Standard für Planung, Betrieb und Rückbau von PV-Systemen entstehen – mit entsprechend grosser Bedeutung für eine nachhaltige und resiliente Solarindustrie in der Schweiz.

Das fünfmonatige Projekt soll bis Herbst 2026 konkrete Handlungsempfehlungen, visualisierte Entscheidungspfade und eine gemeinsame Praxispublikation liefern. Langfristig soll das Modell dazu beitragen, BIPV-Anlagen bereits in der Planungsphase auf Kreislaufwirtschaft auszurichten – ein klares Alleinstellungsmerkmal im Markt.

Gebäudeintegrierte Photovoltaikanlage, Grosspeter Turm, Basel
Projektbeispiel: Der Grosspeter Tower in Basel ist eines von mehreren Referenzprojekten, das im Rahmen der gemeinsamen Studie von Planeco und der Berner Fachhochschule untersucht wird. Das mehrfach ausgezeichnete BIPV-Projekt liefert wertvolle Erkenntnisse für die Entwicklung eines datenbasierten Entscheidungsmodells zu Weiterverwendung, Repowering und Rückbau von gebäudeintegrierten Photovoltaikanlagen.

Fragen an Luca Suter, BIPV Spezialist und Teamleiter bei der Planeco GmbH

Herr Suter, Sie sind BIPV-Spezialist bei der Planeco GmbH. Wie häufig begegnen Ihnen heute bereits Fragen zum weiteren Umgang mit älteren BIPV-Anlagen?

Noch nicht viel – bisher laufen die Anlagen einwandfrei. Wir gehören aber zu den Ersten, die in der Schweiz vollflächig integrierte Solarfassaden realisiert haben, und diese erste Generation ist heute teilweise bereits über 10 Jahre alt. Damit kommen wir in den Lebensabschnitt, in dem erste Wechselrichter ihre Lebensdauer erreichen, Monitoring-Fragen auftauchen und Eigentümer*innen wissen wollen: Wie geht es weiter? Bei BIPV sind diese Fragen anders gelagert als bei Aufdachanlagen. Weil das Modul zugleich Gebäudehülle ist, vermischt sich PV-Technik mit Bauphysik, Gestaltung und Betriebspflichten. Genau diese Mischung wird Bauherrschaften und Planende vermehrt zu uns bringen.

Welche Herausforderungen bestehen aktuell bei Entscheidungen zu Wartung, Weiterbetrieb oder Repowering?

Tatsächlich noch kaum welche. Die wenigen Anlagen, die aktuell ein Repowering erleben, sind mit so alten Komponenten gebaut, dass schon Standardmodule die Leistung massiv steigern. Erschwerend ist eher, dass ältere Anlagen nicht durchgängig gleich ausgestattet wurden: Betriebsdaten liegen verstreut oder gar nicht vor und die tatsächliche Degradation lässt sich kaum von temporären Effekten trennen.

Die eigentliche BIPV-Besonderheit kommt aber erst noch. Diese Module sind häufig massgefertigt – in Form, Farbe und Grösse auf das Gebäude abgestimmt. Ein einzelnes lässt sich nicht wie ein Standardpanel tauschen, und nach Jahren ist die exakt gleiche Produktlinie oft nicht mehr lieferbar. Repowering einer Fassade ist deshalb ein Eingriff in die Gebäudehülle – mit Gerüst, Schnittstellen zu Bauwerk und Garantie, sowie entsprechenden Kosten. Dazu fehlt die wirtschaftliche Klarheit: Ab wann lohnt sich punktuelle Wartung, ab wann ein Repowering? Diese Abwägung trifft man heute eher aus dem Bauch als datenbasiert.

Aktuell haben wir noch keinen Fall, der das aktiv angeht. Aber unvorbereitet zu sein, wenn es so weit ist, wäre unangenehm – meine Generation wird die ersten End-of-Life-Fassaden zu sehen bekommen. BIPV-Repowering ist für mich darum ein Pionierprojekt. Ich würde dabei auf spezialisierte Architekturbüros zugehen, die das Re-Use-Konzept mit jeder Faser leben.

Welche bestehenden Betriebs- oder Anlagendaten bieten aus Ihrer Sicht besonders grosses Potenzial für das Projekt?

Am wertvollsten sind die langen Zeitreihen, die wir ohnehin Jahr für Jahr erzeugen: Ertrags- und Produktionsdaten, idealerweise auf String- oder Modulebene, weil sich bei Fassaden Orientierung und Verschattung stark unterscheiden. Dazu die Wechselrichter- und Fehlerprotokolle, die Störungsmuster sichtbar machen, sowie die Wartungs- und Interventionshistorie. Das grösste Potenzial liegt aber darin, diese Betriebsdaten mit den As-built-Unterlagen zu verknüpfen – mit den verbauten Modultypen, Materialien und Konstruktionsdetails. Erst diese Kombination macht aus verstreuten Messwerten eine belastbare Grundlage.

« BIPV ist von Grund auf ein Nachhaltigkeitsversprechen: Ein Modul ersetzt Baustoffe und produziert Energie zugleich. Entscheidend ist, dass dieses Versprechen über den gesamten Lebenszyklus gilt – von der ersten Entscheidung bis zum späteren Rückbau.»

  • Luca Suter BIPV Spezialist bei der Planeco

Wie könnte ein datenbasiertes Entscheidungsmodell Ihr zukünftiges Serviceangebot verändern?

Es würde unseren Service von reaktiv zu vorausschauend verschieben. Heute reagieren wir oft erst, wenn ein Ertrag einbricht oder eine Störung gemeldet wird. Mit einem datenbasierten Modell können wir den Zustand einer Anlage kontinuierlich bewerten und Eingriffe planen, bevor ein Ausfall eintritt – Stichwort zustandsorientierte Wartung. Daraus entstehen neue Dienstleistungen: ein BIPV-Gesundheitscheck, fundierte Repowering-Empfehlungen mit Wirtschaftlichkeitsrechnung, Restwert- und Lebensdauergutachten für Eigentümerschaften und Investoren. Für uns als Unternehmen bedeutet das einen Rollenwechsel – vom Errichter, der mit der Inbetriebnahme die Hauptarbeit erledigt hat, zum langfristigen Lebenszyklus-Partner, der eine Anlage über Jahrzehnte begleitet. Für die Kundschaft schafft das Transparenz und Planbarkeit; für uns ein tragfähiges, wiederkehrendes Geschäftsmodell abseits des reinen Anlagenbaus.

Welche Bedeutung hat das Thema Kreislaufwirtschaft und Lebenszyklusdenken für Planeco als BIPV-Pionierin?

Eine zentrale – und zwar nicht als Etikett, sondern als logische Konsequenz unserer Position. BIPV ist von Grund auf ein Nachhaltigkeitsversprechen: Das Modul ersetzt einen Baustoff und produziert zugleich Energie. Dieses Versprechen muss über den gesamten Lebenszyklus eingelöst werden, nicht nur am Tag der Inbetriebnahme. Als eine der Pionierinnen haben wir einige der ältesten Anlagen im Bestand – und stehen damit als Erste vor den Fragen zu Weiterbetrieb, Wiederaufbereitung und eines Tages Rückbau. Das ist Verantwortung und Chance zugleich: Wir können Standards mitprägen – für Demontierbarkeit, für die Wiederverwendung und Aufbereitung von Modulen, für Recyclingpfade und letztlich für Materialpässe. Konsequentes Lebenszyklusdenken verändert dabei schon die Entscheidungen, die wir heute treffen: bei Modularität, Dokumentation und Materialwahl. Verlässlichkeit über den ganzen Lebenszyklus – ist das nicht das schönste Arbeitszeugnis, das sich eine Firma ausstellen kann?

Wo sehen Sie langfristig das grösste Potenzial solcher Ansätze für Kund*innen und die Solarbranche?

Für die Kundschaft liegt das Potenzial in Planbarkeit und Werterhalt: eine BIPV-Anlage nicht als einmaliges Bauprojekt, sondern als gemanagtes Asset, das über Jahrzehnte verlässlich Ertrag liefert und kalkulierbare Betriebskosten hat. Hier wird die Doppelwirksamkeit sichtbar – das gleiche Bauteil ist Gebäudehülle und Energiewerk. Das verändert auch die Wirtschaftlichkeit: Rechnet man die Stromgestehungskosten (LCOE) nicht auf die Gesamtinvestition, sondern auf die Mehrkosten gegenüber einer konventionellen Fassade – die man ohnehin gebaut hätte –, fällt das Ergebnis deutlich tiefer aus. Je hochwertiger die ersetzte Hülle, desto kleiner diese Differenz und desto stärker das Argument. Und ein lückenloser Datennachweis über den Lebenszyklus lässt sich sauber in die ESG-Berichterstattung einbringen – die zunehmend verlangten Nachweise zu Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung.

Für die Branche liegt der grössere Hebel darin, die Betriebsphase zu professionalisieren. Bisher dominiert der Fokus auf Planung und Installation; der wachsende Bestand wird aber erst über die kommenden Jahrzehnte zum eigentlichen Markt. Datenbasierte Lebenszyklusmodelle, gemeinsame Benchmarks und Kreislaufprozesse könnten daraus eine reife Disziplin machen – und Vertrauen schaffen: Wer zeigt, dass eine integrierte Anlage über ihre Lebensdauer beherrschbar bleibt, senkt eine der letzten Hürden für BIPV am Bau.

Mehr erfahren