Ist mein Wunschberuf KI-resistent?

14.10.2026 KI gehört für viele Schüler*innen bereits zum Alltag. Offiziell behandelt wird das Thema an Schulen jedoch noch selten oder gar nicht. Was die Jugendlichen also über KI zu wissen glauben, haben sie sich selbst beigebracht. Ein Interview mit Katja Pott über KI und was sie für den Lernprozess und die Berufswahl bedeutet.

Katja, du bist Doktorandin am Institut Digital Technology Management der BFH Wirtschaft. Warum interessiert dich, wie Jugendliche über KI denken, und wie passt da noch die Berufswahl rein?

Es gibt zu dem Thema zurzeit nur sehr begrenzt Forschung. Ich finde es wichtig zu beleuchten, wie Jugendliche KI wahrnehmen. Ihr Verständnis entwickelt sich in erster Linie durch selbst Ausprobieren und nicht durch formale Bildung, sprich offiziellen Schulstoff. Die Jugendlichen haben eine Vorstellung davon, was KI kann, was sie nicht kann und welchen Einfluss sie vermutlich auf die eigene Zukunft hat. Basierend auf dieser Vorstellung treffen sie eine wichtige Entscheidung: Welche Lehre interessiert mich, welche Berufsausbildung kann ich mir vorstellen oder möchte ich an einer Hochschule studieren? Ob die Annahmen, auf welchen sie ihre Entscheidung stützen, stimmen, klärt in der Schule aber niemand. Und das kann problematisch sein.

Weil die Annahmen, welche die Schüler*innen punkto KI haben, falsch sind?

Teilweise ja, teilweise nein. Wir haben in zwei Klassen der Sekundarstufe II einen Workshop rund um KI durchgeführt. Beide Klassen fanden, dass es Lehrpersonen immer brauchen werde. Das sehe ich auch so. Ein Schüler meinte aber beispielsweise, dass KI keine Bankangestellten ersetzen könne. Das wiederum stimmt so nicht. Im Bankensektor gibt es viele Jobs, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit aufgrund von KI verändern werden müssen.

Besonders heikel wird es meiner Meinung nach aber, wenn Jugendliche einen Beruf ausschliessen, der ihnen eigentlich gefallen würde. Grossmehrheitlicher Konsens unter den Schüler*innen war, dass es aufgrund von KI weniger Informatikerinnen und Informatiker braucht. Aus Sicht der Forschung stimmt das aber klar nicht. Die Aufgaben verändern sich, doch Fachleute braucht es weiterhin, eher sogar mehr. Beispielsweise für die Implementation von KI-Tools in Firmen oder um weitere KI-Tools zu entwickeln, welche neue Bedürfnisse von Firmen oder Menschen abdecken können.

Dann hat also KI direkt einen Einfluss darauf, welche Berufe und Studiengänge Jugendliche heutzutage wählen?

Hier haben wir einen Widerspruch aufgedeckt: Wir haben die Jugendlichen direkt gefragt, ob KI einen Einfluss auf ihre Berufswahl habe. Die Antwort war: Nein. Häufig wurde in der Diskussion aber dann die «KI-Resistenz» von gewissen Berufen ins Feld geführt. Die implizite Argumentation zeichnet also ein anderes Bild. Ob KI einen Beruf ersetzen kann, ist für Schüler*innen ein zentrales Kriterium.

Viele Jugendliche nutzen KI bereits regelmässig, auch zum Lernen. Ist das deiner Meinung nach eine Chance oder ein Problem?

Ich würde sagen: beides. Schüler*innen lassen sich zum Beispiel Fragen für die Prüfungsvorbereitung generieren, holen Feedback zu einem Text ein oder lassen sich Schulstoff von der KI nochmals erklären. Das ist grundsätzlich gut. Das Problem sind die derzeit gängigen KI-Tools. Sie sind dienstleistungsorientiert und wollen den Nutzenden möglichst alles bieten. Pädagogisch unterfüttert sind die Tools jedoch nicht. Wer Feedback zu einem Text möchte, bekommt dazu noch das Angebot: Soll ich dir den Text gleich auch noch umschreiben? Das ist eines der Hauptprobleme gängiger KI-Tools. Denn die Versuchung für die Schüler*innen ist natürlich gross, einfach «gerne» einzutippen. Einige Jugendliche sagten, sie würden, seit sie KI benutzen, weniger selber denken und seien fauler geworden.

Du hast jetzt immer von gängigen KI-Tools gesprochen. Gibt es denn noch keine KI-Tools, die auf die Bedürfnisse von Schulen bzw. Schüler*innen ausgelegt sind?

Im Educational-Technology-Bereich tut sich momentan viel diesbezüglich. Auch unser Fachbereich, das Human AI Learning Systems Lab, baut und testet verschiedene KI-Tutoren. Ziel dieser KI-Anwendungen ist es, die Lernenden in ihrem Lernprozess zu unterstützen. Unsere KI-Tutoren sind entsprechend pädagogisch durchdacht. Sie geben Feedback, regen zur Reflexion an oder stellen Fragen, die zum Nachdenken anregen. Die Denkarbeit bleibt also nach wie vor bei den Lernenden und wird nicht an die KI ausgelagert.

Schlussfrage: Was braucht es momentan aus deiner Sicht punkto KI an Schulen?

Über zwei wichtige Punkte haben wir bereits gesprochen: Es braucht KI-Tools, die beim Lernen unterstützen, statt den Jugendlichen das Denken abzunehmen. Es braucht formale Bildung rund um KI. Schülerinnen und Schüler müssen heutzutage wissen, was KI kann und was nicht. Ihre eigenen Annahmen dazu bringen sie ja schon mit. Welche davon stimmen und welche nicht, muss aber zwingend im Unterricht geklärt werden. Nur so ist eine gut informierte Berufs- und Studienwahl möglich. Zudem braucht es mehr Forschung. Hier hoffen wir mit einem gross angelegten Horizon-Europe-Projekt unseren Beitrag zu leisten. Das Projekt heisst «Thrive» und wird von unserem Institut geleitet. Gemeinsam mit Partnerinstitutionen untersuchen wir, wie sich digitale Technologien wie Smartphones, Social Media oder eben generative KI auf das Lernen und das Wohlbefinden von Jugendlichen auswirken.

Vielen Dank für das Interview Katja!

Mehr erfahren