Von ambitionierten Zielen zu marktreifen Lösungen

05.03.2026 Die von der Berner Fachhochschule BFH organisierte Tagung in Burgdorf bot spannende Einblicke in die aktuellen Entwicklungen im zirkulären Bauen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Tagung der Berner Fachhochschule in Burgdorf zeigte eindrücklich: Zirkuläres Bauen entwickelt sich von strategischen Zielsetzungen hin zu konkreten, umsetzbaren Lösungen

  • Praxisnahe Beiträge zu Benchmarks, nachhaltiger Beschaffung, Ökobilanzierung und Pilotprojekten machten messbare CO2-Reduktionen und Materialeffizienz greifbar

  • Innovative Ansätze wie Bioasphalt unterstrichen das Potenzial für marktfähige Lösungen im Infrastruktur- und Hochbau

  • Die Lancierung des Netzwerks Bern Baut Zirkulär setzt ein starkes Zeichen für Vernetzung und gemeinsame Umsetzung in der Region

Von Modellbetrachtungen über Benchmark-Vergleiche bis zu Pilotprojekten mit Bio-Asphalt erhielten die Teilnehmenden wertvolle Impulse zu CO₂-Reduktion, Materialeffizienz und praktischer Umsetzung zum zirkulären Bauen. Der direkte Austausch mit Expertinnen und Experten machte deutlich: Innovationen entstehen durch Mut, Kooperation und praxisnahem Testen – ein Eindruck, den Fachleute aus Bauwirtschaft, Forschung und Verwaltung aus erster Hand erleben konnten.

Kreislaufwirtschaft in der Schweiz – Stand und Perspektiven

Stephan Wüthrich und Urs-Thomas Gerber der BFH eröffneten und moderierten die Tagung. Den inhaltlichen Auftakt bildete ein Überblick von Susanne Blank und Niklas Nierhoff vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) zum Stand der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz. «Wir müssen Kreislaufwirtschaft als Chance verstehen, nicht nur als Pflicht», betonte Susanne Blank. Die von Niklas Nierhoff präsentierten Referenz- und Zielwerte für graue Emissionen von Infrastrukturbauten zeigten sowohl Potenziale wie Benchmarks auf. Dr. Stefan Rubli von der Energie- und Ressourcen-Management GmbH stellt die Stoffkreisläufe modellhaft dar und ergänzte mit Kennzahlen, die aufzeigen, wie weit die Schweiz bereits ist und welche Handlungsfelder bestehen.
Adrian Dinkelmann von Infra Suisse verdeutlichte die Sicht der Infrastrukturbauer: «Die Unternehmen sind bereit, wenn die Bauherrschaften mutige Vorgaben machen.» Nationalrätin und Unternehmerin Diana Gutjahr schilderte aus Sicht der Stahlbauindustrie, dass geschlossene Kreisläufe bei nicht erneuerbaren Ressourcen nur funktionieren, wenn Materialflüsse frühzeitig berücksichtigt, klare Vorgaben bestehen und Planung sowie Ausführung eng verzahnt werden. Oliver Steiner vom Kanton Bern erläuterte anhand konkreter Beispiele, wie Kreislaufwirtschaft auf kantonaler Ebene umgesetzt wird – vom Sachplan Abfall bis zum Umgang mit PFAS. Das anschliessende Podiumsgespräch machte klar: Nur die enge Zusammenarbeit aller Akteur*innen führt zu wirksamen und nachhaltigen Lösungen.

Nachhaltige Beschaffung und Ökobilanzierung

Im Anschluss rückte die Perspektive der Bauherrschaften in den Vordergrund. Marc Steiner vom Bundesverwaltungsgericht und Dozent an der BFH erläuterte die rechtlichen Rahmenbedingungen für zirkuläre Beschaffung in der Schweiz. Dr. Juliane Buchheister zeigte, wie Ökobilanzen beim ASTRA in der Praxis umgesetzt werden können: «Es geht nicht nur um Zahlen, sondern darum, wie diese in konkrete Entscheidungen einfliessen.»
Sarah Weber von der SBB und Markus Rausch von der Stadt Zürich berichteten von den Herausforderungen und Lösungen bei der Umsetzung nachhaltiger Strategien in Organisationen und Projekten. Forschungsergebnisse von Aybike Öngel (BFH) und Joël Lenk (Nibuxs) unterstrichen die Bedeutung praxisnaher Pilotprojekte: «Nur wenn wir Experimente wagen, lernen wir wirklich, ob es funktioniert.»

«Wir müssen Kreislaufwirtschaft als Chance verstehen, nicht nur als Pflicht.»

  • Susanne Blank Abteilungsleiterin Ökonomie und Innovation, Bundesamt für Umwelt BAFU

Bauwirtschaft als Treiber der Kreislaufwirtschaft

Oliver Barbery von Ciment Vigier machte klar, dass Zementwerke zur Optimierung von Stoffkreisläufen beitragen. Daniel Kästli von Kästli Bau AG hob hervor: «Mutige Bauherrschaften und Pioniere in der Industrie setzen Prozesse in Gang, die sich schnell verbreiten.»
Den Abschluss bildete Dr. Tobias Balmer von der Weibel AG mit seinem Input zu Bioasphalt. Balmer präsentierte ein Pilotprojekt, bei dem Biobitumen aus Cashewnussschalen und natürlichen Harzen eingesetzt werden, um den CO₂-Fussabdruck im Strassenbau drastisch zu senken: «Pro Tonne Bindemittel können wir rund zwei Tonnen CO₂ einsparen.» Videoaufnahmen und Bilder von Projekten in Bern zeigten, dass der Einbau reibungslos verlief und die Materialeigenschaften den Anforderungen entsprachen. Auch Fragen zur Skalierbarkeit und zu den Kosten wurden offen beantwortet: Anfangs liegen die Preise höher, doch mit steigender Nachfrage sei eine marktgerechte Lösung realistisch.

Erkenntnisse, Ausblick und Networking

Zum Abschluss der Tagung wurde deutlich: Der Übergang zur zirkulären Bauwirtschaft gelingt nur durch Zusammenarbeit, klare Anforderungen seitens der Bauherrschaften und den Mut, neue Lösungen unter realen Bedingungen zu erproben. «Die Lösungen sind da – wir müssen sie nur umsetzen», fasste ein Teilnehmer zusammen.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde zudem das «Netzwerk Bern Baut Zirkulär» (NBBZ) lanciert. Es bringt Akteur*innen aus Bau- und Immobilienwirtschaft, Verwaltung und Bildung zusammen, um die Kreislaufwirtschaft im Kanton Bern weiter voranzubringen. Das Netzwerk will durch Austausch und Koordination seiner Aktivitäten Mehrwerte schaffen und das zirkuläre Bauen in der Berner Bauwirtschaft mit praxistauglichen Massnahmen fördern. Die Berner Fachhochschule übernimmt die Leitung und Koordination des Netzwerks.

Die Tagung zeigte insgesamt: Zirkuläres Bauen entwickelt sich zunehmend von der Vision zur Praxis – getragen von Pilotprojekten, neuen Materialien und dem engen Austausch zwischen Behörden, Bauherrschaften, Planenden, Ausführenden, Industrie und Forschung.

Tagung Zirkuläre Bauwirtschaft: Der Weg zur nachhaltigen Bauwirtschaft

Die Fachtagung Zirkuläre Bauwirtschaft startete 2024 mit dem Schwerpunkt Infrastruktur an der BFH in Burgdorf. 2025 widmete sich die Veranstaltung erstmals dem Hochbau in Biel. Seither wechseln sich die beiden Schwerpunkte und Standorte im jährlichen Turnus ab. Die Tagung zeigt praxisnah, wie Kreislaufwirtschaft im Bau umgesetzt werden kann, und bringt Expertinnen und Experten aus Forschung, Verwaltung und Industrie zusammen. Unterstützt wird die Veranstaltung vom Bundesamt für Umwelt BAFU und zahlreichen Partner. Ergänzt wird das Programm durch eine kleine Fachausstellung sowie Networking-Möglichkeiten während der Pausen und beim Apéro. Die nächste Tagung findet am 25. Februar 2027 in Biel mit dem Fokus Hochbau statt. Sie richtet sich an Fachleute, welche die Bauwirtschaft von morgen aktiv mitgestalten wollen.

Weitere Informationen: Tagung zirkuläre Bauwirtschaft | BFH

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