«Diesen Drive brauchen wir in der Schweiz» - Stimmen zu Advanced Practice

16.12.2019 Die Perspektiven, die sich durch ein Master-Studium in Ernährung und Diätetik, Hebamme, Pflege oder Physiotherapie eröffnen, sind vielfältig. Eine davon ist die Advanced Practice.

Advanced Practice: Dieser Begriff stand am 5. Dezember 2019 im Zentrum des von der Berner Fachhochschule Gesundheit organisierten Panelgesprächs. Er steht für neue Rollen von nicht-ärztlichen Gesundheitsfachpersonen, die Patientinnen und Patienten mit erweiterten Kompetenzen pflegen, behandeln, therapieren, begleiten oder beraten. Während die Advanced Practice in verschiedenen Ländern bereits etabliert ist, keimt sie hierzulande erst. Sechs Personen in Advanced-Practice-Rollen, zu denen ihnen das Master-Studium die Türen geöffnet hat, diskutierten am Panelgespräch über ihren Werdegang, Chancen und Herausforderungen.

Stimmen aus dem Panelgespräch

  • «Als Pflegefachfrau war es für mich schwierig, den Blick für das Übergeordnete zu haben. Meine Sichtweise hat sich durch das Master-Studium Pflege klar erweitert.»
  • «Ich wusste bei Antritt des Master-Studiums noch nicht, auf welches Fachgebiet ich mich fokussieren möchte. Das war aber nicht problematisch: Mir haben sich im Laufe des Master-Studiums Türen geöffnet, von denen ich zu Beginn gar nicht wusste, dass es sie gibt.»

Sarah Pfaffen, Pflegeexpertin, Spitalzentrum Oberwallis

 

  • «Die Betreuung von schwangeren Frauen mit psychischen Erkrankungen ist fragmentiert. Dies führt beispielsweise bei der Geburtsplanung oder bei Fragen, wie es nach der Geburt weitergeht, zu Unklarheiten. Wird die Frau mit dem Kind nach Hause gehen? Welche Unterstützungsressourcen gibt es? Verfügen die Betreuenden überhaupt über das Wissen zu dieser Klientinnen-Gruppe? Eine Hebammenexpertin APM könnte in solchen Fällen die Federführung übernehmen und dafür sorgen, dass die Frau entsprechend ihrer besonderen Bedürfnisse betreut wird.»
  • «Komplexe Situationen im klinischen Alltag der Hebammen häufen sich. Es braucht Hebammen, die sich übergeordnet dafür einsetzen, die physiologische Geburtshilfe zu erhalten, aber auch, um neue Rollen zu entwickeln.»
  • «Der Co-Chefarzt fragte mich einst: ‘Du bist eine so gute Hebamme. Warum willst du nun Hebammenexpertin werden?’ Mittlerweile habe ich seine Wertschätzung auch als Hebammenexpertin und er kommt mit Anliegen auf mich zu.»

Lena Sutter, Hebammenexpertin, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Inselspital Bern


 

  • «Die Rolle von Advanced-Practice-Nurses ist zentral und sehr wichtig vor dem Hintergrund einer noch immer eher fragmentierten Versorgung. Genau dort, wo nicht klar ist, wer wofür zuständig ist, entfaltet sich unsere Arbeit, unser Nutzen.»
  • «Meine Zielgruppe besteht nicht nur aus den Patientinnen und Patienten, sondern auch aus den Mitarbeitenden. Im Kontext von hohen Burnout-Raten und dem sich zuspitzenden Fachkräftemangel ist es wichtig, dass Pflegefachpersonen im Alltag fachliche und persönliche Unterstützung erfahren. Coaching und Beratung sind Kernaufgaben einer APN. Daher profitieren auch Mitarbeitende von meiner Rolle als Clinical Nurse Specialist.»
  • «Das Bild der Akademikerin, des Akademikers im Elfenbeinturm trifft auf Personen in Advanced-Practice-Rollen nicht zu. Der Master of Science holt einen nicht weg vom Patientenbett, sondern gibt Wissen und Werkzeuge in die Hand, welche in die Versorgung einfliessen und diese verbessern.»

Annina Fröhlich, Pflegeexpertin APN/Clinical Nurse Specialist (CNS), Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin, Inselspital, Universitätsspital Bern.


 

  • «In Australien ist es selbstverständlich, dass eine Physiotherapeutin, ein Physiotherapeut an dem einen Tag in der Forschung tätig ist und am nächsten Tag Patientinnen und Patienten betreut. Da fragt niemand: ‘Warum absolvierst du ein Master-Studium? Warum betreibst du Forschung?’. Diesen Drive brauchen wir in der Schweiz.»

  • «Ein Doktorat in der Physiotherapie ist kein einfacher Weg. Es ist aber motivierend, wenn man sich die Puzzleteile nach und nach zu einem grossen Ganzen zusammensetzen kann.»

Anja Raab, Doktorandin Schweizer Paraplegiker Zentrum, Nottwil


 

  • «Das Master-Studium gab mir die Werkzeuge für interdisziplinäre Projekte im Kontext der Qualitätssicherung in der Ernährungsmedizin an die Hand. Heute traue ich mir diese Rolle zu.»

Lucia Winzap, Abteilungsleiterin Ernährungstherapie und Diabetesfachberatung in der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern


 

  • «Im Master-Studium lernte ich, kritischer zu denken und noch genauer hinzuschauen. Es verhalf mir zu einer breiteren Perspektive auf die Physiotherapie und unser Gesundheitswesen.»
  • «Der Blick ins Ausland motiviert und zeigt, wie viel Potenzial die Advanced-Practice-Rollen in der Physiotherapie haben.»
  • «Für alle diejenigen, die das Ziel haben, sich akademisch weiterzuentwickeln und in der Forschung oder Lehre tätig zu sein, ist der Abschluss Master of Science ein notwendiger und wichtiger Schritt.»

Stefan Zuber, Ressortverantwortlicher Ausbildungsprogramm Bachelor-Studiengang Physiotherapie Berner Fachhochschule Gesundheit; Physiotherapeut

 

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Fachgebiet: Gesundheit