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Im Quartier zuhören, verstehen, verändern

16.02.2026 Was braucht ein Quartier, damit die Menschen sich dort wohlfühlen? Quartierarbeiterin Carmen Fraefel geht dieser Frage im Bümplizer Fellergut systematisch nach – im Gespräch mit Bewohner*innen, mit Daten und mit geschultem Blick für Zusammenhänge. Ihre Arbeit zeigt exemplarisch, wie zentral die Analyse- und Lösungskompetenz für Bachelor-Absolvent*innen der Sozialen Arbeit ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Quartierarbeit beginnt mit genauer Analyse: Carmen Fraefel erhebt Bedürfnisse der Bevölkerung durch Gespräche, Beobachtungen und sozialräumliche Analysen.

  • Bewohner*innen sollen ihr Lebensumfeld aktiv mitgestalten und gemeinsam Lösungen für Herausforderungen im Quartier entwickeln.

  • Absolvent*innen der Sozialen Arbeit brauchen Analyse- und Lösungskompetenz, um komplexe soziale Situationen zu verstehen und passende Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

«Die Krähen. Ja, die sind wirklich ein Problem», die ältere Frau blickt nachdenklich zu den hohen Bäumen, über denen die Vögel kreisen. «Es hätte ein Dach gebraucht über unserer Sitzbank… Dieses war jedoch zu teuer. Nun ist auch die Bank weg.» Sie lacht: «Problem ‘gelöst’». Seit über 40 Jahren lebt sie im Quartier Fellergut in Berns Westen. Sonst störe sie eigentlich nichts. Auch nicht die paar «Töfflibuben», die nachts auf dem Hartplatz herumhängen. Sicher, ein paar Menschen plage die Einsamkeit, sie sei davon aber nicht betroffen. 

Carmen Fraefel hört der Frau aufmerksam zu und nickt. Auf den Quartierplan, der vor ihr liegt, klebt sie einen roten Punkt und hält fest: Bänkli entfernt wegen Krähen. «Mein Kollege Bernhard Schneider und ich möchten herausfinden, welche Themen die Bevölkerung hier bewegen und beschäftigen. Geht es um Freizeitgestaltung oder um Finanzielles? Braucht es mehr Begegnungsmöglichkeiten oder ein spezifisches Beratungsangebot?» 

Carmen Fraefel

Carmen Fraefel ist seit August 2025 Quartierarbeiterin bei der Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit (VBG). In dieser Funktion ist sie auch als Praxisausbildnerin tätig. Zusammen mit ihrem Kollegen Bernhard Schneider ist sie für die Bümplizer Quartiere Stöckacker, Schwabgut und Fellergut zuständig. 

Portraitbild Carmen Fraefel

Die Quartierarbeiterin bedankt sich für die Rückmeldung, verabschiedet die Frau und blickt über den leeren Sportplatz. «Aus diesem Grund sind wir heute hier vor Ort – zum ersten Mal mit unserer mobilen Station.» Ein Velo mit integriertem Tresen. Darauf stehen Getränke, Güetzi, ein Laptop und ein Blumensträusschen. Wimpel flattern im Wind und verbreiten gute Laune. Farbige Hocker laden zum Verweilen ein. Im Velokorb liegen verschiedene Flyer mit diversen Angeboten aus dem Quartier bereit.

Ein Velo mit integriertem Tresen steht vor einem Hartplatz.
Die Quartierarbeitenden sind heute zum ersten Mal hier vor Ort mit ihrer mobilen Station.

Bedürfnisse der Bewohner*innen aufspüren

«Wir versuchen heute mit der Mapping-Methode herauszufinden, was den Leuten gefällt, wo sie sich gerne aufhalten und ob es Orte gibt, die sie meiden.» Diese Recherche reiht sich ein in viele weitere sozialräumliche Analysen zum Fellergutquartier: «Wir haben statistische Daten studiert, Begehungen und Beobachtungen gemacht und sind nun an verschiedenen Plätzen und zu verschiedenen Zeiten vor Ort präsent und suchen das Gespräch mit den Leuten. Wie ein Puzzle setzt sich so nach und nach ein Gesamtbild zusammen.» Nachdenklich stimmen sie die kürzlich erfolgten Leerkündigungen. «Viele Menschen mussten sich eine neue Bleibe suchen, weil ein Wohnblock totalsaniert wurde. Es wird nicht der letzte gewesen sein.»

Wie ein Puzzle setzt sich nach und nach ein Gesamtbild zusammen.

  • Carmen Fraefel Quartierarbeiterin
Ein Quartierplan, Fragen und farbige Punkten liegen bereit.
Mit der Mapping-Methode können die Quartierbewohnenden beschreiben, was ihnen gefällt und missfällt.

Den Abschlusskompetenzen auf der Spur

Wer den Bachelor in Sozialer Arbeit absolviert, ist nach Abschluss des Studiums in zwölf professionellen Handlungskompetenzen fit (Kompetenzprofil). In verschiedenen Beiträgen gehen wir den Fragen nach, was unter diesen Kompetenzen zu verstehen ist, wie sich das «Kompetent-sein» in den verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit zeigt und wie es durch die enge Verzahnung von Hochschulsemestern und Praxisausbildung gelingt, den Kompetenzerwerb zu unterstützen.

Im Fokus dieses Beitrags steht die Analyse- und Lösungskompetenz: Bachelor-Absolvent*innen können komplexe individuelle, organisationale und gesellschaftliche Problemlagen analysieren und Lösungsorientierungen gewinnen und beurteilen.

Noch immer ist der Platz ausgestorben – trotz schönstem Frühlingswetter. Zeit für ein Kennenlerngespräch mit einem Sozialarbeiter der nahen katholischen Kirche. «Wir nutzen diesen Austausch mit anderen soziokulturellen Akteuren. So lernen wir deren Angebot kennen und erhalten viele Informationen über die Bedürfnisse der Bevölkerung.»

Plötzlich übertönt ein lautes Motor-Brummen das Krächzen der Krähen. Das Spielmobil Bern West tuckert auf den Hartplatz. Noch während zwei Kinder- und Jugendarbeiterinnen die Spielzeuge ausräumen, finden sich erste Kinder ein. Eine Mutter mit Kinderwagen wird von Fraefel auf ihre Bedürfnisse angesprochen: «Mir fehlt ein schöner Spielplatz», sagt sie, «viele hier sind veraltet». 

Viele Menschen haben ein grosses Interesse daran, ihre Lebenswelt mitzugestalten.

  • Carmen Fraefel Quartierarbeiterin

Wie reagieren die Menschen, wenn sie von Quartierarbeitenden angesprochen werden? «Ich erlebe sie als sehr interessiert und offen. Sie erzählen mir viel von ihrem Leben, von ihren Kindern, ihrer Wohnsituation. Viele haben ein grosses Interesse, ihre Lebenswelt mitzugestalten», sagt Carmen Fraefel. Ihre Rolle als Quartierarbeiterin geht weit über das Vermitteln bei Konflikten hinaus: «Wir regen vielfältige Initiativen der Bevölkerung an und unterstützen sie in der Umsetzung.» Möglichst viel Partizipation in der Ausgestaltung des Zusammenlebens ermöglichen – das ist das Ziel der Sozialen Arbeit im Quartier. Auch, um Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen. 

Analyse nach strukturiertem Vorgehen

«Wir gehen dabei sehr strukturiert vor: Wir setzen uns für jede Phase Ziele und überprüfen laufend, ob wir sie erreichen und ob sie richtig gesetzt sind: Sind wir am richtigen Ort? Haben wir die richtigen Angebote?» 

Nun plötzlich lebt der Platz. Kinder lachen und spielen. Die Eltern plaudern miteinander. Fraefel vertieft sich in ein Gespräch mit einem ungefähr 50-jährigen Mann. Er erzählt ihr von seinem Verein, in dem er sich engagiert. Die Krähen und ihr Krächzen – man nimmt sie kaum mehr wahr. «Es ist ein riesiges Privileg, mit Menschen zusammen herauszufinden, was sie möchten und mit ihnen zusammen darauf hinzuarbeiten, dass es realisiert werden kann», sagt Carmen Fraefel nach dem Gespräch mit Begeisterung im Blick. Eine Begeisterung, die auch die Studierenden im Praktikum bei ihr anstecken wird.

Blick auf den Hartplatz, der sich mit Kindern gefüllt hat.
Nun plötzlich lebt der Platz. Kinder lachen und spielen.

Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit

Die Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit VBG ist Anlaufstelle für Fragen und Anliegen zum Leben in Berner Quartieren. Sie unterstützen bei der Umsetzung eigener Ideen und helfen bei Herausforderungen im Quartier und in der Nachbarschaft. Die als Verein organisierte Non-Profit-Organisation wurde 1967 gegründet. Studierende der BFH können bei der VBG Praktika absolvieren.

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