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«Architektur ist ein grosses Experimentierfeld»

26.01.2026 Nelly Pilz und Matthew Phillips haben im August 2025 die Co-Studiengangsleitung des Bachelor Architektur an der BFH übernommen. Sie setzen auf Praxisnähe, Interdisziplinarität und Nachhaltigkeit – und fördern den Diskurs zwischen Studierenden, Fachpersonen und der breiten Öffentlichkeit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Im August 2025 haben Nelly Pilz und Matthew Phillips die Studiengangsleitung des Bachelor Architektur an der BFH von Daniel Boermann übernommen.
  • Sie legen den Fokus auf Praxisnähe, Interdisziplinarität und Nachhaltigkeit. Etwa mit Themen wie Re-Use oder dem Einsatz von digitalen Hilfsmitteln wie KI oder Lifecycle-Analyse-Tools.
  • Unter dem Dach eines Jahresthemas organisieren sie Veranstaltungen und fördern so den Austausch zwischen Studierenden, Fachleuten und der breiten Öffentlichkeit.

Weshalb empfehlen Sie Interessierten, Architektur an der BFH zu studieren?

Nelly Pilz: Was uns so gefällt, ist die die persönliche, familiäre Atmosphäre. Man redet miteinander, auch wenn es mal Differenzen gibt. Zudem ist die Interdisziplinarität bereits strukturell angelegt: Wir sitzen etwa mit den Studiengangsleiter*innen für Holztechnik und Bauingenieurwesen im selben Raum (lacht). Die Wege sind kurz – auch für die Studierenden. Die Fächer inspirieren sich gegenseitig.
 

Matthew Phillips: Die Studierenden haben oft schon eine Lehre als Bauzeichner*in oder Ähnliches absolviert, wissen viel über Konstruktion, beherrschen die CAD-Programme. An der BFH herrscht also ein hohes technisches Niveau – und ein hoher gestalterischer Anspruch.

Nelly Pilz und Matthew Phillips - Co Leitung BA Architektur
Co-Studiengangsleitung Bachelor Architektur: Nelly Pilz und Matthew Phillips

Sie haben im August die Co-Studiengangsleitung übernommen: Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

NP: Genau diese Verbindung des Technischen mit dem Gestalterischen, die erwähnte Interdisziplinarität und Flexibilität. Wir bearbeiten Fragen, wie man gleichzeitig das konkrete Lokale einbinden und das übergeordnete Globale im Kopf haben kann. Also wie man die klassischen Formen der Architektur ins Hier und Jetzt überträgt. Zudem ist die Fachhochschule stets sehr nahe an der Praxis, unser Fokus liegt auf realen Fragestellungen.
 

MP: Die Nachhaltigkeit. Unser Vorgänger Daniel Boermann hat sich dafür eingesetzt, dass diese fest verankert ist. Das wollen wir unbedingt weiterführen. Die BFH ist laut Nachhaltigkeitsranking des WWF die führende Hochschule in diesem Themenbereich. Auch neben den Nachhaltigkeitsthemen fördern wir das kritische Denken.

«Architektur ist gleichzeitig eine technische, ästhetische, kulturelle und soziale Praxis. Es gibt per se kein Richtig oder Falsch.»

  • Nelly Pilz Co-Studiengangsleiterin Bachelor Architektur

Wie tun Sie das?

MP: Beispielsweise mit dem Atelier-Unterricht. Dort stellen wir den Studierenden etwa die Aufgabe, mit den Bauteilen eines abgerissenen Gebäudes etwas Neues zu bauen. Dafür müssen sie zu Beginn recherchieren und eine spezifische Fragestellung rund um ein Material, einen Ort, eine Konstruktionsweise etc. erarbeiten. Diese Frage müssen sie dann gegenüber uns Expert*innen verteidigen. Sie können also selbst entscheiden, welchen Fokus sie setzen und haben Sparring-Partner*innen mit viel Erfahrung, die Rückfragen stellen und Verbesserungspotenzial aufzeigen.

Lernen Sie auch von den Studierenden?

NP: Ja, sehr viel! Die Diskussionen sind extrem interessant. Das ist das Tolle am Unterrichten – es ist nie einseitig. Im letzten Semester hatten wir zum Beispiel einen Studierenden, der eine neue Denkmalstrategie vorschlug, in der man Tragstrukturen unter Schutz stellen sollte. Bei einer guten Tragfähigkeit dürfte man das Gebäude etwa nicht abreissen, sondern müsste es umnutzen. Er entwarf neben einer Theorie auch ein Beurteilungsraster. Ich mag solche Ideen, auch wenn es vorerst Gedankenspiele sind.

Wie sehen Ihre Werdegänge aus?

NP: Nach meinem Masterstudium an der ETH habe ich mich viel mit sozialem und genossenschaftlichem Wohnungsbau beschäftigt. Auch in der Lehre an der HSLU und der ETH Zürich bin ich diesem Interesse nachgegangen. Heute arbeite ich inhaltlich zu Re-Use, zum Bauen mit tragendem Naturstein und zur feministischen Baupraxis und betreue an der BFH unter anderem Thesis- und Re-Use-Ateliers. Daneben betreibe ich mein eigenes Architekturbüro.

MP: Ich bin in der Nähe von London aufgewachsen. Ich habe an der Royal Danish Academy, der Kingston School of Art, der London School of Architecture, der TU Berlin und ebenfalls der ETH Zürich gelehrt. Nelly und ich kennen uns, seit ich 2019 ihre Mutterschaftsvertretung an der ETH war – und im Anschluss am Lehrstuhl weiterarbeiten konnte.

«Stellen wir uns vor, graue Energie würde Geld kosten: Sofort wäre es weniger lukrativ, ein Gebäude abzureissen und neu zu bauen. Genau solche Diskurse wollen wir anstossen.»

  • Matthew Phillips Co-Studiengangsleiter Bachelor Architektur

Wo haben Sie unterschiedliche Meinungen?

Er trinkt seinen Cappuccino mit Kuhmilch und ich mit Hafermilch (lacht). Ich muss sagen, wir sind ein sehr eingespieltes Team und haben kaum inhaltliche Differenzen. Wir haben über sieben Jahre Erfahrung in der Zusammenarbeit, sind befreundet und realisieren neben dem Lehrauftrag auch gemeinsame Kunstprojekte.

Wie wohnen Sie?

NP: Ich habe für einige Zeit in einer Gross-WG auf dem Zwicky-Areal in Zürich gewohnt. In einem kleinen Cluster, das an eine 10er-WG angeschlossen war. Momentan wohne ich mit meiner Familie ziemlich klassisch.
 

MP: Ich wohne in meinem Atelier. Ich habe dort einen Raum und eine Gemeinschaftsküche. Ich wohne also eher experimentell.

BA Architektur BFH
Bachelorstudium Architektur an der BFH: Wissensbasiert, bedürfnisfokussiert, zukunftsorientiert

Was macht den Beruf des oder der Architekt*in für Sie aus?

NP: Architektur ist gleichzeitig eine technische, ästhetische, kulturelle und soziale Praxis. Es gibt per se kein Richtig oder Falsch. Es gibt einfach Lösungen, die für bestimmte Situationen mehr oder weniger geeignet sind, je nach Fokus. Als Architekt*in arbeitet man immer an einer Schnittstelle: Wir bereiten die Studierenden auch auf Verhandlungen zwischen Bauherren, Investor*innen und zukünftigen Mieter*innen vor. Es ist z.B. belegt, dass Menschen sich zunehmend auch unkonventionellere Wohnformen vorstellen können, etwa mit weniger Fläche oder geteilter Küche. Doch oft setzen die Investor*innen immer noch auf klassische 3,5-Zimmer Wohnungen. Die lohnen sich am meisten: Man kann sie alleine bewohnen, als Paar, als Familie. Solche Spannungsfelder können aufreibend sein, aber sie halten agil.
 

MP: Die Architektur ist ein grosses Experimentierfeld. Heutzutage braucht es etwa immer mehr Lösungen für Re-Use, also die Wiederverwendung von Materialien. Im Bereich der digitalen Tools und des Einsatzes von KI sind wir auf dem neusten Stand. Wir setzen z.B. ein Lifecycle-Analyse-Tool ein, das berechnet, wie viel graue Energie ein Bauteil enthält. So können wir mit Zahlen aufzeigen, was man bei der Weiterverwendung spart. Durch Messbarkeit werden Dinge nachvollziehbar. Stellen wir uns vor, graue Energie würde Geld kosten: Sofort wäre es weniger lukrativ, ein Gebäude abzureissen und neu zu bauen. Genau solche Diskurse wollen wir anstossen.

Wie machen Sie das?

NP: Dazu setzen wir jeweils ein Jahresthema, dieses Jahr «Constructing Radical Ecologies». Unter diesem Deckmantel fördern wir den Austausch zwischen Studierenden, Fachleuten und der Öffentlichkeit. Es gibt jeweils eine Jahresausstellung im Kornhausforum, ein Symposium, einen Tag der offenen Tür. Zudem haben wir neue junge Dozierende eingestellt, das regt an. Soeben hatten die Studierenden in einem Atelier den Auftrag, alte Berner Scheunen umzunutzen – und zwar eben radikal. Ich kann mir gut vorstellen, dass da auch jemand vorschlägt, das gesamte Bauernhaus in der Mitte durchzuschneiden. Denn sie dürfen den Denkmalschutz und die Machbarkeit vorerst aussen vor lassen (lacht).

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