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Was funktioniert noch? Ausnahmefragen in der Beratung

04.11.2026 In der Sozialhilfe können Ausnahmefragen vorhandene Stärken und Ressourcen aktivieren. Im Rahmen einer CAS-Abschlussarbeit wurden zwei Praxisfälle analysiert. Sie zeigen, wie der Perspektivenwechsel die Eigen­initiative fördern kann und wo die Grenzen liegen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ausnahmefragen helfen in der Sozialberatung, den Blick auf vorhandene Stärken und gelingende Situationen zu richten und so Eigeninitiative sowie Selbstwirksamkeit zu fördern.

  • Im Beispiel einer alleinerziehenden Mutter führten sie dazu, dass sie frühere Unterstützungsstrategien wieder nutzte und ihre Situation spürbar verbesserte.

  • Bei komplexen Problemen wie einer Suchterkrankung stösst die Methode jedoch an Grenzen und muss durch weitere unterstützende Massnahmen ergänzt werden.

In welchen Situationen ist Ihr Problem weniger stark ausgeprägt oder tritt gar nicht auf? Diese und weitere Ausnahmefragen helfen, bei Sozialberatungen Lösungen zu finden. Die Intervention wird im Rahmen des CAS Sozialberatung als eine von zahlreichen Techniken unterrichtet. Zwei Praxisfälle aus einem Sozialdienst zeigen, inwiefern Sozialhilfebeziehende mit dem Fokus auf funktionierende Situationen besser beraten werden können.

Ausnahmefragen richten den Fokus auf Situationen, in denen  die Probleme der Klient*in nicht oder weniger stark auftreten. Dadurch können Ressourcen entdeckt werden, die helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden.
Ausnahmefragen richten den Fokus auf Situationen, in denen die Probleme der Klient*in nicht oder weniger stark auftreten. Dadurch können Ressourcen entdeckt werden, die helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden.

Ressourcenaktivierung

Im ersten Fall bezieht eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder seit mehreren Jahren Sozialhilfe. Sie sagte wiederholt Termine kurzfristig ab. Es gelang ihr deshalb nicht, mit dem Sozialdienst verbindliche Regeln zu vereinbaren und einzuhalten. Als die Klientin gefragt wurde, wann sie zuletzt ihre Termine regelmässig einhalten konnte, verschob sich der Fokus des Gesprächs. Sie erinnerte sich, dass sie früher zuverlässig zu Terminen erschien, wenn sie diese gemeinsam mit ihrer Mutter geplant hatte. Zudem wurde ihr die Bedeutung der Gespräche mit ihrer Psychologin bewusst, zu der sie mittlerweile keinen Kontakt mehr hatte. Diese Rückbesinnung führte dazu, dass die Klientin ihre Ressourcen gezielt reaktivierte. Sie begann, ihre Termine systematisch vorzubereiten und mit ihrer Mutter abzusprechen. Zudem sah sie erneut ihre Psychologin. Bereits nach wenigen Wochen berichtete sie von positiven Veränderungen: Sie fühlte sich weniger überfordert und erlebte ihre Situation wieder als kontrollierbar. Der Fall zeigt, dass Ausnahmefragen nicht nur Erinnerungen aktivieren, sondern auch konkrete Handlungen anstossen können. Die Klientin nutzte ihre eigenen Stärken und erkannte, dass sie auf frühere unterstützende Strukturen zurückgreifen kann. Das ressourcenorientierte Vorgehen setzte ihre Motivation frei und stärkte ihren Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit.

Methodische Grenzen

Ein zweiter Fall zeigt die Grenzen der Methode auf. Ein älterer Mann litt seit Jahren an einer Alkoholabhängigkeit, lebte zurückgezogen und pflegte nur sporadischen Kontakt zu seinen beiden erwachsenen Kindern. Langjährige Interventionen und mehrere Zuständigkeitswechsel brachten keinen nachhaltigen Erfolg. Im Beratungsgespräch halfen Ausnahmefragen, Phasen aus der Vergangenheit zu finden, in denen er seinen Alkoholkonsum erfolgreich regulieren konnte. Der Klient konnte solche Momente zwar benennen, gleichzeitig kehrte er jedoch immer wieder zur Darstellung zurück, sämtliche Schwierigkeiten in seinem Leben seien durch seine Exfrau verursacht worden. Er lehnte damit konsequent die Verantwortung für seine Situation ab und zeigte keine Bereitschaft, Veränderungen eigenständig umzusetzen. An den folgenden Terminen fehlte er entweder unentschuldigt, oder er erschien stark alkoholisiert. Seine tief verwurzelte Suchtproblematik überlagerte den angestossenen Reflexionsprozess deutlich. Der Fall zeigt, dass Ausnahmefragen nicht automatisch wirken. Bei komplexen Belastungen, wie Suchterkrankungen oder schweren psychischen Störungen, reicht es nicht aus, positive Erinnerungen zu aktivieren. Für nachhaltige Veränderungen sind hier ergänzende, stabilisierende Massnahmen erforderlich, die den Beratungsprozess sichern und längerfristige Fortschritte ermöglichen.

CAS Sozialberatung

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Der Studiengang:

  • befähigt Sie, die Kompetenz von Klient*innen zu fördern, Ressourcen zu erschliessen und Netzwerke zu koordinieren,
  • unterstützt Sie, erlerntes Wissen in Ihre individuelle Praxis zu transferieren,
  • besteht aus dem SAS Sozialberatung, zwei wählbaren vertiefenden SAS zur berufs- und interessenspezifischen Vertiefung sowie einer Abschlussarbeit,
  • wird zusammen mit der Hochschule Luzern — Soziale Arbeit durchgeführt.

Der Einsatz in der Praxis

In der Sozialberatung sind Ausnahmefragen ein wirkungsvolles Instrument, jedoch mit klaren Grenzen. Bei stabilen sozialen und psychischen Voraussetzungen fördern sie Eigeninitiative, Motivation und Selbstwirksamkeit. Klient*innen lernen, auf vorhandene Ressourcen zurückzugreifen und diese gezielt einzusetzen. In komplexen Lebenslagen, etwa bei schwerwiegender Sucht oder multiplen Belastungen, reicht die Methode nicht aus. Somit sollten Sozialarbeitende beim Einsatz von Ausnahmefragen folgende Punkte berücksichtigen:

  1. Gezielter Einsatz: Ausnahmefragen sollten bei Klient*innen eingesetzt werden, die in der Lage sind, über positive Erfahrungen nachzudenken. Die Fragen unterstützen sie dabei, handlungsleitende Impulse zu erkennen und konkrete Verbesserungsschritte anzustossen.
  2. Individuelle Anpassung: Die Fragen sollten die jeweilige Lebenssituation der Klient*innen berücksichtigen und entsprechend angepasst werden, damit sie ihre Ressourcen optimal aktivieren.
  3. Ergänzende Massnahmen bei komplexen Problemen: Bei tiefgreifenden Belastungen – etwa durch Sucht oder psychische Erkrankungen – sind zusätzliche therapeutische oder stabilisierende Interventionen erforderlich.
  4. Kombination von Methoden: Ausnahmefragen sollten Teil eines Gesamtansatzes sein, der die lösungsorientierte Gesprächsführung mit der stabilisierenden Begleitung verbindet. So kann die Wirksamkeit der Beratung maximiert werden.

Ausnahmefragen sind kein Allheilmittel. Gezielt eingesetzt können sie jedoch den Fokus auf positive Aspekte legen, die Eigeninitiative stärken und wichtige Impulse für Veränderungsprozesse geben.