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Das Lötschental als Lernort
29.10.2026 Seit mehreren Jahren ist das Lötschental für Studierende und Mitarbeitende der Berner Fachhochschule ein Ort des Lernens und des Austauschs. Nach dem Bergsturz von Blatten am 28. Mai 2025 erhielt dieses Engagement eine neue Dimension: Fachpersonen der BFH brachten ihr Wissen in einen frühen Workshop zum Wiederaufbau ein. Im September 2026 kehrten Mitarbeitende nach Weissenried zurück und packten bei der Reinigung historischer Fassaden selbst mit an.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Lötschental ist seit mehreren Jahren ein Reallabor der BFH.
- In Weissenried packen BFH-Mitarbeitende ganz konkret mit an.
- Beim Wiederaufbau geht es auch um die Frage, wie Zukunft gemeinsam gestaltet werden kann
Im Weiler Weissenried geht es an diesem Septembertag ganz konkret um historische Fassaden. Der Bergsturz hat auch hier Spuren hinterlassen: Staub und Schmutz haben sich auf der jahrhundertealten Bausubstanz abgelagert. Unter der fachlichen Leitung des Holzrestaurators Peter Egloff reinigen Mitarbeitende der BFH-AHB die Fassaden sorgfältig von Hand.
Der Einsatz ist Teil eines grösseren Engagements für Weissenried. Die Stiftung Blatten, der Fachbetrieb von Peter Egloff, die Berner Fachhochschule und das Bundesamt für Kultur setzen sich dafür ein, das bauliche Erbe zu erhalten und einen konkreten Beitrag zur Bewältigung der Folgen des Bergsturzes zu leisten.
Neue Realität im Reallabor
Das Lötschental war für die BFH schon vor der Katastrophe ein Reallabor. In den Special Weeks 2022 und 2023 sowie in einer Summer School 2024 setzten sich Studierende interdisziplinär mit dem alpinen Lebens- und Landschaftsraum auseinander. Das Lötschental bot ihnen die Möglichkeit, komplexe räumliche Fragestellungen direkt vor Ort zu untersuchen und unterschiedliche fachliche Perspektiven zusammenzubringen.
Am 28. Mai 2025 erhielt die Auseinandersetzung eine völlig neue Dringlichkeit. Der Bergsturz zerstörte grosse Teile von Blatten und veränderte das Leben der Bevölkerung grundlegend.
Was kann eine Hochschule nach einer Katastrophe beitragen?
Schon kurz nach dem Bergsturz kamen Fachpersonen verschiedener Disziplinen zusammen, um erste Grundlagen zu schaffen und Perspektiven für die weitere Entwicklung des Lötschentals auszuloten. Im Vordergrund stand nicht die schnelle Lösung, sondern ein Verständnis für die Zusammenhänge und die nächsten Schritte.
Urs Heimberg brachte den Ansatz später in seiner Abschiedsvorlesung auf einen einfachen Nenner: Das grosse Ganze betrachten, gemeinsam mit der Bevölkerung Zukunftsperspektiven entwickeln und daraus Schritt für Schritt konkrete Lösungen für den Wiederaufbau ableiten. Ein Bergsturz im Ausmass von Blatten erfordert einen kontinuierlichen Partizipationsprozess, in dem sich die Bevölkerung den Anforderungen an das neue Dorf annähern kann. Entsprechend muss eine «lernende» Projektorganisation gewählt werden, die es ermöglicht, neue Erkenntnisse und Bedürfnisse laufend aufzunehmen und in die weitere Planung zu integrieren
«Das grosse Ganze betrachten, gemeinsam mit der Bevölkerung Zukunftsperspektiven entwickeln und daraus Schritt für Schritt konkrete Lösungen für den Wiederaufbau ableiten.»
Zwischen Bewahren und neu denken
Der Bergsturz hat das Reallabor Lötschental grundlegend verändert. Klimawandel, Naturgefahren, Siedlungsentwicklung, Landschaft und gesellschaftliche Teilhabe sind hier keine abstrakten Themen mehr. Sie gehören zur Lebensrealität. Wie lassen sich Sicherheit und Lebensqualität verbinden? Was soll bewahrt werden, was muss neu gedacht werden? Und wer entscheidet darüber?
Solche Fragen beschäftigen auch Lehre und Forschung der BFH. Fachwissen zu Naturgefahren, Raumplanung, Baukultur, Holz und Landschaft hilft, Risiken besser zu verstehen und mögliche Wege aufzuzeigen. Entscheidend bleibt, dieses Wissen mit den Erfahrungen und Bedürfnissen der Menschen vor Ort zu verbinden.
Ein besonderer Abschied
Am Tag des Einsatzes in Weissenried hielt Urs Heimberg seine Abschiedsvorlesung. Nach vielen Jahren an der BFH, in denen er als Dozent und in verschiedenen Leitungsfunktionen Lehre und Entwicklung mitprägte, blickte er auf 35 Jahre Transformationsprozesse in Lehre und Praxis zurück. Viele Themen seines Wirkens kamen an diesem Tag zusammen: räumliche Transformation, Partizipation, alpine Baukultur, Klimawandel und die Verantwortung von Planenden und Hochschulen.
Für die nächste Generation von Fachpersonen brachte er drei Forderungen auf den Punkt: Zukunftsorientierte Ingenieurinnen und Architektinnen handeln demokratisch, lassen kommenden Generationen möglichst viel Gestaltungsfreiheit und behalten stets das Einfache und Angemessene im Blick.
Dass dieser Tag nicht im Hörsaal, sondern mit Bürsten, Wasser und sorgfältiger Arbeit an historischen Fassaden begann, passt zu dieser Haltung. Das Engagement der BFH im Lötschental zeigt: Eine Hochschule stellt nicht nur Wissen bereit. Sie hört zu, lernt mit und packt dort mit an, wo ihr Beitrag gefragt ist.