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Technologie gemeinsam denken

11.06.2026 Innovation durch Partizipation: Die Berner Fachhochschule setzt bei der Entwicklung von digitalen Assistenztechnologien auf die Mitwirkung von Betroffenen. Ein Schulterblick im Projekt RETHINK.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Berner Fachhochschule setzt im Projekt RETHINK auf Partizipation, indem Betroffene aktiv in die Entwicklung digitaler Assistenztechnologien eingebunden werden. So entstehen Lösungen, die sich an realen Bedürfnissen orientieren.

  • Die bisherigen Erfahrungen mit einem Roboterarm zeigen, dass technologische Innovationen nur dann erfolgreich sein können, wenn sie gemeinsam mit den Zielgruppen geprüft und in iterativen Schritten weiterentwickelt werden.

  • Mit dem strategischen Ansatz der humanen digitalen Transformation stellt die Berner Fachhochschule den Menschen ins Zentrum: Innovation soll nicht Selbstzweck sein, sondern Würde, Eigenständigkeit und Lebensqualität fördern.

«Mund abwischen», «Katze füttern», «PC bedienen» oder «Fenster öffnen»: Die Kärtchen auf dem Tisch zeigen sofort, wo sich die um ihn gruppierten Menschen mehr Eigenständigkeit wünschen. Es sind alltägliche Bedürfnisse, direkt geäussert von Betroffenen mit Einschränkungen der oberen Extremitäten.

Sie nehmen an diesem Nachmittag an einem Ideations-Workshop im Rahmen des Projekts RETHINK der Berner Fachhochschule (BFH) teil. Das Projekt wird gefördert vom strategischen Themenfeld Humane Digitale Transformation – genau wie sechs weitere Projekte. «Wir setzen den Menschen ins Zentrum der digitalen Transformation», lautet der strategische Grundsatz, den die BFH konsequent verfolgt. Der Fokus bei der Erforschung und Entwicklung digitaler Lösungen liegt auf Menschlichkeit und klaren Werten: Technologie soll so gestaltet werden, dass sie die Würde, die Rechte und sozialen Beziehungen sowie das Wohlergehen der Menschen respektiert und fördert.

Teilnehmer*innen für Online-Umfrage gesucht

Um ein möglichst umfassendes Bild der Bedürfnisse in Bezug auf Assistenztechnologien zu erhalten, wird eine breit angelegte Online-Umfrage durchgeführt.

Gesucht sind Personen mit Einschränkungen der oberen Extremitäten – diagnoseunabhängig, z.B. bei ALS, MS, Rückenmarksverletzungen, Schlaganfall, CP, Muskeldystrophie, Amputationen, Arthrose oder altersbedingte Einschränkungen.

Wir sind auf Ihre Unterstützung angewiesen und wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Umfrage ausfüllen und/oder an betroffene Personen weiterleiten.

Ein Roboterarm, der viel bewirkt – oder?

Das Projekt RETHINK unter der Leitung von Prof. Dr. Anja Raab knüpft hier an. Es führt das Vorgängerprojekt BFH-FAIR der Departemente Gesundheit sowie Technik und Informatik weiter, das in den Jahren 2023 bis 2025 mit einem interdisziplinären Team einen Roboterarm mit und für Menschen mit Tetraplegie entwickelte. Das Assistenzsystem gewann den Jury-Preis am Cybathlon 2024, einem Wettbewerb der ETH Zürich. Im nächsten Schritt wurde die Assistenztechnologie während mehrerer Monate in der privaten Umgebung von Betroffenen getestet.

Wir sind uns gewohnt, zu planen. Im Hinterkopf bleibt aber der Wunsch nach Selbständigkeit und Spontaneität.

  • Vanessa Grand BFH-Mitarbeitende

Die Auswertung der Testphase zeigte jedoch: Der Roboterarm wird seltener im Alltag der Testpersonen eingesetzt, als erhofft. Laut den Feedbacks war er noch zu gross und zu komplex in der Bedienung. Dem Projektteam wurde klar: Die Assistenztechnologie muss weiterentwickelt werden, um einen relevanten Nutzen für die Zielgruppe zu stiften. Deshalb wird das Projekt nun konzeptionell wieder aufgerollt unter dem Motto «RETHINK»: Das Projektteam hinterfragt die bisherige Arbeit selbstkritisch und öffnet den Horizont. Ziel ist es, den Bedürfnissen der Betroffenen künftig deutlich besser gerecht zu werden.

Menschen mit und ohne körperliche Beeinträchtigung sitzten in einem Seminarraum an Tischen zusammen.
Der Workshop im Rahmen des Projekts RETHINK vereint Personen mit Einschränkungen der oberen Extremitäten, Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit und Technik, Angehörige, Begleitpersonen und Expert*innen aus unterschiedlichen Disziplinen.

Innehalten, reflektieren und Forschung neu ausrichten

Genau das ist nun möglich im Rahmen einer Anschubfinanzierung, die das strategische Themenfeld Humane Digitale Transformation der BFH leistet. Der Kreis der partizipierenden Personen wird bei RETHINK erweitert: Das Projektteam evaluiert nicht nur die Bedürfnisse von Tetraplegiker*innen, sondern bezieht alle Personen mit Einschränkungen der oberen Extremitäten ein. Der erste Schritt dazu ist eine breit angelegte Online-Befragung, der zweite der hier genannte Ideations-Workshop. Weiter werden gesundheitsökonomische Perspektiven ein Thema sein.

Ein junger Mann erklärt stehend einer Gruppe Sitzender etwas in einem Seminarraum.
Das Ziel des Workshops ist es, Bedürfnisse zu artikulieren, zu gewichten und ein Brainstorming für mögliche Lösungen durchzuführen.

Partizipation ganz konkret

Im Workshop kommen sechs betroffene Personen mit unterschiedlichen Einschränkungen, Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit und Technik, Angehörige, Begleitpersonen und Expert*innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Das Ziel des Nachmittags: Bedürfnisse zu artikulieren, zu gewichten und ein Brainstorming für mögliche Lösungen durchzuführen.

Ich sehe nicht das Problem, sondern die Lösung.

  • Christoph Mutzner Unternehmer

Die Beteiligung in den vier Workshop-Gruppen ist rege, es wird vieles eingebracht und diskutiert. Die Teilnehmenden stehen dabei an unterschiedlichen Punkten. Christoph Mutzner, ehemaliger Journalist und selbst betroffen von Einschränkungen, bringt viel Expertise mit. «Ich sehe nicht das Problem, sondern die Lösung. Mit meiner Firma entwickle ich in Zusammenarbeit mit Partnern selbst Assistenztechnologien und setze mich seit längerem vertieft mit dem heutigen Thema auseinander.» Für andere Teilnehmende ist es das erste Mal, dass sie in einer grösseren Gruppe über ihre Erfahrungen sprechen.

Porträt von Christoph Mutzner
Workshop-Teilnehmer Christoph Mutzner ist ehemaliger Journalist, Unternehmer und selbst betroffen von Einschränkungen.

Der Mensch im Zentrum digitaler Transformation

Während des Workshops kristallisiert sich heraus, dass spontane Bedürfnisse besonders wichtig sind und mittels einer Assistenztechnologie zu unterstützen wären: sich einen Kaffee herauslassen, etwas Heruntergefallenes vom Boden aufheben oder das Fenster öffnen. Dabei werden auch die Grenzen der Technik thematisiert. Vanessa Grand, Betroffene und BFH-Mitarbeitende: «Bei allem, was den Körper anbelangt – Duschen, Toilettengänge etc. – bevorzuge ich eine Person, die mir dabei behilflich ist. Alles andere darf gerne eine technische Assistenz übernehmen.»

Porträt von Vanessa Grand
Workshop-Teilnehmerin und BFH-Mitarbeiterin Vanessa Grand thematisierte im Workshop auch die Grenzen der Technik.

Die gemeinsam entwickelten Produktideen reichen von einem multifunktionellen Tool analog einem Schweizer Sackmesser über programmierbare Chips oder Sensoren bis zum Exoskelett und – futuristisch – der Steuerung einer Assistenztechnologie über Gedanken.

Innovation als Antwort auf reale Bedürfnisse

Die Überlegungen, die im Rahmen des Ideationsworkshops entstanden sind, fliessen in die weiteren Arbeiten des Projektteams ein. Vanessa Grand bilanziert für sich: «Das Brainstorming war sehr spannend, hat aber auch aufgezeigt, wie durchstrukturiert wir Menschen mit Behinderung in unserem aktuellen Leben sind. Wir sind uns sehr gewohnt, zu planen und Hilfe anzunehmen. Trotzdem ist im Hinterkopf der Wunsch nach mehr Selbständigkeit und Spontaneität da.»

Die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Patient*innen sind sehr individuell. Nicht alle können dieselbe Assistenztechnologie bedienen.

  • anonym Ergotherapeutin

Eine Ergotherapeutin mit 40-jähriger Berufserfahrung unterstreicht diese Aussage: «Der gemeinsame Nenner all meiner Patient*innen mit Einschränkungen ist der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit. Gleichzeitig sind die Bedürfnisse und Fähigkeiten sehr individuell. Nicht alle können dieselbe Assistenztechnologie bedienen.»

Der Einblick in das Projekt RETHINK zeigt exemplarisch, was für die Forschung im Themenfeld Humane Digitale Transformation und für die Berner Fachhochschule als Ganzes eminent wichtig ist: Innovation darf kein Selbstzweck sein. Für Ergebnisse von hoher Qualität und Wirkung braucht es einen iterativen Prozess und die Fähigkeit zum Hinschauen, Reflektieren und Neuorientieren – gemeinsam mit der Bezugsgruppe.

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