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Douglasien als Lehrmeister

03.06.2026 Einige unscheinbare Douglasien in der Ukraine öffnen ein Fenster in die Vergangenheit und liefern wertvolle Hinweise für die Waldbewirtschaftung der Zukunft.

In einem Wald in der Westukraine ragt eine Gruppe Douglasien über den umliegenden Bestand hinaus. Ihre geraden Stämme reichen bis ins Kronendach, ihre Rinde ist tief gefurcht. Für ungeübte Augen sind sie einfach nur hohe Bäume unter vielen. Für Christian Rosset, Waldwissenschaftler und Professor für Waldbau an der BFH-HAFL, erzählen sie jedoch eine Geschichte, die mehr als ein Jahrhundert zurückreicht.

Die Bäume wurden Ende des 19. Jahrhunderts gepflanzt. Damals experimentierten Forstleute mit neuen Baumarten. Samen der nordamerikanischen Douglasie gelangten nach Europa. Die Art versprach rasches Wachstum, gerade Stämme und wertvolles Holz.

Auf rund 1,8 Hektar wurden mehrere hundert Jungbäume gepflanzt. Doch nur ein Teil setzte sich im Wettbewerb um Licht und Raum durch. Niemand ahnte damals, dass diese Bäume einmal Zeugen politischer Umbrüche, von Kriegen und tiefgreifenden Veränderungen in der Waldbewirtschaftung werden würden.

Mehr als 120 Jahre später ist der Bestand ein lebendiges Archiv der Forstgeschichte. «Wälder speichern Zeit», sagt Rosset.

«Wer weiss, worauf er achten muss, erkennt darin Vergangenheit und Zukunft.» Beim Gang durch den Bestand liest er Spuren, die den meisten verborgen bleiben: Eine Lücke im Kronendach zeigt, wo früher Bäume gefällt wurden. Unterschiede in Höhe, Baumarten oder Abständen verraten frühere Eingriffe, die den Bestand bis heute prägen.

Unter den Altbäumen wachsen jüngere Bäume in Lichtinseln heran. Sie zeigen, wie sich der Wald Schritt für Schritt erneuert. Seit 2022 arbeitet Rosset mit ukrainischen Försterinnen und Förstern zusammen, um seine Erfahrungen mit naturnaher Waldbewirtschaftung weiterzugeben.

Ein Blick in die Baumkronen ist Blick in Vergangenheit und Zukunft.
Ein Blick in die Baumkronen ist Blick in Vergangenheit und Zukunft.

Die Vielfalt ist entscheidend

Ein wichtiges Ausbildungsinstrument ist das sogenannte Marteloskop: eine Waldfläche, auf der Forstleute das Anzeichnen von Bäumen üben. Dort lernen sie, wie Eingriffe die Entwicklung eines Bestandes über Jahre und Jahrzehnte beeinflussen.

Dieses Wissen gewinnt an Bedeutung. Wie in der Schweiz führen auch in der Ukraine Klimawandel, längere Trockenperioden und steigende Temperaturen zu Problemen. Arten wie Fichte und Buche reagieren empfindlich und zeigen Stresssymptome.

In tieferen Lagen mit Kiefernwäldern treten zudem häufiger Brände auf, ausgelöst durch Trockenheit, manchmal auch durch die Folgen des Krieges. Försterinnen und Förster suchen deshalb nach Wegen, Wälder widerstandsfähiger zu machen. Arten wie Eiche oder Douglasie könnten dabei eine Rolle spielen. Entscheidend bleibt jedoch vor allem eines: Vielfalt.

Als die Douglasien hier gepflanzt wurden, experimentierte die Forstwirtschaft mit neuen Ideen. Heute helfen dieselben Bäume dabei, einer neuen Generation zu zeigen, wie Wälder durch die Herausforderungen der Zukunft begleitet werden können. Jede Entscheidung darüber, wo man pflanzt, welchen Baum man fällt und welchen man stehen lässt, wirkt über Jahrzehnte hinweg. Die Bäume, die hier vor mehr als einem Jahrhundert gesetzt wurden, erinnern daran, dass die Wälder der Zukunft längst begonnen haben zu wachsen.

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